Doch nur eine leere Worthülse…

„Menschen mit Schwerbehinderung werden bei gleicher Qualifikation bevorzugt eingestellt “ – Hurra! Dann finde ich bestimmt ganz schnell Arbeit. Qualifiziert bin ich ja, außerdem auch up to date in Bezug auf Fort- und Weiterbildung.

Bevorzugt – wenn da nicht einer besser qualifiziert ist als ich, habe ich die Stelle. Toll! Wie gesagt, die Qualifikation ist ganz passabel, Erfahrung bringe ich auch mit. Zudem sollte man bei mir auch nicht mehr damit rechnen, dass ich noch mal schwanger werden will. Eltern, die mal pflegebedürftig werden könnten, habe ich nicht mehr. Die sind schon vor vielen Jahren verstorben. Alles eine Menge Pluspunkte!

Also ein kurzer Anruf beim potentiellen Arbeitgeber, um noch eine letzte kleine Frage abzuklären: Ich interessiere mich für die ausgeschriebene Stelle. Wie barrierefrei ist es denn bei Ihnen? Ich bin nämlich Rollstuhlfahrerin. – Schlucken und kurzes Herumdrucksen am anderen Ende der Leitung.  Nun ja, so wirklich barrierefrei ist das bei uns nicht….

Was für Leute mit Schwerbehinderung stellen die sich denn vor, die sie bevorzugt einstellen wollen? Nicht vorhandene Barrierefreiheit macht den Satz in der Stellenausschreibung doch zu einer Phrase ohne was dahinter, zu einer leeren Worthülse!

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Klauen Rollstuhlfahrer Einkaufswagen?

Einkaufswagen für Rollstuhlfahrer sind beliebte Diebesbeute. – Zu diesem Schluss muss man jedenfalls kommen, wenn man bei IKEA in Lübeck so einen Einkaufswagen benutzen möchte.

Zunächst einmal vorweg: Es ist super, dass IKEA Lübeck seinerzeit sehr schnell reagiert hatte auf die Anregung, Einkaufswagen für Rollstuhlfahrer anzubieten. Das ist sehr zu loben, zumal es für IKEA-Häuser nicht selbstverständlich ist, diesen Service im Sinne der Inklusion und zum Wohle der Kunden vorzuhalten. IKEA in Hamburg Schnelsen beispielsweise reagiert nicht einmal auf E-Mails mit dieser Anregung…

So nun zu dem eigentlichen Problem: Wer bei IKEA Lübeck einen Rolli-Einkaufswagen benutzen will, muss erstmal einen Mitarbeiter mit Schlüssel suchen oder herantelefonieren lassen, damit der Wagen losgekettet werden kann. Das ist je nach Tageszeit und Wochentag unterschiedlich aufwendig. Wenn es nicht zu voll ist, kann man sich an die Mitarbeiter an der Kinderbetreuung wenden. Unter der Woche morgens geht das aber nicht, weil die Kinderbetreung da nicht geöffnet hat. Dann muss man jemanden vom Kassenpersonal ansprechen, der dann jemanden anruft. Der kommt dann mit dem Schlüssel. Kunden ohne Behinderung haben schon ihren Bummel durchs Möbelhaus begonnen – sie nehmen sich bei Bedarf eine der großen Einkaufstaschen oder später einen von den Einkaufswagen, die in langen Schlangen am Eingang der „Markthalle“ stehen, ohne Kette und Schloss(!).

Ok, der Schließer ist also da. Bevor der Wagen losgekettet wird, ist nun aber noch ein Leihvertrag auszufüllen und zu unterschreiben. Damit aber nicht genug: IKEA Lübeck misstraut seinen Kunden so sehr, dass die Angaben im Leihvertrag auch noch mit dem Personalausweis abgeglichen werden! Die Daten in diesem Leihvertrag werden sogar noch ein halbes Jahr gespeichert!  Genau SO habe ich es gestern erlebt. Ich habe auf den Einkauf bei IKEA verzichtet. Eigentlich wollte ich ein bisschen durchbummeln – neben Kleiderbügeln, Servietten, Kerzen, Blumentöpfen und Gläsern wäre sicher doch der ein oder andere Schnickschnack noch mit im Wagen gelandet…

Aber es ist ja nicht immer so mit den Rolli-Einkaufswagen bei IKEA Lübeck : manchmal wird der Wagen nur losgekettet und man muss nichts unterschreiben oder der Mitarbeiter trägt den Namen in den Leihvertrag ein und man unterschreibt. Keine Ahnung, wonach sich das richtet. Die IKEA-Mitarbeiterin gestern hat jedenfalls gesagt, dass es so läuft, dass der Leihvertrag ausgefüllt und mit dem Personalausweis abgeglichen wird: „Das machen wir immer so, seit wir die Wagen haben!“ Begründung: „Die sind ja auch sehr, sehr teuer, diese Einkaufswagen“.

Nach dem Einkauf mit dem Rolli-Einkaufswagen muss man leider auch bei strömenden Regen den Wagen wieder reinbringen. Da man ja einen Vertrag unterschrieben hat,macht man sich jetzt wieder auf die Suche nach einem Mitarbeiter, der einem den Wagen wieder abnimmt und sich darum kümmert, dass man seine zweite Unterschrift unter den Vertrag setzen kann, mit der man die Rückgabe quittiert.Insgesamt muss man so als Rollstuhlfahrer etwa eine Viertelstunde mehr einplanen als andere Kunden, wenn man den speziellen Einkaufswagen benutzen möchte.

