Resterampe

Kommen Sie! Greifen Sie zu! In Zeiten des Fachkräftemangels kriegen Sie von uns eine Fachkraft geschenkt! Greifen Sie zu! Sie können die Fachkraft sogar ausprobieren. Bei Nichtgefallen geben Sie sie einfach zurück!

Arbeitgeber aufgepasst! Kennen Sie schon die Probebeschäftigung für Behinderte Menschen? Bei Neueinstellung können Sie einen 100%igen Lohnkostenzuschuss erhalten (...)

Wer will noch mal, wer hat noch nicht? Greifen Sie zu! Es kostet nichts und es gibt auch kein Risiko! 

Ich finde es ja gut, dass die Agentur für Arbeit und das Jobcenter endlich kapiert haben, dass man bei den Arbeitgebern ansetzen muss, wenn man Menschen mit Behinderung in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse auf dem ersten Arbeitsmarkt bringen will. Aber doch bitte nicht so! Das ist keine Inklusion! Hier werden Arbeitnehmer mit Behinderung oder ihnen Gleichgestellte wie Sauerbier angepriesen. Dabei kann man der Statistik der Agentur für Arbeit entnehmen: „Schwerbehinderte Arbeitslose sind im Durchschnitt zwar älter, aber im Mittel auch etwas höher qualifiziert als nicht-schwerbehinderte Arbeitslose. Dabei war 2016 der Anteil der arbeitslosen schwerbehinderten Frauen ohne Berufsabschluss etwas höher als bei den arbeitslosen schwerbehinderten Männern – aber immer noch geringer als bei den nicht-schwerbehinderten arbeitslosen Frauen.“  (Quelle: Arbeitsmarkt kompakt 2017 Situation schwerbehinderter Menschen).

Detailierteren Statistiken kann man sogar entnehmen, das der überwiegende Teil der der Arbeitnehmer mit Behinderung (und der Gleichgestellten) über eine abgeschlossene Berufsausbildung verfügt oder sogar einen akademischen Abschluss hat.

Arbeitgeber sind verpflichtet, Menschen mit Behinderung zu beschäftigen! Es wird ihnen aber immer noch viel zu leicht gemacht, sich dieser Verpflichtung zu entziehen. Kleine Betriebe sind sowieso außen vor. Erst ab zwanzig Mitarbeitern greift die Quote von 5 % Mitarbeitern mit Behinderung. Größere Betriebe kaufen sich über eine lächerlich niedrige Ausgleichsabgabe von ihrer Pflicht zur Beschäftigung von Menschen mit Behinderung frei. Eine andere Möglichkeit ist, einfache Tätigkeiten an eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung abzugeben. Dabei schlägt man dann gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe: man hat die Menschen mit Behinderung nicht im eigenen Betrieb, man muss keine Ausgleichsabgabe zahlen, man bekommt hervorragende Arbeit für ganz kleines Geld (die Menschen in den Werkstätten haben ein Einkommen auf Sozialhilfeniveau und bekommen nicht einmal Mindestlohn!), und man kann sich ganz sozial geben, weil man ja was für die Behinderten tut…

Arbeitgeber, die aber doch selber Mitarbeiter mit Behinderung einstellen, können davon profitieren: da ist zunächst einmal der Lohnkostenzuschuss, eigentlich gedacht als Minderleistungsausgleich. Minderleistung? Die meisten Arbeitnehmer mit Behinderung, die wirklich arbeiten wollen, leisten eher mehr als 100 %, aus Angst, ihren Job wieder zu verlieren. Das heißt, dass der Arbeitgeber einen qualifizierten,  überdurchschnittlich engagierten Mitarbeiter bekommt, für den er oft nur die Hälfte oder weniger des regulären Gehaltes zahlen muss. Dazu werden oft auch Kosten für die behinderungsbedingte Anpassung oder Ausstattung des Arbeitsplatzes bezahlt.

Ich finde es sehr schade, dass man versucht Arbeitgeber in marktschreierischer Weise zu ködern mit einem Angebot, dass schnell zur Enttäuschung werden kann. Gerade viele Menschen, die einen GdB unter 50 haben, haben meistens keine Einschränkungen, die so stark sind, dass sie einen (hohen) Lohnkostenzuschuss rechtfertigen würden. Gewöhnlich wird der Zuschuss auch nur zeitlich begrenzt gewährt (blöd für den Arbeitnehmer, wenn dass mit dem Ende des befristeten Arbeitsvertrages zusammenfällt…)

Es wäre sinnvoller Arbeitgeber an ihre Verpflichtung zur Beschäftigung von Menschen mit Behinderung zu erinnern. Das könnte man ihnen schmackhaft machen, indem man ihnen klar macht, dass sie andernfalls auf gut qualifizierte Mitarbeiter verzichten, die zudem gewöhnlich hoch motiviert sind. Dann sollte man die Ausgleichsabgabe mindestens verdreifachen und die jährlichen Meldungen über die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung auch überprüfen. Das Freikaufen über die Vergabe von Aufträgen an WfbM sollte gar nicht mehr möglich sein.

