Markt im NDR Fernsehen und das Mitleid mit Menschen mit Behinderung

Guten Abend!
Gerade habe ich den Betrag zu den Steak Grills bei „Markt“ gesehen. Ich bin ziemlich sauer, weil unkommentiert die Stellungnahme von Beefer zur Verletzungsgefahr an dem einen Teil übern Sender gegangen ist. Arbeiten Menschen mit Behinderung schlechter? Ich finde das diskriminierend und fühle mich als Mensch mit Behinderung selbst auch diskriminiert. Ich arbeite und mache meinen Job ebenso gut wie meine Kolleginnen und Kollegen ohne Behinderung.
Ich finde es schlimm, solche Statements unkommentiert zu lassen, weil das dazu beiträgt, Vorurteile stehen zu lassen und zu verfestigen. Im Übrigen ist in Werkstätten für Menschen mit Behinderung nie der (nicht einmal mit dem Mindestlohn bezahlte) Mitarbeiter mit Behinderung für die Qualität der gefertigten Produkte verantwortlich, sondern immer eine der gut bezahlten „Betreuungskräfte“. Die müssen eine zuverlässige Kontrolle der Produkte gewährleisten.
Ich bin Ergotherapeutin von Beruf und könnte mit/trotz meiner Behinderung als Arbeitstherapeutin so eine Betreuungstätigkeit ausüben.

Schade, lieber NDR, dass Euch das passiert. Guter Journalismus sieht anders aus.

Beste Grüße
Gabi

 

 

Liebe Gabi, wir haben deine Nachricht an die Kollegen von Markt weitergeleitet und folgende Antwort für dich:

„Liebe Gabi,

vielen Dank für Ihr Schreiben. Kritik unserer Zuschauer nehmen wir sehr ernst und haben daraufhin den Beitrag noch einmal genau angeschaut und überprüft. Wir verstehen, was Sie meinen, können Ihre Kritik aber nicht ganz teilen. Unsere Absicht war nie, Menschen mit Behinderungen zu diskriminieren. Auch vom Hersteller „Beefer“ ist unser Eindruck, dass die Menschen mit Behinderungen nicht für die Qualität des Produktes verantwortlich gemacht werden sollten. Vielmehr wollten wir das Gegenteil bewirken, d.h. zum Ausdruck bringen, dass wir anerkennen, dass „Beefer“ seine Hochtemperaturgrills in Werkstätten fertigen lässt, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Menschen mit Behinderungen und Entwicklungsauffälligkeiten in das Arbeitsleben zu integrieren. Vielleicht kann das für den einen oder anderen Verbraucher ja sogar ausschlaggebend für seine Kaufentscheidung gegenüber einem Produkt aus Billiglohn-Ländern sein.

Und das wollten wir – genau wie der Hersteller „Beefer“ – mit dem Zitat vermitteln. Leider kann man in Stellungnahmen in Fernsehbeiträgen nie die ganze Antwort unterbringen. Dass Sie die Verkürzung falsch verstanden haben, tut uns leid. Nochmals Danke für Ihre Kritik, das hat uns unser Tun noch einmal kritisch überprüfen lassen. Beim nächsten Mal werden wir das noch deutlicher herausarbeiten.

Bleiben Sie uns weiterhin kritisch gewogen.

Ihre Redaktion Markt“

 

Liebe Markt Redaktion!

Haben Sie schon mal was von Inklusion gehört? Wissen Sie, was das bedeutet? Da will niemand, dass irgendwelche Produkte aus Mitleid mit den armen Behinderten gekauft werden! Behindertenwerkstätten sind definitiv keine Inklusion! Sie sind auch das, was die UN in Deutschland in Sachen Inklusion am meisten kritisieren. Da sind Menschen, die ein Markenprodukt Made in Germany produzieren. Es ist egal, ob sie eine Behinderung haben oder nicht. Das spielt nämlich keine Rolle dafür, ob jemand Fehler bei seiner Arbeit macht oder nicht (ich frage jetzt mal ganz ketzerisch, ob das Redaktionsmitglied, das das Zitat ausgewählt hat, diesen Fehler vielleicht gemacht hat, weil es eine Behinderung hat? 😉).
Ich finde es absolut unglaublich, dass es hier immer noch um Mitleid und nicht um Respekt geht! Da braucht man sich dann auch nicht zu wundern, dass zwanzig Jahre nach Inkraftsetzung der UN Behindertenrechtskonvention immer noch alles so schleppend voran geht in Sachen Inklusion.

Ich werde unsere Konversation hier, so wie sie ist, in meinen Blog inklusionjetzt.com stellen und auf Facebook und Twitter teilen.

Ich bin gespannt auf die Diskussion.

Wir Menschen mit Behinderung sind vielleicht ein bisschen sensibler geworden und ebenfalls aufmerksamer und kämpferischer. Aber das ist auch Inklusion. Nur wenn wir uns bemerkbar machen, kann sich auch etwas verändern. Wir wollen und brauchen Euer Mitleid nicht! Wir wollen und brauchen echte Inklusion! Die haben wir aber erst, wenn man gar nicht mehr darüber reden muss.