Ich habe inzwischen ja einige Erfahrung mit dem Einkaufen als Rollifahrerin, ganz viel in Geschäften, die auch solche Einkaufswagen haben. Außer bei IKEA stellt man sich aber nirgends so an. Edeka, Rewe, Netto, Budni und Famila haben ihre „sehr, sehr teuren“ Rolli-Einkaufswagen frei zugänglich im Eingangsbereich stehen. Da ist nichts angekettet. Lidl hat seine draußen auf dem Parkplatz im Unterstand neben den anderen Einkaufswagen. Hier benötigt man eine Pfandmünze. Es ist noch nicht einer von den Wagen weggekommen oder beschädigt worden. Alle diese Wagen dürften genau so teuer in der Anschaffung gewesen sein, wie die von IKEA Lübeck. Sie sind alle von der Firma Wanzl. Der von Lidl ist vermutlich noch ein ganzes Stück teurer, weil er größer ist als das Standardmodell in den anderen Geschäften. Ebenso könnten auch die Wagen von Famila in Neumünster etwas mehr gekostet haben, sie sind etwas schicker in braun gehalten und nicht im üblichen Zink.

Bei allen Geschäften würde man mir auch helfen, meine Ware zum Auto zu bringen, wenn ich mal sehr viel mehr habe, als in den Wagen passt oder etwas Sperriges. Diesen Service bietet IKEA übrigens generell nicht an. Aus Versicherungsgründen dürfen die Mitarbeiter nichts mit rausbringen und mit auf den Parkplatz gehen….

Rollifahrer und psychisch krank? Dumm gelaufen….!

Kliniken, Begegnungsstätten, Pflegeeinrichtungen, Gesundheitsämter, Arztpraxen etc. sind da für kranke Menschen. Behinderung wird ja oft auch mit Krankheit gleichgesetzt. Da ist der Schluss ja naheliegend, dass hier in Sachen Barrierefreiheit und Inklusion alles schon besonders weit fortgeschritten sein müsste. Das ist aber ein gewaltiger Trugschluss! Inklusion ist im Gesundheitswesen noch ein Fremdwort! Barrierefreiheit ist nur rudimentär vorhanden, vor allem in den Köpfen der Verantwortlichen.

Rollifahrer mit behandlungsbedürftiger Depression

Nehmen wir mal einen Rollstuhlfahrer, der in eine schwere depressive Episode rutscht – das ist eine Erkrankung, die in jedem Falle behandlungsbedürftig ist. Dies ist oft verbunden mit einem stationären oder teilstationären Klinikaufenthalt. Laut der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN ) liegt die Wahrscheinlichkeit, wenigstens einmal im Leben eine schwere behandlungsbedürftige Depression zu entwickeln bei 16 bis 20 %. Für den Rollstuhlfahrer kann es nun ziemlich schwierig werden. Vor allem in älteren Krankenhäusern mit psychiatrischer Station sind die Patientenzimmer klein und sehr eng bemessen, vielmehr als die drei bis sechs Betten nebst Nachtschränken, Tisch und Stuhl passen da nicht rein. Mit Glück sind zumindest die sanitären Einrichtungen einigermaßen groß. Das bedeutet aber nicht, dass auf der Toilette ein Umsetzen aus dem Rollstuhl von beiden Seiten möglich ist (letzteres wird übrigens auch in Neubauten standhaft nicht berücksichtigt!). Platz, den Rollstuhl in erreichbarer Nähe des Bettes abzustellen ist schon gar nicht…. Das nächste Problem ist die Personalausstattung: Ein Rollifahrer, der zusätzlich zu seiner Erkrankung durch die räumlichen Gegebenheiten in der gewohnten Selbständigkeit eingeschränkt ist, macht mehr Arbeit. Ganz zu schweigen davon, welchen Einfluss das auf den weiteren Verlauf der Depression hat. Viele Kliniken stoßen bei einem Rollifahrer dann auch im therapeutischen Bereich auf Grenzen, vor allem Ergotherapieräume befinden sich oft im Keller oder Dachgeschoss, leider nicht über einen Aufzug zu erreichen……

In Tageskliniken und Begegnungsstätten für Menschen mit psychosomatischen oder psychiatrischen Krankheiten sieht es meistens nicht besser aus. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass die Leute, die die Sozialpsychiatrie in den vergangenen Jahrzehnten vorrangetrieben haben, eine Schwäche für hübsche alte Häuser haben…. Leider sind diese nicht immer praktisch, vor allem, wenn sie auch noch denkmalgeschützt sind. Wenn unser Rollifahrer nicht schon depressiv wäre, würde er es vermutlich bei dem Gedanken an die Behandlungsmöglichkeiten werden…

Persönlichkeitsstörung und Chirurgie oder Innere Medizin

Menschen mit einer psychischen Behinderung oder Erkrankung haben es in unserem Gesundheitswesen besonders schwer. Ich denke da gerade an ein Gespräch mit der Filmemacherin Andrea Rothenburg (Psychiatriefilme, Internetseite zu den Filmen von Andrea Rothenburg) – sie meinte Anti-Stigma-Arbeit zu psychische Erkrankungen müsse man bei denen anfangen, die mit den Kranken zu tun haben (auch und gerade in der Psychiatrie). Tatsächlich gibt es unter denen, die es eigentlich von Berufs wegen besser wissen sollten, viele, die die gleichen Vorurteile haben wie jeder andere, der nichts oder wenig über psychisch Kranke weiß. Mediziner aus anderen Disziplinen verhalten sich gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen oft abweisend oder diskriminierend. Das können vor allem Patienten mit Persönlichkeitsstörungen vom Borderlinetyp oft leidvoll bestätigen. Diese Patienten fügen sich aufgrund ihrer Krankheit häufig selber Verletzungen zu, mitunter so schlimm, dass sie chirurgisch oder internistisch behandelt werden müssen. Besonders grausam fand ich die Schilderung einer Frau mit einer Verletzung, die genäht werden musste. Der Arzt meinte, dass er bei ihr ja auf die Betäubung verzichten könne, was er dann auch tat (!). Auf einer internistischen Station wurde ein Patient schlicht als „bekloppt“ abgestempelt. Denn es kann ja gar nicht anders sein, wenn man sich selber Schaden zufügt.