 

Advertisements

„Je öller, je döller“ – die beiden alten Männer in Wacken

Zugegeben, ich fand es auch drollig und habe es in Kombination mit unserem plattdeutschen Spruch „je öller, je döller“ auch auf Facebook geteilt: zwei alte Herren aus einem Altenheim in Dithmarschen waren in Wacken. Sie wurden von der Polizei aufgegriffen und in ihr Altenheim zurück gebracht. Sie wurden in ein Taxi gesetzt und von der Polizei mit einem Streifenwagen eskortiert, damit sie ja nicht wieder ausbrechen?

Wacken ist ein Rockfestival. Die Leute, die den Rock zuerst gelebt und gefeiert haben, sind heute alt. Sie mögen – welch Wunder – immer noch die Musik ihrer Jugend und die sie durch ihr Leben begleitet hat. Warum sollen sie nicht auch Lust auf Wacken haben?

Zum Problem wird die Lust auf tolle Veranstaltungen immer dann, wenn Menschen irgendwo vollstationär leben, ob nun der alte Mensch im Altenheim oder ein Mensch mit Behinderung in einer Wohneinrichtung. Die Selbstbestimmung der Bewohner unterliegt hier den Heimregeln sowie dem Dienstplan und der Lust und Laune der Mitarbeiter. Wer in einem Heim lebt, kann nicht alleine für sich entscheiden, dass er auf ein Konzert -oder eben nach Wacken – fährt. Das muss geplant und organisiert werden. Außerdem wird auch von anderen entschieden, ob er das überhaupt kann oder schafft. Noch schwieriger wird es, wenn eine Begleitung erforderlich ist. Veranstaltungen finden oft erst abends (Nachtdienstzeit) oder am Wochenende statt. Das bedeutet Mehrarbeit und Überstunden fürs Personal. Das Ergebnis ist meistens, dass der Bewohner auf die Veranstaltung verzichten muss.

Wir dürfen nicht vergessen, dass jemand, der in einer Einrichtung lebt, nicht entmündigt, dort kein Gefangener ist. Dieser Eindruck entsteht aber, wenn man an die Geschichte der alten Männer in Wacken denkt. Wie Ausbrecher aus dem Gefängnis werden sie von der Polizei zurück gebracht. Das sind erwachsene Menschen, die vermutlich in den 70, 80 Jahren ihres Lebens einiges auf die Beine gestellt haben. Man belächelt sie und macht sie zur Kuriosität. „Von wegen Volksmusik und Tanztee (…)“, heißt es in einem Zeitungsbericht.

Doch nur eine leere Worthülse…

„Menschen mit Schwerbehinderung werden bei gleicher Qualifikation bevorzugt eingestellt “ – Hurra! Dann finde ich bestimmt ganz schnell Arbeit. Qualifiziert bin ich ja, außerdem auch up to date in Bezug auf Fort- und Weiterbildung.

Bevorzugt – wenn da nicht einer besser qualifiziert ist als ich, habe ich die Stelle. Toll! Wie gesagt, die Qualifikation ist ganz passabel, Erfahrung bringe ich auch mit. Zudem sollte man bei mir auch nicht mehr damit rechnen, dass ich noch mal schwanger werden will. Eltern, die mal pflegebedürftig werden könnten, habe ich nicht mehr. Die sind schon vor vielen Jahren verstorben. Alles eine Menge Pluspunkte!

Also ein kurzer Anruf beim potentiellen Arbeitgeber, um noch eine letzte kleine Frage abzuklären: Ich interessiere mich für die ausgeschriebene Stelle. Wie barrierefrei ist es denn bei Ihnen? Ich bin nämlich Rollstuhlfahrerin. – Schlucken und kurzes Herumdrucksen am anderen Ende der Leitung.  Nun ja, so wirklich barrierefrei ist das bei uns nicht….

