Feueralarm im Hotel in London

Gleich vorweg – es war vermutlich nur eine Übung, als morgens um zwischen drei und vier Uhr der Alarm losheulte. Aber Übungen sind ja bekanntlich dafür da, dass man aus ihnen lernt.

Kurzurlaub in London. Eine Freundin hatte mir dieses schöne Hotel empfohlen. Es ist in den Buchungsportalen zwar nicht als barrierefrei ausgewiesen, bietet mir aber alles, was ich brauche.

Schon beim Einschecken ins Hotel war mit das erste, dass ich ein Formular ausfüllen musste, wo ich angeben musste, ob ich im Falle eines Feuers Hilfe bei der Evakuierung benötige und  dass mir gezeigt wurde, zu welchem Notausgang ich im Falle eines Falles gehen sollte – die Aufzüge darf man bei Feuer nicht benutzen. Im Falle einer Feuers sollte dann jemand vom Hotelpersonal da sein, um mir zu helfen. War aber nicht! Zum Glück kann ich die Treppe runterkrabbeln und ein anderer Gast hat meinen Rollstuhl getragen. Ich frage mich nun, was jemand gemacht hätte, der die Treppe nicht alleine schafft…. Klar auch dem hätten die anderen Gäste vermutlich irgendwie geholfen. Aber trotzdem finde ich es schwach, dass da niemand vom Hotel war oder von der Feuerwehr. Die Feuerwehr war auch nur mit einer Handvoll Leute und einem Fahrzeug angerückt. – Ich hoffe, dass das im Ernstfall anders wäre!

Sehr ruhig und geordnet kamen die Leute alle raus, so wie es sein sollte, ohne ihre ganzen Sachen mitzunehmen. Ein Paar war sogar barfuß. Ein Hotelmitarbeiter stand draußen in gelber Warnweste mit Walky talky und wies uns an, dass wir uns vom Gebäude entfernen sollten. Etwa fünfzig Meter weiter haben sich alle versammelt. Da standen wir also. Niemand vom Hotel kam, um sich einen Überblick zu verschaffen, ob alle draußen sind. Auch vonseiten der Feuerwehr kam niemand, um zu kontrollieren, ob alle das Gebäude verlassen haben.  Wie gesagt, vermutlich war es nur eine Übung. Aber damit soll ja der Ernstfall geprobt werden.

So einen Ernstfall habe ich vor zwei Jahren in Frankreich erlebt, in einem Mehrfamilienhaus mit Tiefgarage. Der Ablauf dort war komplett anders, viel geordneter. Alle mussten auch da natürlich das Gebäude verlassen. Die Feuerwehr hatte das alles unter Kontrolle! Es gab eine klare Anweisung dazu, wo der Sammelpunkt ist.  Sehr schnell wurde damit begonnen, geordnet zu kontrollieren, ob auch wirklich alle draußen sind. Hierzu wurde jeder einzelne gefragt, aus welcher Wohnung er ist, wieviele Personen in der Wohnung waren und ob von denen alle draußen sind. Danach wusste die Feuerwehr genau, welche Wohnungen noch zu kontrollieren waren, ob da womöglich noch jemand Hilfloses drinnen ist. Parallel waren natürlich schon Feuerwehrleute mit der Erkundung und der Bekämpfung des Feuers im Aufzug des Hauses befasst.

Ich dachte, dass es so, wie ich es in Frankreich erlebt habe, Standard in Europa  ist. Heute habe ich erlebt, dass das nicht so ist. Ich stelle mir nun die Frage, was bei einem echten Feuer hier im Hotel gewesen wäre. Das Gebäude hat sechs Stockwerke! Es kommt in Hotels auch durchaus vor, dass mal Personen da sind, die nicht eingecheckt sind.

Warum Fülle ich beim Einschecken ein Formular aus, dass ich im Brandfall Assistenz brauche und dann ist aber keine da? Arbeitet die Feuerwehr in London anders (schlechter) als in Frankreich? Verlässt man sich einfach darauf, dass die Leute schon alle selber gucken, dass sie rauskommen? Zwischen drei und vier Uhr morgens könnte jemand, der vielleicht ein bisschen feiern war, durchaus auch noch in einem Zustand sein, dass er Hilfe benötigt und das Zimmer nicht selbständig verlässt.

Wie gesagt, ich vermute, dass es eine Übung war. Es gab keine sichtbaren Flammen und die ganze Sache war nach einer guten halben Stunde erledigt. Aber im Ernstfall hätte ich mir das anders gewünscht!