Beste Grüße
Gabi

 

Hoppla! Im Überschwang der Gefühle habe ich die UN Behindertenrechtskonvention doppelt so alt gemacht wie sie ist. Aber ich bin ja auch behindert. 😉

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Resterampe

Kommen Sie! Greifen Sie zu! In Zeiten des Fachkräftemangels kriegen Sie von uns eine Fachkraft geschenkt! Greifen Sie zu! Sie können die Fachkraft sogar ausprobieren. Bei Nichtgefallen geben Sie sie einfach zurück!

Arbeitgeber aufgepasst! Kennen Sie schon die Probebeschäftigung für Behinderte Menschen? Bei Neueinstellung können Sie einen 100%igen Lohnkostenzuschuss erhalten (...)

Wer will noch mal, wer hat noch nicht? Greifen Sie zu! Es kostet nichts und es gibt auch kein Risiko! 

Ich finde es ja gut, dass die Agentur für Arbeit und das Jobcenter endlich kapiert haben, dass man bei den Arbeitgebern ansetzen muss, wenn man Menschen mit Behinderung in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse auf dem ersten Arbeitsmarkt bringen will. Aber doch bitte nicht so! Das ist keine Inklusion! Hier werden Arbeitnehmer mit Behinderung oder ihnen Gleichgestellte wie Sauerbier angepriesen. Dabei kann man der Statistik der Agentur für Arbeit entnehmen: „Schwerbehinderte Arbeitslose sind im Durchschnitt zwar älter, aber im Mittel auch etwas höher qualifiziert als nicht-schwerbehinderte Arbeitslose. Dabei war 2016 der Anteil der arbeitslosen schwerbehinderten Frauen ohne Berufsabschluss etwas höher als bei den arbeitslosen schwerbehinderten Männern – aber immer noch geringer als bei den nicht-schwerbehinderten arbeitslosen Frauen.“  (Quelle: Arbeitsmarkt kompakt 2017 Situation schwerbehinderter Menschen).

Detailierteren Statistiken kann man sogar entnehmen, das der überwiegende Teil der der Arbeitnehmer mit Behinderung (und der Gleichgestellten) über eine abgeschlossene Berufsausbildung verfügt oder sogar einen akademischen Abschluss hat.

Arbeitgeber sind verpflichtet, Menschen mit Behinderung zu beschäftigen! Es wird ihnen aber immer noch viel zu leicht gemacht, sich dieser Verpflichtung zu entziehen. Kleine Betriebe sind sowieso außen vor. Erst ab zwanzig Mitarbeitern greift die Quote von 5 % Mitarbeitern mit Behinderung. Größere Betriebe kaufen sich über eine lächerlich niedrige Ausgleichsabgabe von ihrer Pflicht zur Beschäftigung von Menschen mit Behinderung frei. Eine andere Möglichkeit ist, einfache Tätigkeiten an eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung abzugeben. Dabei schlägt man dann gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe: man hat die Menschen mit Behinderung nicht im eigenen Betrieb, man muss keine Ausgleichsabgabe zahlen, man bekommt hervorragende Arbeit für ganz kleines Geld (die Menschen in den Werkstätten haben ein Einkommen auf Sozialhilfeniveau und bekommen nicht einmal Mindestlohn!), und man kann sich ganz sozial geben, weil man ja was für die Behinderten tut…

Arbeitgeber, die aber doch selber Mitarbeiter mit Behinderung einstellen, können davon profitieren: da ist zunächst einmal der Lohnkostenzuschuss, eigentlich gedacht als Minderleistungsausgleich. Minderleistung? Die meisten Arbeitnehmer mit Behinderung, die wirklich arbeiten wollen, leisten eher mehr als 100 %, aus Angst, ihren Job wieder zu verlieren. Das heißt, dass der Arbeitgeber einen qualifizierten,  überdurchschnittlich engagierten Mitarbeiter bekommt, für den er oft nur die Hälfte oder weniger des regulären Gehaltes zahlen muss. Dazu werden oft auch Kosten für die behinderungsbedingte Anpassung oder Ausstattung des Arbeitsplatzes bezahlt.

Ich finde es sehr schade, dass man versucht Arbeitgeber in marktschreierischer Weise zu ködern mit einem Angebot, dass schnell zur Enttäuschung werden kann. Gerade viele Menschen, die einen GdB unter 50 haben, haben meistens keine Einschränkungen, die so stark sind, dass sie einen (hohen) Lohnkostenzuschuss rechtfertigen würden. Gewöhnlich wird der Zuschuss auch nur zeitlich begrenzt gewährt (blöd für den Arbeitnehmer, wenn dass mit dem Ende des befristeten Arbeitsvertrages zusammenfällt…)

Es wäre sinnvoller Arbeitgeber an ihre Verpflichtung zur Beschäftigung von Menschen mit Behinderung zu erinnern. Das könnte man ihnen schmackhaft machen, indem man ihnen klar macht, dass sie andernfalls auf gut qualifizierte Mitarbeiter verzichten, die zudem gewöhnlich hoch motiviert sind. Dann sollte man die Ausgleichsabgabe mindestens verdreifachen und die jährlichen Meldungen über die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung auch überprüfen. Das Freikaufen über die Vergabe von Aufträgen an WfbM sollte gar nicht mehr möglich sein.