Was für Leute mit Schwerbehinderung stellen die sich denn vor, die sie bevorzugt einstellen wollen? Nicht vorhandene Barrierefreiheit macht den Satz in der Stellenausschreibung doch zu einer Phrase ohne was dahinter, zu einer leeren Worthülse!

Klauen Rollstuhlfahrer Einkaufswagen?

Einkaufswagen für Rollstuhlfahrer sind beliebte Diebesbeute. – Zu diesem Schluss muss man jedenfalls kommen, wenn man bei IKEA in Lübeck so einen Einkaufswagen benutzen möchte.

Zunächst einmal vorweg: Es ist super, dass IKEA Lübeck seinerzeit sehr schnell reagiert hatte auf die Anregung, Einkaufswagen für Rollstuhlfahrer anzubieten. Das ist sehr zu loben, zumal es für IKEA-Häuser nicht selbstverständlich ist, diesen Service im Sinne der Inklusion und zum Wohle der Kunden vorzuhalten. IKEA in Hamburg Schnelsen beispielsweise reagiert nicht einmal auf E-Mails mit dieser Anregung…

So nun zu dem eigentlichen Problem: Wer bei IKEA Lübeck einen Rolli-Einkaufswagen benutzen will, muss erstmal einen Mitarbeiter mit Schlüssel suchen oder herantelefonieren lassen, damit der Wagen losgekettet werden kann. Das ist je nach Tageszeit und Wochentag unterschiedlich aufwendig. Wenn es nicht zu voll ist, kann man sich an die Mitarbeiter an der Kinderbetreuung wenden. Unter der Woche morgens geht das aber nicht, weil die Kinderbetreung da nicht geöffnet hat. Dann muss man jemanden vom Kassenpersonal ansprechen, der dann jemanden anruft. Der kommt dann mit dem Schlüssel. Kunden ohne Behinderung haben schon ihren Bummel durchs Möbelhaus begonnen – sie nehmen sich bei Bedarf eine der großen Einkaufstaschen oder später einen von den Einkaufswagen, die in langen Schlangen am Eingang der „Markthalle“ stehen, ohne Kette und Schloss(!).

Ok, der Schließer ist also da. Bevor der Wagen losgekettet wird, ist nun aber noch ein Leihvertrag auszufüllen und zu unterschreiben. Damit aber nicht genug: IKEA Lübeck misstraut seinen Kunden so sehr, dass die Angaben im Leihvertrag auch noch mit dem Personalausweis abgeglichen werden! Die Daten in diesem Leihvertrag werden sogar noch ein halbes Jahr gespeichert!  Genau SO habe ich es gestern erlebt. Ich habe auf den Einkauf bei IKEA verzichtet. Eigentlich wollte ich ein bisschen durchbummeln – neben Kleiderbügeln, Servietten, Kerzen, Blumentöpfen und Gläsern wäre sicher doch der ein oder andere Schnickschnack noch mit im Wagen gelandet…

Aber es ist ja nicht immer so mit den Rolli-Einkaufswagen bei IKEA Lübeck : manchmal wird der Wagen nur losgekettet und man muss nichts unterschreiben oder der Mitarbeiter trägt den Namen in den Leihvertrag ein und man unterschreibt. Keine Ahnung, wonach sich das richtet. Die IKEA-Mitarbeiterin gestern hat jedenfalls gesagt, dass es so läuft, dass der Leihvertrag ausgefüllt und mit dem Personalausweis abgeglichen wird: „Das machen wir immer so, seit wir die Wagen haben!“ Begründung: „Die sind ja auch sehr, sehr teuer, diese Einkaufswagen“.

Nach dem Einkauf mit dem Rolli-Einkaufswagen muss man leider auch bei strömenden Regen den Wagen wieder reinbringen. Da man ja einen Vertrag unterschrieben hat,macht man sich jetzt wieder auf die Suche nach einem Mitarbeiter, der einem den Wagen wieder abnimmt und sich darum kümmert, dass man seine zweite Unterschrift unter den Vertrag setzen kann, mit der man die Rückgabe quittiert.Insgesamt muss man so als Rollstuhlfahrer etwa eine Viertelstunde mehr einplanen als andere Kunden, wenn man den speziellen Einkaufswagen benutzen möchte.