 

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Ein Treppenlift und fast ein Genickbruch

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Ich war gestern mal wieder in Hamburg, in der Innenstadt, mal nicht an der Mönkebergstraße  oder in der Spitalerstraße, auch nicht an der Binnenalster. Ich war mal dort, wo sich die Schönen und die Reichen so herumtreiben – am Neuen Wall und Große Bleichen. Da ist alles chic und teuer. Im Schaufenster bei Gucci gab es Bekleidung zu sehen, die ich nicht mal zum Karneval tragen würde.  In einem Lampengeschäft dort gibt es Designerstücke, die kosten mehr als ein Monatsgehalt beispielweise einer Krankenschwester oder eines Physiotherapeuten. Aber jedem das seine! Mir fehlt nichts, wenn ich das nicht habe. An den Großen Bleichen gibt es zwei Absätze im Weg entlang dem Fleet, mit Treppen. Aber man hat da tatsächlich auch an die Rollstuhlfahrer gedacht. Leider aber nur gut gedacht….

Es gibt dort nämlich Treppenlifte, die auch sehr hübsch sind und sich vom Design her gut in die Umgebung einpassen. Nun kommt das große ABER: Benutzen kann ein Rollstuhlfahrer diese Treppenlifte nicht selbständig. Er muss eine auf einem leider schon recht ausgeblichenen Schild stehende Telefonnummer eines Bekleidungsgeschäftes anrufen. Dann kommt eine sehr nette Mitarbeiterin des Geschäftes mit dem Schlüssel für den Lift. Der wird in eine Bediensäule gesteckt und es wird ein kleiner Drehschalter betätigt. Nun sollte sich eigentlich etwas bewegen. Tat es aber nicht. Es war gerade ein Hausmeister in der Nähe, der sich des Problems annahm An der Bediensäule gibt es einen Notaus-Knopf. Den hatte vermutlich irgendjemand gedrückt. Der Hausmeister verschwnad im Keller, wo er den Notaus vermutlich zurücksetzen kann. Als er wieder kam, wollte der Lift zunächst noch nicht funktionieren. Der Notaus-Knopf musste erst mal wieder rausgezogen werden. Dann setzte sich das Wunderwerk der Technik in Bewegung. Toll!

Der Hausmeister begleitete mich dann zum zweiten Treppenabsatz, wo er wiederum in einem Laden zunächst den Schlüssel holen musste. Auch hier zickte der Lift erstmal rum. Der Hausmeister war noch sehr auf die Bediensäule konzentriert, als der Lift sich in Bewegung setzte. Darum bemerkte er auch nicht, dass hinter ihm ein Stehtisch zur Hälfte mit dem Fuß auf der Liftplattform stand. Zum Glück sah ich aber, wie der Tisch anfing zu kippen und die darauf stehende Glasvase anfing zu rutschen. Ich rief ihm zu „Vorsicht“! Und er konnte noch ausweichen. Andernfalls wäre ihm den Tisch mit der Kante ins Genick gestürzt und die Vase wäre ihm auf dem Kopf zerschellt.

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Die Liftplattform ist hochgefahren. Im Vordergrund steht ein Aschenbecher, der vom Tisch gefallen ist. Hinten liegen noch Scherben von der zerbrochenen Vase. Neben der Liftplattform steht der Stehtisch, der dem Hausmeister das Genick hätte brechen können.

 

Ich mag mir gar nicht vostellen, was die Konsequenzen gewesen wären. Der Mann hätte tot sein können! Das nur, weil ein Gastronom meinte, dass er den Liftbereich als zusätzliche Stellfläche benutzen kann. Ich weiß nicht, ob es der Gastwirt selber oder einer seiner Mitarbeiter war, der nach draußen geeilt kam, weil er vermutlich das Scheppern der zerbrechenden Vase gehört hatte. Er war sich vermutlich gar nicht im Klaren darüber, in welche Gefahr er den Hausmeister gebracht hatte. Im Gegenteil, er war erstens sauer, dass seine Vase kaputt gegangen war und meinte zweitens noch, dass man den Tisch doch wegnehmen müsse, bevor man den Lift betätigt. Als ob es das normalste von der Welt wäre, eine Liftplattform mit einem Tisch zu blockieren….