Menschen mit geistiger Behinderung im Krankenhaus

Erwachsene Menschen mit einer geistigen Behinderung leben in unserer bisher wenig inklusiven Gesellschaft meistens in Wohneinrichtungen speziell für sie oder werden von ihren Eltern versorgt und behütet.Gewohnte Personen und ein klar geregelter Tagesablauf geben hier halt. Etliche brauchen auch genau das. Steht nun aber ein Krankenhausaufenthalt an, bricht quasi eine Welt zusammen. Nicht immer ist es möglich, dass eine vertraute Person den Krankenhausaufenthalt begleitet. Das ist schwierig, schrecklich und anstrengend für alle Beteiligten. Der behinderte Mensch versteht die Situation oder das, was da passieren soll oft nicht und hat Angst. Pflegepersonal, Ärzten und Therapeuten fehlt die Zeit, auf den Patienten seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten entsprechend einzugehen. Es gibt kaum Informationen in Leichter Sprache und da , wo es sie gibt, wissen Mediziner häufig nichts davon. „Wichtige Gespräche“ werden mit dem Betreuer oder Eltern geführt, oft im Beisein des Patienten, aber ohne ihn einzubeziehen oder so zu reden, dass er folgen kann.

Hörgeschädigte und Sehgeschädigte Patienten sind ziemlich aufgeschmissen, ohne eigene Assistenz

Ab und zu investieren Staat und Klinkbetreiber ja in vorhandene oder neue Gebäude. Dabei scheint es aber nicht so sehr darum zu gehen, dass das was entsteht auch zum Nutzen der Patienten ist… Ich denke da beispielsweise an die farbliche Gestaltung in Kliniken. Kräftige Kontraste können hilfreich bei der Orientierung sein, ebenso wie Unterschiede in der Farbgestaltung verschiedener Stockwerke und Stationen. Ich war noch in keinem Klinikgebäude, das über Wegweiser für Blinde oder Sehgeschädigte verfügte. Aber vielleicht gibt es das ja irgendwo(?). Gebährdendolmetscher gibt es ebenfalls nicht in Kliniken, geschweige denn anderen Einrichtungen für Kranke. Dazu kommt dann noch die Unsicherheit des medizinischen Personals, verbunden mit zahlreichen Vorurteilen.

 

Der Anlass zu diesem Artikel war meine Suche nach einer neuen Arbeitsstelle als rollifahrende Ergotherapeutin während der letzten Monate. Zuletzt habe ich in der Psychiatrie gearbeitet, leider mit einer befristetene Stelle. Und Psychiatrie sollte es jetzt auch gerne wieder sein. Dabei ist mir sehr deutlich vor Augen geführt worden, wie viele Einrichtungen für psychisch kranke Menschen im südlichen Schleswig-Holstein und im Norden Hamburgs nicht für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen geeignet sind. Dabei handelte es sich um Tages- und Begegnungsstätten von unterschiedlichen Trägern, Reha-Einrichtungen, Tageskliniken, Kliniken und Wohneinrichtungen. Ich hatte im Gespräch nie den Eindruck, dass sich bei besagten Einrichtungen in absehbarer Zeit irgendetwas daran ändern wird (soll). Dabei ist Inklusion dort durchaus ein bekanntes Schlagwort, zum Teil sogar Bestandteil des Leitbildes…..

….und wie ist das als Rollstuhlfahrer in China?

Ich bin hier in Tianjin. Diese Stadt war neben Peking einer der Austragungsorte der Olympiade und der Paralympics 2008. Barrierefreiheit gibt es hier aber so gut wie überhaupt nicht. Rollstuhlfahrer gibt es im Straßenbild aber auch so gut wie überhaupt nicht. Wenn man mal einen Menschen im Rollstuhl sieht, ist es meistens ein Senior, der von den angehörigen in einem eher klapperig wirkenden Teil durch die Gegend geschoben wird. Auch sonst sind mir hier praktisch keine Menschen mit einer Behinderung aufgefallen. Ob die nicht nach draußen kommen? Ich werde teilweise auch angesehen, wie von einem anderen Stern.

Die Gehwege haben überwiegend sehr hohe Bordsteine, Absenkungen gibt es leider nur wenige. Darum gucke ich immer, ob ich möglicherweise bald die Straßenseite wechseln will oder muss. Wenn keine Absenkung in Sicht ist, bleibe ich gleich auf der Straße. Das ist hier zum Glück aber nicht so ungewöhnlich, weil erstens die Straßenränder immer in zwei bis drei Reihen zugeparkt sind und zweitens zwischen den Rad-, E-Bike- und Roller-Fahrern immer viele Fußgänger rumlaufen.

Schwierig ist es hingegen mit den vielen Stufen und Treppen. Rampen gibt es nämlich nur sehr wenig. Vor dem Eingang der meisten Geschäfte, auch in der Fußgängerzone, gibt es eine bis zwei Stufen zu überwinden. Das nervt ziemlich. Ich denke, dass China mit einer Bevölkerung, die ja auch nicht jünger wird, sich in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren darüber auch Gedanken machen muss…

Ein weiteres Problem sind recht enge Absperrbügel. Die sollen wohl dazu dienen, die allgegenwärtigen Zweiräder abzuhalten. Mit dem Rolli hat man leider auch keine Chance da durch zu kommen.

Öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, ist auch nicht so ganz einfach. Zum einen gibt es nicht immer Aufzüge zu den U-Bahnen. Bei den vorhandenen ist nicht immer ganz sicher, dass sie auch in Betrieb sind. Das nächste Problem sind dann die Durchgänge, an denen die Fahrkarte kontrolliert wird. Wenn kein Personal da steht, kommt man nicht durch, weil der breite Durchgang extra geöffnet werden muss. Toll ist es allerdings, wenn man dann auf dem Bahnsteig ist. Die U-Bahn-Züge lassen sich nämlich stufenlos und lediglich mit einem schmalen Spalt problemlos mit dem Rollstuhl befahren! Das wünsche ich mir auch in Europa!

Bus zu fahren, habe ich bisher gar nicht erst ausprobiert. Die Busse, die ich vorbeifahren gesehen habe, hatten alle keinen Rollstuhl geeigneten Einstieg. Das heißt, dass es nicht nur keine Rampe gab, sondern, dass es außerdem auch noch eine Stufe an der Hintertür gibt. So wie bei den Bussen bei uns in den 70er und 80er Jahren noch.

Ein absolut übliches Nahverkehrsmittel hier ist das Taxi. Es ist zumindest für unsere Begriffe sehr billig. Bis zu drei Kilometern zahlt man 8 Yuan, das sind umgerechnet ca. 1,20 Euro. Danach kostet jeder weitere Kilometer 1,70 Yuan. Einige Taxifahrer, können sich nicht vorstellen, dass sie meinen Rolli mitkriegen. Die winken ab und fahren einfach weiter. Aber die meisten sind einfach nur erstaunt, wie leicht sich die Räder abmontieren lassen und sich der Rest mit umgeklappter Rückenlehne einfach auf dem Rücksitz verstauen lässt.

Leider befinden sich unter den Taxifahrern aber die größten Gauner und Schlitzohren, die ich hier bisher getroffen habe: Grundsätzlich muss man immer drauf achten, dass das Taxameter auch wirklich auf NULL gestellt wird. Trotzdem wird dann noch versucht zu tricksen bzw. es wird auch getrickst! Ein Taxifahrer wollte mir schon beim Einsteigen weiß machen, dass ich für einen bestimmten Weg 20 Yuan bezahlen muss. Darauf hin habe ich meinen Stadtplan gezückt und ihm gezeigt, dass ich sehr wohl weiß, wo ich mich befinde und wo mein Ziel ist – zwischen 10 und 15 Yuan sollte das Maximum liegen. In einem anderen Taxi habe ich auf dem Beifahrersitz sitzend, sehr genau das Taxameter beobachtet – bereits bei  4,7 und später bei 5,4 Kilometern sprang die Preisangabe um. Den Vogel abgeschossen haben dann die Taxifahrer am Water Park, einer wunderschönen Grünanlage und Naherholungsgebiet. Auf dem Hinweg haben wir für das Taxi 15 Yuan bezahlt. Als wir zurück fahren wollten, sollten wir 50 (!) Yuan bezahlen. Dazu waren wir aber nicht bereit. Leider hatten sich die Taxifahrer dort mehr oder weniger untereinander verständigt. Aber meine Erfahrung aus Afrika vor 25 Jahren hat mich gelehrt, dass man nur ein paar Ecken weiter zu gehen braucht, weg von der bei Touristen beliebten Stelle. Da findet man dann auch wieder vernünftige Taxifahrer, die nicht denken, dass Touristen nur zum beschei… und ausnehmen da sind. Bei dem Taxi, in das wir dann eingestiegen sind hatte ich sofort ein gutes Gefühl. Das lag auch an dem kleinen Buddha, der da am Rückspiegel hing. Dem Fahrer war es am Schluss sichtlich peinlich, dass er wegen des Weges nicht 100 % sicher war. Er schien mir sehr erleichtert, dass wir schon kurz vor dem Ziel aussteigen wollten und er sich nicht durch die Einbahnstraßen suchen musste.

Um es klar zu stellen, es geht mir hier nicht um 20 Cent oder einen Euro. Aus Afrika weiß ich aber, dass sich an dem Verhalten der Taxifahrer nichts ändern wird, wenn es ihnen immer wieder gelingt, die Leute über den Tisch zu ziehen. Wenn alles korrekt gelaufen ist, bin ich gerne großzügig mit Trinkgeld.

Heute ist Schietwetter, ich schreibe noch ein bisschen…

Tianjin ist eine riesige Stadt, ein bisschen wie ein Ameisenhaufen, zumindest wenn man den Straßenverkehr betrachtet. Es gibt eine Menge riesiger Wolkenkratzer und dazwischen wieder niedrigere Gebäude. Gleich unterhalb unseres Hotels befindet sich ein kleines Wohnviertel, mit winzigen Restaurants und kleinen Verkaufsständen, an denen es beispielweise frittierte Fleischspieße gibt. Die Gässchen sind eng und die Häuser klein. Alles wirkt ein bisschen düster. Aber hier wohnen die Chinesen.IMG_2247

Dann wieder gibt es eine riesige Fußgängerzone mit so ziemlich allen Bekleidungsladenketten und andern Läden, wie wir sie auch aus Europa kennen. Alles ist ziemlich groß und bunt, vor allem Werbetafeln. Von denen gibt es auch so gigantische, die leuchten und blinken und ihre Anzeige wechseln. Mir ist noch nicht so ganz klar, ob und wie sich die Chinesen es leisten können, in den Läden in der Fußgängerzone einzukaufen. Es gibt nämlich in den Vierteln abseits der großen Geschäftsstraßen auch unzählige kleine Läden, die ein bisschen an die türkischen Gemischtwarenläden bei uns in Deutschland denken lassen. Aber bisher konnte ich noch keinen Markt ausfindig machen, wo es Obst und Gemüse gibt.