Ich habe inzwischen ja einige Erfahrung mit dem Einkaufen als Rollifahrerin, ganz viel in Geschäften, die auch solche Einkaufswagen haben. Außer bei IKEA stellt man sich aber nirgends so an. Edeka, Rewe, Netto, Budni und Famila haben ihre „sehr, sehr teuren“ Rolli-Einkaufswagen frei zugänglich im Eingangsbereich stehen. Da ist nichts angekettet. Lidl hat seine draußen auf dem Parkplatz im Unterstand neben den anderen Einkaufswagen. Hier benötigt man eine Pfandmünze. Es ist noch nicht einer von den Wagen weggekommen oder beschädigt worden. Alle diese Wagen dürften genau so teuer in der Anschaffung gewesen sein, wie die von IKEA Lübeck. Sie sind alle von der Firma Wanzl. Der von Lidl ist vermutlich noch ein ganzes Stück teurer, weil er größer ist als das Standardmodell in den anderen Geschäften. Ebenso könnten auch die Wagen von Famila in Neumünster etwas mehr gekostet haben, sie sind etwas schicker in braun gehalten und nicht im üblichen Zink.

Bei allen Geschäften würde man mir auch helfen, meine Ware zum Auto zu bringen, wenn ich mal sehr viel mehr habe, als in den Wagen passt oder etwas Sperriges. Diesen Service bietet IKEA übrigens generell nicht an. Aus Versicherungsgründen dürfen die Mitarbeiter nichts mit rausbringen und mit auf den Parkplatz gehen….

Rollifahrer und psychisch krank? Dumm gelaufen….!

Kliniken, Begegnungsstätten, Pflegeeinrichtungen, Gesundheitsämter, Arztpraxen etc. sind da für kranke Menschen. Behinderung wird ja oft auch mit Krankheit gleichgesetzt. Da ist der Schluss ja naheliegend, dass hier in Sachen Barrierefreiheit und Inklusion alles schon besonders weit fortgeschritten sein müsste. Das ist aber ein gewaltiger Trugschluss! Inklusion ist im Gesundheitswesen noch ein Fremdwort! Barrierefreiheit ist nur rudimentär vorhanden, vor allem in den Köpfen der Verantwortlichen.

Rollifahrer mit behandlungsbedürftiger Depression

Nehmen wir mal einen Rollstuhlfahrer, der in eine schwere depressive Episode rutscht – das ist eine Erkrankung, die in jedem Falle behandlungsbedürftig ist. Dies ist oft verbunden mit einem stationären oder teilstationären Klinikaufenthalt. Laut der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN ) liegt die Wahrscheinlichkeit, wenigstens einmal im Leben eine schwere behandlungsbedürftige Depression zu entwickeln bei 16 bis 20 %. Für den Rollstuhlfahrer kann es nun ziemlich schwierig werden. Vor allem in älteren Krankenhäusern mit psychiatrischer Station sind die Patientenzimmer klein und sehr eng bemessen, vielmehr als die drei bis sechs Betten nebst Nachtschränken, Tisch und Stuhl passen da nicht rein. Mit Glück sind zumindest die sanitären Einrichtungen einigermaßen groß. Das bedeutet aber nicht, dass auf der Toilette ein Umsetzen aus dem Rollstuhl von beiden Seiten möglich ist (letzteres wird übrigens auch in Neubauten standhaft nicht berücksichtigt!). Platz, den Rollstuhl in erreichbarer Nähe des Bettes abzustellen ist schon gar nicht…. Das nächste Problem ist die Personalausstattung: Ein Rollifahrer, der zusätzlich zu seiner Erkrankung durch die räumlichen Gegebenheiten in der gewohnten Selbständigkeit eingeschränkt ist, macht mehr Arbeit. Ganz zu schweigen davon, welchen Einfluss das auf den weiteren Verlauf der Depression hat. Viele Kliniken stoßen bei einem Rollifahrer dann auch im therapeutischen Bereich auf Grenzen, vor allem Ergotherapieräume befinden sich oft im Keller oder Dachgeschoss, leider nicht über einen Aufzug zu erreichen……

In Tageskliniken und Begegnungsstätten für Menschen mit psychosomatischen oder psychiatrischen Krankheiten sieht es meistens nicht besser aus. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass die Leute, die die Sozialpsychiatrie in den vergangenen Jahrzehnten vorrangetrieben haben, eine Schwäche für hübsche alte Häuser haben…. Leider sind diese nicht immer praktisch, vor allem, wenn sie auch noch denkmalgeschützt sind. Wenn unser Rollifahrer nicht schon depressiv wäre, würde er es vermutlich bei dem Gedanken an die Behandlungsmöglichkeiten werden…