Ich finde es klasse, dass man hier an Rollstuhlfahrer und Leute mit Rollator oder Kinderwagen gedacht hat! Es ist aber sehr schade, dass die Umsetzung so schlecht ist, zumal hier vermutlich sehr viel Geld in die Hand genommen worden ist. Sinnvoll ist so ein Lift nur, wenn man ihn ohne großen Aufwand auch außerhalb der Öffnungszeiten der Geschäfte nutzen kann und wenn er zuverlässig funktioniert. Die ständige Verfügbarkeit  – zumindest für Rollstuhlfahrer könnte man mit Hilfe des Euroschlüssels gewährleisten. Es bleibt  aber das Problem mit dem Notaus-Knopf und dass der so angebracht ist, dass auch ein kleines Kind mal eben im Vorbeigehen da drauf drücken kann. Was natürlich überhaupt nicht geht, dass ein Gastronom seine Tische auf den Lift stellt. Außerdem hätte ich mit einem größeren Rollstuhl den zweiten den Lift nicht nutzen können, weil oben eine Sonnenliege und unten ein Blumenkübel im Weg waren.treppenlift hamburg 3

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Doch nur eine leere Worthülse…

„Menschen mit Schwerbehinderung werden bei gleicher Qualifikation bevorzugt eingestellt “ – Hurra! Dann finde ich bestimmt ganz schnell Arbeit. Qualifiziert bin ich ja, außerdem auch up to date in Bezug auf Fort- und Weiterbildung.

Bevorzugt – wenn da nicht einer besser qualifiziert ist als ich, habe ich die Stelle. Toll! Wie gesagt, die Qualifikation ist ganz passabel, Erfahrung bringe ich auch mit. Zudem sollte man bei mir auch nicht mehr damit rechnen, dass ich noch mal schwanger werden will. Eltern, die mal pflegebedürftig werden könnten, habe ich nicht mehr. Die sind schon vor vielen Jahren verstorben. Alles eine Menge Pluspunkte!

Also ein kurzer Anruf beim potentiellen Arbeitgeber, um noch eine letzte kleine Frage abzuklären: Ich interessiere mich für die ausgeschriebene Stelle. Wie barrierefrei ist es denn bei Ihnen? Ich bin nämlich Rollstuhlfahrerin. – Schlucken und kurzes Herumdrucksen am anderen Ende der Leitung.  Nun ja, so wirklich barrierefrei ist das bei uns nicht….

Was für Leute mit Schwerbehinderung stellen die sich denn vor, die sie bevorzugt einstellen wollen? Nicht vorhandene Barrierefreiheit macht den Satz in der Stellenausschreibung doch zu einer Phrase ohne was dahinter, zu einer leeren Worthülse!

Klauen Rollstuhlfahrer Einkaufswagen?

Einkaufswagen für Rollstuhlfahrer sind beliebte Diebesbeute. – Zu diesem Schluss muss man jedenfalls kommen, wenn man bei IKEA in Lübeck so einen Einkaufswagen benutzen möchte.

Zunächst einmal vorweg: Es ist super, dass IKEA Lübeck seinerzeit sehr schnell reagiert hatte auf die Anregung, Einkaufswagen für Rollstuhlfahrer anzubieten. Das ist sehr zu loben, zumal es für IKEA-Häuser nicht selbstverständlich ist, diesen Service im Sinne der Inklusion und zum Wohle der Kunden vorzuhalten. IKEA in Hamburg Schnelsen beispielsweise reagiert nicht einmal auf E-Mails mit dieser Anregung…

So nun zu dem eigentlichen Problem: Wer bei IKEA Lübeck einen Rolli-Einkaufswagen benutzen will, muss erstmal einen Mitarbeiter mit Schlüssel suchen oder herantelefonieren lassen, damit der Wagen losgekettet werden kann. Das ist je nach Tageszeit und Wochentag unterschiedlich aufwendig. Wenn es nicht zu voll ist, kann man sich an die Mitarbeiter an der Kinderbetreuung wenden. Unter der Woche morgens geht das aber nicht, weil die Kinderbetreung da nicht geöffnet hat. Dann muss man jemanden vom Kassenpersonal ansprechen, der dann jemanden anruft. Der kommt dann mit dem Schlüssel. Kunden ohne Behinderung haben schon ihren Bummel durchs Möbelhaus begonnen – sie nehmen sich bei Bedarf eine der großen Einkaufstaschen oder später einen von den Einkaufswagen, die in langen Schlangen am Eingang der „Markthalle“ stehen, ohne Kette und Schloss(!).

Ok, der Schließer ist also da. Bevor der Wagen losgekettet wird, ist nun aber noch ein Leihvertrag auszufüllen und zu unterschreiben. Damit aber nicht genug: IKEA Lübeck misstraut seinen Kunden so sehr, dass die Angaben im Leihvertrag auch noch mit dem Personalausweis abgeglichen werden! Die Daten in diesem Leihvertrag werden sogar noch ein halbes Jahr gespeichert!  Genau SO habe ich es gestern erlebt. Ich habe auf den Einkauf bei IKEA verzichtet. Eigentlich wollte ich ein bisschen durchbummeln – neben Kleiderbügeln, Servietten, Kerzen, Blumentöpfen und Gläsern wäre sicher doch der ein oder andere Schnickschnack noch mit im Wagen gelandet…