Die U-Bahn, wenn ich den Plan richtig deute, sind es nur vier Linien, habe ich bisher noch nicht benutzt. An der Station gleich gegenüber von unserem Hotel funktioniert nämlich der Aufzug nicht. Außerdem weiß ich auch nicht, ob an einem möglichen Zielbahnhof überhaupt ein Aufzug wäre. Da nehme ich lieber ein Taxi. Taxi fahren ist für uns Europäer ziemlich billig. Eine Strecke bis zu drei Kilometer kostet gerade einmal acht Yuan, das ist umgerechnet rund 1, 20 Euro. Jeder Kilometer mehr kostet 1,70 Yuan. Das sind etwa 20 Cent.

Einen Tag sind mein Mann und ich am Fluss,IMG_2280 dem Hayhe, entlang in die Stadt gegangen. An einer Brücke wäre der Weg eigentlich über eine Treppe weitergegangen. Mit etwas runterbeugen, konnte ich im Rolli aber auch unter der Brücke durchfahren. Mein Mann musste sich da schon ein bisschen mehr ducken. In der Mitte war es dann etwas höher. Von unten war die Brücke komplett verkleidet. Aber an einigen Stellen fehlten ein paar von den Verkleidungsplatten und man konnte in das Innere gucken. Mein Mann meinte: „Ich guIMG_2279cke mir ja gerne mal so eine Brückenkonstruktion an“. Also inspizierte er ausgiebig die Verkleidungslücken. An dem einen Loch wollte ich gerade eher scherzhaft fragen: „Guckst du immer in anderer Leute Schlafzimmer?“ Ich hatte dort nämlich eine Decke liegen sehen. In dem Moment blickte unter der Decke ein verschlafenes Gesicht hervor. Ich war ziemlich überrascht. Immerhin ist China doch ein kommunistischer Staat. Da dürfte es doch eigentlich nicht solche Armut geben, dass jemand unter der Brücke leben muss – oder?

Aber so ganz verstehe ich das System sowieso nicht. Gerade hier im Hotel habe ich das Gefühl, dass es ganz krasse Hierarchien gibt. Volksrepublik stelle ich mir irgendwie anders vor.  Auch mit weniger Unterschieden zwischen arm und reich.  Wie passen da dieses Hochglanz-China auf der einen Seite und die niedrigen dunklen Gässchen mit kleinen Häusern auf der andern Seite dazu? Wie ich im vorigen Blog-Beitrag schon geschrieben habe, sind die Autos, die hier herumfahren alle ziemlich neu und modern. Andererseits gibt es aber auch unzählige Taxis,  die auch ständig unterwegs und meistens besetzt sind.  Ebenso werden die U-Bahn und die Busse reichlich genutzt, naja und dann eben die vielen, vielen E-Räder und –Roller. Es gibt diese Fahrzeuge auch als Dreiräder mit einer kleinen Ladefläche, die oft auch bis an die Grenzen aller Naturgesetze ausgenutzt wird. Wer sind die Leute mit den neuen modernen Autos? Und wer muss eben doch Bus, U-Bahn, Taxi oder E-Bike fahren?IMG_2345

Wer bestimmt, wer oben ist und wer unten? Was passiert da alles irgendwo hinter den Kulissen. Für uns sieht es so aus, als würden die Leute alle ein ganz normales Leben führen, als gäbe es keine Einschränkungen. Und dann schalte ich den Computer an und kann weder Google, noch Facebook oder Twitter nutzen. Auch andere Web-Sites sind einfach gesperrt und öffnen sich nicht.

Vor ein paar Tagen stand ich abends am Fenster unseres Hotels und dachte an die Menschen, die wegen unterschiedlicher Delikte, auch politischer, eingesperrt oder hingerichtet werden. Ich habe mich gefragt, ob es auch hier in Tianjin eine Hinrichtungsstätte gibt. Ist mir hier auf der Straße vielleicht schon jemand begegnet, der einen Erschießungsbefehl ausgeführt hat?  Ich weiß es nicht. Wie gerne würde ich mal wieder die Welt retten! Aber ich bin hier nur zu Gast in diesem Land. Ich könnte doch nichts ändern. Das müssten unsere Politiker tun und die Weltkonzerne, die hier inzwischen kräftig Geld verdienen, möglicherweise auch aufgrund von Zwangsarbeit. In der DDR hat es das gegeben, dass Strafgefangene Zwangsarbeit machen mussten auch für Westunternehmen. Ich denke, dass es hier nicht anders ist…

Urlaub in China

Eins der niedrigeren Gebäude in Tianjins Innenstadt

Tianjin, Downtown

China – das ist irgendwie eine ganz andere Welt und dann doch wieder gar nicht so fremd.

Natürlich habe ich mich vor meiner Reise hier her ein bisschen informiert, was mich hier erwarten und was ich hier vorfinden könnte. Aber grau ist alle Theorie….. Hinzu kommt, dass ich natürlich trotz aller Offenheit und Toleranz nicht frei bin von Vorurteilen und Klischeedenken. Ja und dann noch der Rollstuhl und die Vorurteile und Klischees in den Köpfen der anderen – vor der Abreise in Deutschland und natürlich auch hier.

Aber der Reihe nach. China hätte normalerweise nicht unbedingt ganz oben auf der Liste meiner Wunschreiseziele gestanden (ich frage mich gerade, warum eigentlich nicht). Aber es ergab sich eben so, weil mein Mann hier beruflich zu tun und zwischendurch Gelegenheit hat, Urlaub zu machen. Darum – warum eigentlich nicht China?