Aber es ist ja nicht immer so mit den Rolli-Einkaufswagen bei IKEA Lübeck : manchmal wird der Wagen nur losgekettet und man muss nichts unterschreiben oder der Mitarbeiter trägt den Namen in den Leihvertrag ein und man unterschreibt. Keine Ahnung, wonach sich das richtet. Die IKEA-Mitarbeiterin gestern hat jedenfalls gesagt, dass es so läuft, dass der Leihvertrag ausgefüllt und mit dem Personalausweis abgeglichen wird: „Das machen wir immer so, seit wir die Wagen haben!“ Begründung: „Die sind ja auch sehr, sehr teuer, diese Einkaufswagen“.

Nach dem Einkauf mit dem Rolli-Einkaufswagen muss man leider auch bei strömenden Regen den Wagen wieder reinbringen. Da man ja einen Vertrag unterschrieben hat,macht man sich jetzt wieder auf die Suche nach einem Mitarbeiter, der einem den Wagen wieder abnimmt und sich darum kümmert, dass man seine zweite Unterschrift unter den Vertrag setzen kann, mit der man die Rückgabe quittiert.Insgesamt muss man so als Rollstuhlfahrer etwa eine Viertelstunde mehr einplanen als andere Kunden, wenn man den speziellen Einkaufswagen benutzen möchte.

Ich habe inzwischen ja einige Erfahrung mit dem Einkaufen als Rollifahrerin, ganz viel in Geschäften, die auch solche Einkaufswagen haben. Außer bei IKEA stellt man sich aber nirgends so an. Edeka, Rewe, Netto, Budni und Famila haben ihre „sehr, sehr teuren“ Rolli-Einkaufswagen frei zugänglich im Eingangsbereich stehen. Da ist nichts angekettet. Lidl hat seine draußen auf dem Parkplatz im Unterstand neben den anderen Einkaufswagen. Hier benötigt man eine Pfandmünze. Es ist noch nicht einer von den Wagen weggekommen oder beschädigt worden. Alle diese Wagen dürften genau so teuer in der Anschaffung gewesen sein, wie die von IKEA Lübeck. Sie sind alle von der Firma Wanzl. Der von Lidl ist vermutlich noch ein ganzes Stück teurer, weil er größer ist als das Standardmodell in den anderen Geschäften. Ebenso könnten auch die Wagen von Famila in Neumünster etwas mehr gekostet haben, sie sind etwas schicker in braun gehalten und nicht im üblichen Zink.

Bei allen Geschäften würde man mir auch helfen, meine Ware zum Auto zu bringen, wenn ich mal sehr viel mehr habe, als in den Wagen passt oder etwas Sperriges. Diesen Service bietet IKEA übrigens generell nicht an. Aus Versicherungsgründen dürfen die Mitarbeiter nichts mit rausbringen und mit auf den Parkplatz gehen….

Rollifahrer und psychisch krank? Dumm gelaufen….!

Kliniken, Begegnungsstätten, Pflegeeinrichtungen, Gesundheitsämter, Arztpraxen etc. sind da für kranke Menschen. Behinderung wird ja oft auch mit Krankheit gleichgesetzt. Da ist der Schluss ja naheliegend, dass hier in Sachen Barrierefreiheit und Inklusion alles schon besonders weit fortgeschritten sein müsste. Das ist aber ein gewaltiger Trugschluss! Inklusion ist im Gesundheitswesen noch ein Fremdwort! Barrierefreiheit ist nur rudimentär vorhanden, vor allem in den Köpfen der Verantwortlichen.

Rollifahrer mit behandlungsbedürftiger Depression

Nehmen wir mal einen Rollstuhlfahrer, der in eine schwere depressive Episode rutscht – das ist eine Erkrankung, die in jedem Falle behandlungsbedürftig ist. Dies ist oft verbunden mit einem stationären oder teilstationären Klinikaufenthalt. Laut der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN ) liegt die Wahrscheinlichkeit, wenigstens einmal im Leben eine schwere behandlungsbedürftige Depression zu entwickeln bei 16 bis 20 %. Für den Rollstuhlfahrer kann es nun ziemlich schwierig werden. Vor allem in älteren Krankenhäusern mit psychiatrischer Station sind die Patientenzimmer klein und sehr eng bemessen, vielmehr als die drei bis sechs Betten nebst Nachtschränken, Tisch und Stuhl passen da nicht rein. Mit Glück sind zumindest die sanitären Einrichtungen einigermaßen groß. Das bedeutet aber nicht, dass auf der Toilette ein Umsetzen aus dem Rollstuhl von beiden Seiten möglich ist (letzteres wird übrigens auch in Neubauten standhaft nicht berücksichtigt!). Platz, den Rollstuhl in erreichbarer Nähe des Bettes abzustellen ist schon gar nicht…. Das nächste Problem ist die Personalausstattung: Ein Rollifahrer, der zusätzlich zu seiner Erkrankung durch die räumlichen Gegebenheiten in der gewohnten Selbständigkeit eingeschränkt ist, macht mehr Arbeit. Ganz zu schweigen davon, welchen Einfluss das auf den weiteren Verlauf der Depression hat. Viele Kliniken stoßen bei einem Rollifahrer dann auch im therapeutischen Bereich auf Grenzen, vor allem Ergotherapieräume befinden sich oft im Keller oder Dachgeschoss, leider nicht über einen Aufzug zu erreichen……

In Tageskliniken und Begegnungsstätten für Menschen mit psychosomatischen oder psychiatrischen Krankheiten sieht es meistens nicht besser aus. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass die Leute, die die Sozialpsychiatrie in den vergangenen Jahrzehnten vorrangetrieben haben, eine Schwäche für hübsche alte Häuser haben…. Leider sind diese nicht immer praktisch, vor allem, wenn sie auch noch denkmalgeschützt sind. Wenn unser Rollifahrer nicht schon depressiv wäre, würde er es vermutlich bei dem Gedanken an die Behandlungsmöglichkeiten werden…

Persönlichkeitsstörung und Chirurgie oder Innere Medizin

Menschen mit einer psychischen Behinderung oder Erkrankung haben es in unserem Gesundheitswesen besonders schwer. Ich denke da gerade an ein Gespräch mit der Filmemacherin Andrea Rothenburg (Psychiatriefilme, Internetseite zu den Filmen von Andrea Rothenburg) – sie meinte Anti-Stigma-Arbeit zu psychische Erkrankungen müsse man bei denen anfangen, die mit den Kranken zu tun haben (auch und gerade in der Psychiatrie). Tatsächlich gibt es unter denen, die es eigentlich von Berufs wegen besser wissen sollten, viele, die die gleichen Vorurteile haben wie jeder andere, der nichts oder wenig über psychisch Kranke weiß. Mediziner aus anderen Disziplinen verhalten sich gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen oft abweisend oder diskriminierend. Das können vor allem Patienten mit Persönlichkeitsstörungen vom Borderlinetyp oft leidvoll bestätigen. Diese Patienten fügen sich aufgrund ihrer Krankheit häufig selber Verletzungen zu, mitunter so schlimm, dass sie chirurgisch oder internistisch behandelt werden müssen. Besonders grausam fand ich die Schilderung einer Frau mit einer Verletzung, die genäht werden musste. Der Arzt meinte, dass er bei ihr ja auf die Betäubung verzichten könne, was er dann auch tat (!). Auf einer internistischen Station wurde ein Patient schlicht als „bekloppt“ abgestempelt. Denn es kann ja gar nicht anders sein, wenn man sich selber Schaden zufügt.

Menschen mit geistiger Behinderung im Krankenhaus

Erwachsene Menschen mit einer geistigen Behinderung leben in unserer bisher wenig inklusiven Gesellschaft meistens in Wohneinrichtungen speziell für sie oder werden von ihren Eltern versorgt und behütet.Gewohnte Personen und ein klar geregelter Tagesablauf geben hier halt. Etliche brauchen auch genau das. Steht nun aber ein Krankenhausaufenthalt an, bricht quasi eine Welt zusammen. Nicht immer ist es möglich, dass eine vertraute Person den Krankenhausaufenthalt begleitet. Das ist schwierig, schrecklich und anstrengend für alle Beteiligten. Der behinderte Mensch versteht die Situation oder das, was da passieren soll oft nicht und hat Angst. Pflegepersonal, Ärzten und Therapeuten fehlt die Zeit, auf den Patienten seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten entsprechend einzugehen. Es gibt kaum Informationen in Leichter Sprache und da , wo es sie gibt, wissen Mediziner häufig nichts davon. „Wichtige Gespräche“ werden mit dem Betreuer oder Eltern geführt, oft im Beisein des Patienten, aber ohne ihn einzubeziehen oder so zu reden, dass er folgen kann.