Die Welt ist so riesig und es gibt so viele interessante Länder. Am liebsten würde ich sie und ihre Menschen alle kennenlernen. (Meine Neugierde und Abenteuerlust kennen da keine Grenzen.) Also auf nach China, nach Tianjin. Das liegt etwa 120 Kilometer von der Hauptstadt Peking entfernt, mit Chinas wichtigstem Hafen am Gelben Meer.

Ich bin hier her geflogen mit Lufthansa und Air China. Beide gehören zur Star Alliance, darum diese Kombination. Gebucht hatte ich meinen Flug übers Internet bei Air China, ganz normal ein Linienflug Economy Class. Komfortabel und problemlos wie bei anderen Fluggesellschaften auch. Etwas schwierig fand ich dann, herauszufinden, wie ich Air China mitteile, dass ich im Rollstuhl reise. Ich fand nur den Hinweis, dass ich dies bis 48 Stunden vor Abflug bei einer Fernreise machen muss. Aber WIE? Es gab kein Formular (haben die meisten anderen Fluggesellschaften leider auch nicht) und nicht einmal eine E-Mail Adresse. Unter Kontakt finden sich nur Telefonnummern zu einer Hotline („English“ – was macht einer der kein Englisch kann?, habe ich mich gefragt). Gut, ein Versuch dort anzurufen. Leider kam immer wieder die Bandansage, dass die Telefonnummer nicht vergeben sei. Darum habe ich dann direkt am Hamburg Airport angerufen. Dort wurde mir gesagt, dass Air China hier gar nicht vertreten sei. Am besten solle ich am Frankfurter Flughafen anrufen, von dort sollte ja der Air China Flug abgehen. Das habe ich dann auch gemacht und bekam die Telefonnummer des Stadtbüros von Air China, wurde außerdem aber noch auf die Hotline hingewiesen. Dabei hatte ich dann ein kleines Aha-Erlebnis: Ich hatte schon beinahe die richtige Nummer gewählt gehabt, aber eben nur beinahe. Ganz selbstverständlich ging ich von der üblichen 0800 aus. Da lag aber der Fehler – tatsächlich war es nämlich 00800.

Ich rief also die kostenpflichtige Hotline an (neugierig, ob dort tatsächlich nur Englisch gesprochen wird). Da hatte ich ein sehr nettes Gespräch auf Deutsch. Es wurde aufgenommen, dass ich mit Rollstuhl reise und ich erhielt den Hinweis, dass ich per E-Mail noch ein Formular zugesandt bekomme, das ich ausgefüllt zurück schicken möge. Das Formular kam als E-Mail Anhang im schreibgeschützten pdf-Format. Das bedeutet zum Zurückschicken: Formular ausdrucken, ausfüllen, einscannen und als E-Mail Anhang senden. NÖ! Das mache ich nicht! Nun werde ich bockig. Ich habe das Formular ausgedruckt und ausgefüllt. Wenn die das unbedingt haben wollen, bitte schön! Aber erst kurz vor Abflug beim Check in! Im Wesentlichen geht es in dem Formular darum, dass Air China sich von der Haftung entbinden lässt, sollte ich durch den Flug im Zusammenhang mit meiner Behinderung oder Erkrankung irgendeinen Schaden erleiden. Die sichern sich da zusätzlich ab. Keine Ahnung, wie das andere Fluggesellschaften bei Langstreckenflügen handhaben. Das fände ich schon mal interessant. Falls einer meiner Leser Erfahrung hat, immer her mit den Infos!

Auf geht’s! Mit dem Auto bin ich bis zum Langenhorner Markt gefahren. Dort gibt es ein kostenloses (!) Park & Ride Parkhaus. Ein Bus fährt von da direkt bis an die Terminals des Hamburger Flughafens. Das Auto habe ich auf einem Behindertenparkplatz gleich neben den Aufzügen abgestellt. Das war kein Problem, weil ich den blauen Parkausweis hier in China doch nicht benutzen kann, folglich konnte ich ihn in meinem Auto liegen lassen. Dann habe ich mein Gepäck auf meinem Schoß verstaut: zuerst die große Reisetasche, den diagonal über die Tasche verlaufenden Schultergurt habe ich mir um den Rumpf geschlungen; obendrauf die kleinere Handgepäckreisetasche (noch mal Danke an mein Töchterlein für dieses tolle, praktische Geburtstagsgeschenk!), die habe ich wiederum mit dem Schultergurt an der großen Tasche befestigt. Quer über meinen Schoß, unter die Taschen geschoben kamen noch die Krücken (habe ich schon mal erwähnt, dass ein Rollstuhl für einen Selbstfahrer keine Armlehnen haben sollte?!). An der Rückenlehne hatte ich auch den Schiebegriff montiert (mein Mann hatte mich darum gebeten, ihn mitzunehmen), meine Handtasche hatte ich auch hinten angehängt.

Mit Überbreite, wegen der Krücken und vollbepackt habe ich mich dann auf den Weg zum Bus gemacht. Kurz hatte ich noch darüber nachgedacht, ausnahmsweise ein Taxi zu nehmen. Am Langenhorner Markt stehen meistens auch welche. Aber das wäre wesentlich umständlicher gewesen. Die Taxis stehen nämlich neben der Bushaltestelle. Die 100 Meter Weg wären also die gleichen gewesen. Beim Taxi hätte ich aber mein ganzes Gepäck wieder abladen und am Flughafen wieder aufladen müssen. In den Bus konnte ich, so wie ich war, einfach reinfahren. Lediglich die Krücken hatte ich vom Schoß genommen.

Check in und Sicherheitskontrolle waren, wie immer am Hamburger Flughafen, kein Problem. Der Rolli wird gelabelt, das heißt, man bekommt die Gepäckanhänger an den Rollstuhl gehängt. Dann fuhr ich eigenständig und unbehelligt von übereifrigen Helfern alleine durch die Sicherheitskontrolle. Ich hatte noch ein bisschen Zeit in dem großen Buch- und Presseladen zu stöbern. Bücher hatte ich mehrere im Gepäck. Aber man kann ja nie genug Lesestoff haben. Ich kaufte mir aber nur eine Zeitschrift.