Hörgeschädigte und Sehgeschädigte Patienten sind ziemlich aufgeschmissen, ohne eigene Assistenz

Ab und zu investieren Staat und Klinkbetreiber ja in vorhandene oder neue Gebäude. Dabei scheint es aber nicht so sehr darum zu gehen, dass das was entsteht auch zum Nutzen der Patienten ist… Ich denke da beispielsweise an die farbliche Gestaltung in Kliniken. Kräftige Kontraste können hilfreich bei der Orientierung sein, ebenso wie Unterschiede in der Farbgestaltung verschiedener Stockwerke und Stationen. Ich war noch in keinem Klinikgebäude, das über Wegweiser für Blinde oder Sehgeschädigte verfügte. Aber vielleicht gibt es das ja irgendwo(?). Gebährdendolmetscher gibt es ebenfalls nicht in Kliniken, geschweige denn anderen Einrichtungen für Kranke. Dazu kommt dann noch die Unsicherheit des medizinischen Personals, verbunden mit zahlreichen Vorurteilen.

 

Der Anlass zu diesem Artikel war meine Suche nach einer neuen Arbeitsstelle als rollifahrende Ergotherapeutin während der letzten Monate. Zuletzt habe ich in der Psychiatrie gearbeitet, leider mit einer befristetene Stelle. Und Psychiatrie sollte es jetzt auch gerne wieder sein. Dabei ist mir sehr deutlich vor Augen geführt worden, wie viele Einrichtungen für psychisch kranke Menschen im südlichen Schleswig-Holstein und im Norden Hamburgs nicht für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen geeignet sind. Dabei handelte es sich um Tages- und Begegnungsstätten von unterschiedlichen Trägern, Reha-Einrichtungen, Tageskliniken, Kliniken und Wohneinrichtungen. Ich hatte im Gespräch nie den Eindruck, dass sich bei besagten Einrichtungen in absehbarer Zeit irgendetwas daran ändern wird (soll). Dabei ist Inklusion dort durchaus ein bekanntes Schlagwort, zum Teil sogar Bestandteil des Leitbildes…..

….und wie ist das als Rollstuhlfahrer in China?

Ich bin hier in Tianjin. Diese Stadt war neben Peking einer der Austragungsorte der Olympiade und der Paralympics 2008. Barrierefreiheit gibt es hier aber so gut wie überhaupt nicht. Rollstuhlfahrer gibt es im Straßenbild aber auch so gut wie überhaupt nicht. Wenn man mal einen Menschen im Rollstuhl sieht, ist es meistens ein Senior, der von den angehörigen in einem eher klapperig wirkenden Teil durch die Gegend geschoben wird. Auch sonst sind mir hier praktisch keine Menschen mit einer Behinderung aufgefallen. Ob die nicht nach draußen kommen? Ich werde teilweise auch angesehen, wie von einem anderen Stern.

Die Gehwege haben überwiegend sehr hohe Bordsteine, Absenkungen gibt es leider nur wenige. Darum gucke ich immer, ob ich möglicherweise bald die Straßenseite wechseln will oder muss. Wenn keine Absenkung in Sicht ist, bleibe ich gleich auf der Straße. Das ist hier zum Glück aber nicht so ungewöhnlich, weil erstens die Straßenränder immer in zwei bis drei Reihen zugeparkt sind und zweitens zwischen den Rad-, E-Bike- und Roller-Fahrern immer viele Fußgänger rumlaufen.

Schwierig ist es hingegen mit den vielen Stufen und Treppen. Rampen gibt es nämlich nur sehr wenig. Vor dem Eingang der meisten Geschäfte, auch in der Fußgängerzone, gibt es eine bis zwei Stufen zu überwinden. Das nervt ziemlich. Ich denke, dass China mit einer Bevölkerung, die ja auch nicht jünger wird, sich in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren darüber auch Gedanken machen muss…

Ein weiteres Problem sind recht enge Absperrbügel. Die sollen wohl dazu dienen, die allgegenwärtigen Zweiräder abzuhalten. Mit dem Rolli hat man leider auch keine Chance da durch zu kommen.

Öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, ist auch nicht so ganz einfach. Zum einen gibt es nicht immer Aufzüge zu den U-Bahnen. Bei den vorhandenen ist nicht immer ganz sicher, dass sie auch in Betrieb sind. Das nächste Problem sind dann die Durchgänge, an denen die Fahrkarte kontrolliert wird. Wenn kein Personal da steht, kommt man nicht durch, weil der breite Durchgang extra geöffnet werden muss. Toll ist es allerdings, wenn man dann auf dem Bahnsteig ist. Die U-Bahn-Züge lassen sich nämlich stufenlos und lediglich mit einem schmalen Spalt problemlos mit dem Rollstuhl befahren! Das wünsche ich mir auch in Europa!

Bus zu fahren, habe ich bisher gar nicht erst ausprobiert. Die Busse, die ich vorbeifahren gesehen habe, hatten alle keinen Rollstuhl geeigneten Einstieg. Das heißt, dass es nicht nur keine Rampe gab, sondern, dass es außerdem auch noch eine Stufe an der Hintertür gibt. So wie bei den Bussen bei uns in den 70er und 80er Jahren noch.

Ein absolut übliches Nahverkehrsmittel hier ist das Taxi. Es ist zumindest für unsere Begriffe sehr billig. Bis zu drei Kilometern zahlt man 8 Yuan, das sind umgerechnet ca. 1,20 Euro. Danach kostet jeder weitere Kilometer 1,70 Yuan. Einige Taxifahrer, können sich nicht vorstellen, dass sie meinen Rolli mitkriegen. Die winken ab und fahren einfach weiter. Aber die meisten sind einfach nur erstaunt, wie leicht sich die Räder abmontieren lassen und sich der Rest mit umgeklappter Rückenlehne einfach auf dem Rücksitz verstauen lässt.

Leider befinden sich unter den Taxifahrern aber die größten Gauner und Schlitzohren, die ich hier bisher getroffen habe: Grundsätzlich muss man immer drauf achten, dass das Taxameter auch wirklich auf NULL gestellt wird. Trotzdem wird dann noch versucht zu tricksen bzw. es wird auch getrickst! Ein Taxifahrer wollte mir schon beim Einsteigen weiß machen, dass ich für einen bestimmten Weg 20 Yuan bezahlen muss. Darauf hin habe ich meinen Stadtplan gezückt und ihm gezeigt, dass ich sehr wohl weiß, wo ich mich befinde und wo mein Ziel ist – zwischen 10 und 15 Yuan sollte das Maximum liegen. In einem anderen Taxi habe ich auf dem Beifahrersitz sitzend, sehr genau das Taxameter beobachtet – bereits bei  4,7 und später bei 5,4 Kilometern sprang die Preisangabe um. Den Vogel abgeschossen haben dann die Taxifahrer am Water Park, einer wunderschönen Grünanlage und Naherholungsgebiet. Auf dem Hinweg haben wir für das Taxi 15 Yuan bezahlt. Als wir zurück fahren wollten, sollten wir 50 (!) Yuan bezahlen. Dazu waren wir aber nicht bereit. Leider hatten sich die Taxifahrer dort mehr oder weniger untereinander verständigt. Aber meine Erfahrung aus Afrika vor 25 Jahren hat mich gelehrt, dass man nur ein paar Ecken weiter zu gehen braucht, weg von der bei Touristen beliebten Stelle. Da findet man dann auch wieder vernünftige Taxifahrer, die nicht denken, dass Touristen nur zum beschei… und ausnehmen da sind. Bei dem Taxi, in das wir dann eingestiegen sind hatte ich sofort ein gutes Gefühl. Das lag auch an dem kleinen Buddha, der da am Rückspiegel hing. Dem Fahrer war es am Schluss sichtlich peinlich, dass er wegen des Weges nicht 100 % sicher war. Er schien mir sehr erleichtert, dass wir schon kurz vor dem Ziel aussteigen wollten und er sich nicht durch die Einbahnstraßen suchen musste.

Um es klar zu stellen, es geht mir hier nicht um 20 Cent oder einen Euro. Aus Afrika weiß ich aber, dass sich an dem Verhalten der Taxifahrer nichts ändern wird, wenn es ihnen immer wieder gelingt, die Leute über den Tisch zu ziehen. Wenn alles korrekt gelaufen ist, bin ich gerne großzügig mit Trinkgeld.

Heute ist Schietwetter, ich schreibe noch ein bisschen…

Tianjin ist eine riesige Stadt, ein bisschen wie ein Ameisenhaufen, zumindest wenn man den Straßenverkehr betrachtet. Es gibt eine Menge riesiger Wolkenkratzer und dazwischen wieder niedrigere Gebäude. Gleich unterhalb unseres Hotels befindet sich ein kleines Wohnviertel, mit winzigen Restaurants und kleinen Verkaufsständen, an denen es beispielweise frittierte Fleischspieße gibt. Die Gässchen sind eng und die Häuser klein. Alles wirkt ein bisschen düster. Aber hier wohnen die Chinesen.IMG_2247

Dann wieder gibt es eine riesige Fußgängerzone mit so ziemlich allen Bekleidungsladenketten und andern Läden, wie wir sie auch aus Europa kennen. Alles ist ziemlich groß und bunt, vor allem Werbetafeln. Von denen gibt es auch so gigantische, die leuchten und blinken und ihre Anzeige wechseln. Mir ist noch nicht so ganz klar, ob und wie sich die Chinesen es leisten können, in den Läden in der Fußgängerzone einzukaufen. Es gibt nämlich in den Vierteln abseits der großen Geschäftsstraßen auch unzählige kleine Läden, die ein bisschen an die türkischen Gemischtwarenläden bei uns in Deutschland denken lassen. Aber bisher konnte ich noch keinen Markt ausfindig machen, wo es Obst und Gemüse gibt.