Ein kurzer, ruhiger Flug, natürlich mit Fensterplatz, brachte mich nach Frankfurt. Beim Aussteigen gab es fürs Personal ein bisschen Verwirrung, weil die die Information über den Weiterflug nach Peking hatten. Es war dort noch ein anderer Fluggast mit einer Behinderung, der hatte optisch eindeutig asiatische Wurzeln. Dem wollten sie dann meinen Rollstuhl geben, weil da ja schon der Anhänger bis Peking dran war. Den Irrtum habe ich dann aufgeklärt. Ich habe mich dann noch bis zur Passkontrolle begleiten lassen und, war ab dann wieder mein eigener Herr.

Am Gate habe ich dem Air China Personal dann das Formular in die Hand gedrückt und darauf hingewiesen, dass es ungünstig ist, so etwas im pdf-Format zu schicken, wenn man möchte, dass es ausgefüllt zurück gesandt wird.

Neun Stunden Flug und eine Zeitverschiebung von sechs Stunde hatte ich nun vor mir. Ich hatte natürlich wieder einen Fensterplatz in der Boing 777. Leider waren aber zu viele Wolken da. Zudem musste man irgendwann auch die Fensterblende schließen, damit sich am (mitteleuropäischen) späten Nachmittag zumindest ein bisschen das Gefühl von Abend und Schlafenszeit einstellen sollte, wohl um den Jetlag ein bisschen abzumildern. Ein bisschen geschlafen habe ich auch.

Gelandet ist der Flieger morgens um viertel nach fünf. Der Flughafen ist riesig. Von der Landebahn bis zum Terminal hatte das Flugzeug noch etliche Kilometer zu fahren. Beim Aussteigen stand mein eigener Rolli leider nicht bereit. Volens Nolens musste ich mich darum in dem bereitgestellten ungemütlichen Rollstuhl durch den riesigen Flughafen karren lassen. Nach der Visakontrolle bekam ich nach einigem Warten an der Gepäckausgabe dann endlich meinen Rollstuhl und meine Unabhängigkeit zurück.

Auf dem Weg durch den Zoll konnte ich dann gleich feststellen, dass die sonst so höflichen Chinesen vom Schlange stehen überhaupt nichts halten, sondern im Gegenteil offenbar einen Sport daraus entwickelt haben, sich besonders geschickt vorzudrängeln. Mir war das egal, im Urlaub habe ich Zeit. Im Gegensatz zu den meisten anderen wurde ich einfach durchgewinkt. Darüber war ich auch einigermaßen froh. Sonst hätte ich mein gerade gut verstautes und verschnürtes Bickbeermus wieder abladen müssen.

Draußen wartete der Fahrer vom Hotel mit einem Schild, auf dem mein Name stand. Das wollte ich ja schon immer mal. Bisher bin ich aber noch nie so gereist, dass es möglicherweise schwierig gewesen wäre, selbständig zur Unterkunft zu kommen.

Der Fahrer wollte mir mein Gepäck abnehmen, war dann aber auch ein bisschen erleichtert, als ich ihm zeigte, dass ich alles gerade gut verstaut hatte. Einige Schwierigkeiten bereitete es ihm allerdings zu akzeptieren, dass ich nicht geschoben werden wollte.

Über großzügige Autobahnen mit vier Spuren je Richtung ging es von Peking nach Tianjin. Da der Fahrer kein Englisch und ich kein Chinesisch konnte, war eine Unterhaltung auf der Fahrt nicht möglich. Stattdessen habe ich aus dem Fenster geguckt. Als blutroter Ball stand die aufgehende Sonne noch tief am Himmel. Überwiegend ging es durch ländliche Gebiete mit großen Feldern und Wald. Häuser waren da keine zu sehen.

Die Fahrweise der Autos ist abenteuerlich, das fiel mir dort auf der Autobahn auf, und auch hier in der Stadt ist es nicht anders. Gefahren wird da, wo man am schnellsten vorankommt. Rechts zu überholen, ist völlig normal. Die Autos, die hier fahren sind eigentlich alle recht neu und modern, viele europäische und amerikanische Modelle. Die Laster hingegen, die ich auf der Autobahn gesehen habe, erinnerten mich an das, was ich vor 25 Jahren in Afrika gesehen habe. Das lag nicht nur an der abenteuerlichen Verschnürung und Befestigung von Planen und Ladung. LKW-Planen-Befestigung mit Hilfe diverser Schnüre, Seile und Sonstigem ist hier in China sicher ein umfangreicher Diplom-Studiengang… Die Laster schienen alle uralt zu sein oder waren es auch.

Über allem lag (frühmorgendlicher, wie ich zunächst dachte) diesiger Dunst. Tatsächlich waren es aber Smog und Staub. Bei Windstille hängt das den ganzen Tag wie ein Hochnebel über der Stadt.

Nach dem Verlassen der Autobahn ging es direkt ins Verkehrs-Chaos von Tianjin. Wer es nicht gesehen hat und selber IMG_2375Teil davon gewesen ist, kann sich das nicht vorstellen. Jeder will so schnell wie möglich vorankommen, wobei nicht gerast wird (das wäre auch gar nicht möglich bei der Verkehrsdichte). Einzig die Ampeln werden beachtet, zumindest von den Autofahrern. Rechts abbiegen darf IMG_2373man allerdings immer, auch bei Rot. Ansonsten scheint es keine Regeln zu geben. Es wird gedrängelt, was das Zeug hält, ähnlich wie in der Schlange an der Zollkontrolle. Wenn es keine Ampel gibt, schlängeln sich Fußgänger einfach so durch den dichten fließenden Verkehr über die Straße. Wenn man Grün hat, sollte man als Fußgänger lieber nicht damit rechnen, dass die Rechtsabbieger, die ja fahren dürfen, Rücksicht nehmen. Ergänzt wird das Chaos durch Unmengen von Elektro-Fahrrädern und Elektro-Rollern. Die Hupe scheint hier eins der wichtigsten Teile am Auto zu sein. Hupen ist typischer Bestandteil des Verkehrslärms in China.