Die U-Bahn, wenn ich den Plan richtig deute, sind es nur vier Linien, habe ich bisher noch nicht benutzt. An der Station gleich gegenüber von unserem Hotel funktioniert nämlich der Aufzug nicht. Außerdem weiß ich auch nicht, ob an einem möglichen Zielbahnhof überhaupt ein Aufzug wäre. Da nehme ich lieber ein Taxi. Taxi fahren ist für uns Europäer ziemlich billig. Eine Strecke bis zu drei Kilometer kostet gerade einmal acht Yuan, das ist umgerechnet rund 1, 20 Euro. Jeder Kilometer mehr kostet 1,70 Yuan. Das sind etwa 20 Cent.

Einen Tag sind mein Mann und ich am Fluss,IMG_2280 dem Hayhe, entlang in die Stadt gegangen. An einer Brücke wäre der Weg eigentlich über eine Treppe weitergegangen. Mit etwas runterbeugen, konnte ich im Rolli aber auch unter der Brücke durchfahren. Mein Mann musste sich da schon ein bisschen mehr ducken. In der Mitte war es dann etwas höher. Von unten war die Brücke komplett verkleidet. Aber an einigen Stellen fehlten ein paar von den Verkleidungsplatten und man konnte in das Innere gucken. Mein Mann meinte: „Ich guIMG_2279cke mir ja gerne mal so eine Brückenkonstruktion an“. Also inspizierte er ausgiebig die Verkleidungslücken. An dem einen Loch wollte ich gerade eher scherzhaft fragen: „Guckst du immer in anderer Leute Schlafzimmer?“ Ich hatte dort nämlich eine Decke liegen sehen. In dem Moment blickte unter der Decke ein verschlafenes Gesicht hervor. Ich war ziemlich überrascht. Immerhin ist China doch ein kommunistischer Staat. Da dürfte es doch eigentlich nicht solche Armut geben, dass jemand unter der Brücke leben muss – oder?

Aber so ganz verstehe ich das System sowieso nicht. Gerade hier im Hotel habe ich das Gefühl, dass es ganz krasse Hierarchien gibt. Volksrepublik stelle ich mir irgendwie anders vor.  Auch mit weniger Unterschieden zwischen arm und reich.  Wie passen da dieses Hochglanz-China auf der einen Seite und die niedrigen dunklen Gässchen mit kleinen Häusern auf der andern Seite dazu? Wie ich im vorigen Blog-Beitrag schon geschrieben habe, sind die Autos, die hier herumfahren alle ziemlich neu und modern. Andererseits gibt es aber auch unzählige Taxis,  die auch ständig unterwegs und meistens besetzt sind.  Ebenso werden die U-Bahn und die Busse reichlich genutzt, naja und dann eben die vielen, vielen E-Räder und –Roller. Es gibt diese Fahrzeuge auch als Dreiräder mit einer kleinen Ladefläche, die oft auch bis an die Grenzen aller Naturgesetze ausgenutzt wird. Wer sind die Leute mit den neuen modernen Autos? Und wer muss eben doch Bus, U-Bahn, Taxi oder E-Bike fahren?IMG_2345

Wer bestimmt, wer oben ist und wer unten? Was passiert da alles irgendwo hinter den Kulissen. Für uns sieht es so aus, als würden die Leute alle ein ganz normales Leben führen, als gäbe es keine Einschränkungen. Und dann schalte ich den Computer an und kann weder Google, noch Facebook oder Twitter nutzen. Auch andere Web-Sites sind einfach gesperrt und öffnen sich nicht.

Vor ein paar Tagen stand ich abends am Fenster unseres Hotels und dachte an die Menschen, die wegen unterschiedlicher Delikte, auch politischer, eingesperrt oder hingerichtet werden. Ich habe mich gefragt, ob es auch hier in Tianjin eine Hinrichtungsstätte gibt. Ist mir hier auf der Straße vielleicht schon jemand begegnet, der einen Erschießungsbefehl ausgeführt hat?  Ich weiß es nicht. Wie gerne würde ich mal wieder die Welt retten! Aber ich bin hier nur zu Gast in diesem Land. Ich könnte doch nichts ändern. Das müssten unsere Politiker tun und die Weltkonzerne, die hier inzwischen kräftig Geld verdienen, möglicherweise auch aufgrund von Zwangsarbeit. In der DDR hat es das gegeben, dass Strafgefangene Zwangsarbeit machen mussten auch für Westunternehmen. Ich denke, dass es hier nicht anders ist…