Am Hotel angekommen, wusste ich gar nicht, wie ich mich gegen so viel Hilfsbereitschaft wehren sollte.Unser Hotel in Tianjin

In den nächsten Tagen schreibe ich noch mehr. Ich bin ja nun schon ein paar Tage hier.

Ach ja, ich weiß leider nicht, ob von hier aus die Verlinkung mit Facebook und Twitter funktioniert. China hat beide geblockt. Also bitte gerne den Link über Facebook und Twitter teilen!

HILFE – Hilfe

Kann ich Ihnen helfen? – Brauchst Du Hilfe? – Unsere Mitmenschen helfen gerne. Und das ist auch gut so. Aber nicht immer wird Hilfe gebraucht oder gewünscht. Hilfe kann auch demütigen, entmündigen, erniedrigen, nur dem eigenen Wohlbefinden dienen, Angst machen, bedrängen oder übergriffig sein. Wer eine Behinderung hat, kennt sich meist aus mit Hilfe, damit Hilfe zu brauchen und auch zu bekommen, dass niemand da ist, um zu helfen oder ungefragt oder gefragt Hilfe aufgedrängt zu bekommen.

Helfen tut gut. Es gibt ein gutes Gefühl. Und wir haben in unserer Erziehung doch alle vermittelt bekommen, das es unhöflich ist, nicht zu helfen. Wer gläubig ist, hat gewöhnlich auch Bedeutung und Segen des Helfens im religiösen Kontext beigebracht  bekommen. Helfen ist eine Tugend. Wer nicht hilft, wird als hartherzig angesehen. Nicht zu helfen, macht Schuldgefühle.

Eine Menge Weisheit rund ums Helfen… 

Aber worauf will ich nun eigentlich hinaus?  Mir geht es darum, wie und wann man einem Menschen mit Behinderung hilft. Zunächst einmal ein konkretes Beispiel: Würde man einer fremden Frau, die dabei ist, etwas umständlich ein Buch in ihre Handtasche zu stecken, einfach so dazwischen greifen? Da denkt wohl jeder ein klares, empörtes Nein!  Wie sieht es aber aus, wenn diese fremde Frau im Rollstuhl sitzt und ihre Handtasche hängt hinten an der Rückenlehne? Immer noch klar und empört Nein? Leider nicht.

Irgendwie scheinen Taschen, die hinten am Rolli hängen, ganz selbstverständlich für jedermann zugänglich zu sein. Ich habe das schon mehr als einmal erlebt, dass mir Leute ungefragt helfen und Dinge hinten in die Tasche oder den Rucksack stecken wollten. Gerade wieder vor ein paar Tagen in der Thalia-Buchhandlung in der Spitaler  Straße in Hamburg. Ich sagte dann zu der überfreundlichen Frau: “ Bitte fragen sie vorher immer erst..“ Die beleidigt klingende Erwiderung: “ Ich wollte doch nur helfen „. Mein erster Impuls war, ich könnte ja auch mal helfend nach ihrer Handtasche greifen. Ich konnte dem aber widerstehen.

Kurz vor dem Ausrasten bin ich, wenn plötzlich jemand ohne Frage oder Ankündigung meinen Rollstuhl schiebt. Zum einen ist das immer ein Schreck und zum zweiten fürchte ich dann auch um meine Finger. Abgesehen von dem Schreck, den mancher Schieber auch durch die Kippeligkeit meines Rollis kriegt. So schwer kann eine einfache Frage doch nicht sein: Brauchen sie Hilfe? Darauf kann ich ja oder nein antworten und mich für die freundliche Nachfrage bedanken. Ich erwarte aber auch, dass ein NEIN akzeptiert wird.

Wenn ich nicht gerade in Schweden, bei Gewerkschaftlern oder Sozialdemokraten bin, möchte ich auch nicht ganz selbstverständlich von jedem geduzt werden, weil ich behindert bin und im Rollstuhl sitze. Ich bin fast fünfzig Jahre alt, Mutter zweier erwachsener Kinder, Angestellte im Gesundheitswesen.  Außerdem frage ich mich sowieso, weshalb viele Leute erwachsene Behinderte einfach duzen.

Regelmäßig sauer werde ich auch beim Einkaufen im Supermarkt an der Kasse. Mit der allerschönsten Selbstverständlichkeit räumen mir Leute meine Ware aus dem Rollstuhlfahrer-Einkaufswagen auf das Kassenband. Natürlich ohne vorher zu fragen, ob mir das recht ist. Nein! Das ist mir nicht recht! Ich habe meine Ordnung darin, in welcher Reihenfolge die Sachen aufs Band kommen, damit ich sie hinterher so in den Wagen legen kann, dass ich sie gut in die Einkaufstasche im Auto packen kann.  Die größte Hilfe ist in diesem Fall, nicht zu helfen.

Wer helfen will, soll das gerne tun. Ich finde das immer wieder sehr nett. Und es gibt viele Situationen, in denen Hilfe und Unterstützung eine große Erleichterung sind. Ich bin da auch immer sehr dankbar. Dankbar bin ich aber auch immer, wenn ich vorher gefragt werde, ob ich Hilfe brauche oder will.