Persönlichkeitsstörung und Chirurgie oder Innere Medizin

Menschen mit einer psychischen Behinderung oder Erkrankung haben es in unserem Gesundheitswesen besonders schwer. Ich denke da gerade an ein Gespräch mit der Filmemacherin Andrea Rothenburg (Psychiatriefilme, Internetseite zu den Filmen von Andrea Rothenburg) – sie meinte Anti-Stigma-Arbeit zu psychische Erkrankungen müsse man bei denen anfangen, die mit den Kranken zu tun haben (auch und gerade in der Psychiatrie). Tatsächlich gibt es unter denen, die es eigentlich von Berufs wegen besser wissen sollten, viele, die die gleichen Vorurteile haben wie jeder andere, der nichts oder wenig über psychisch Kranke weiß. Mediziner aus anderen Disziplinen verhalten sich gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen oft abweisend oder diskriminierend. Das können vor allem Patienten mit Persönlichkeitsstörungen vom Borderlinetyp oft leidvoll bestätigen. Diese Patienten fügen sich aufgrund ihrer Krankheit häufig selber Verletzungen zu, mitunter so schlimm, dass sie chirurgisch oder internistisch behandelt werden müssen. Besonders grausam fand ich die Schilderung einer Frau mit einer Verletzung, die genäht werden musste. Der Arzt meinte, dass er bei ihr ja auf die Betäubung verzichten könne, was er dann auch tat (!). Auf einer internistischen Station wurde ein Patient schlicht als „bekloppt“ abgestempelt. Denn es kann ja gar nicht anders sein, wenn man sich selber Schaden zufügt.

Menschen mit geistiger Behinderung im Krankenhaus

Erwachsene Menschen mit einer geistigen Behinderung leben in unserer bisher wenig inklusiven Gesellschaft meistens in Wohneinrichtungen speziell für sie oder werden von ihren Eltern versorgt und behütet.Gewohnte Personen und ein klar geregelter Tagesablauf geben hier halt. Etliche brauchen auch genau das. Steht nun aber ein Krankenhausaufenthalt an, bricht quasi eine Welt zusammen. Nicht immer ist es möglich, dass eine vertraute Person den Krankenhausaufenthalt begleitet. Das ist schwierig, schrecklich und anstrengend für alle Beteiligten. Der behinderte Mensch versteht die Situation oder das, was da passieren soll oft nicht und hat Angst. Pflegepersonal, Ärzten und Therapeuten fehlt die Zeit, auf den Patienten seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten entsprechend einzugehen. Es gibt kaum Informationen in Leichter Sprache und da , wo es sie gibt, wissen Mediziner häufig nichts davon. „Wichtige Gespräche“ werden mit dem Betreuer oder Eltern geführt, oft im Beisein des Patienten, aber ohne ihn einzubeziehen oder so zu reden, dass er folgen kann.

Hörgeschädigte und Sehgeschädigte Patienten sind ziemlich aufgeschmissen, ohne eigene Assistenz

Ab und zu investieren Staat und Klinkbetreiber ja in vorhandene oder neue Gebäude. Dabei scheint es aber nicht so sehr darum zu gehen, dass das was entsteht auch zum Nutzen der Patienten ist… Ich denke da beispielsweise an die farbliche Gestaltung in Kliniken. Kräftige Kontraste können hilfreich bei der Orientierung sein, ebenso wie Unterschiede in der Farbgestaltung verschiedener Stockwerke und Stationen. Ich war noch in keinem Klinikgebäude, das über Wegweiser für Blinde oder Sehgeschädigte verfügte. Aber vielleicht gibt es das ja irgendwo(?). Gebährdendolmetscher gibt es ebenfalls nicht in Kliniken, geschweige denn anderen Einrichtungen für Kranke. Dazu kommt dann noch die Unsicherheit des medizinischen Personals, verbunden mit zahlreichen Vorurteilen.

 

Der Anlass zu diesem Artikel war meine Suche nach einer neuen Arbeitsstelle als rollifahrende Ergotherapeutin während der letzten Monate. Zuletzt habe ich in der Psychiatrie gearbeitet, leider mit einer befristetene Stelle. Und Psychiatrie sollte es jetzt auch gerne wieder sein. Dabei ist mir sehr deutlich vor Augen geführt worden, wie viele Einrichtungen für psychisch kranke Menschen im südlichen Schleswig-Holstein und im Norden Hamburgs nicht für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen geeignet sind. Dabei handelte es sich um Tages- und Begegnungsstätten von unterschiedlichen Trägern, Reha-Einrichtungen, Tageskliniken, Kliniken und Wohneinrichtungen. Ich hatte im Gespräch nie den Eindruck, dass sich bei besagten Einrichtungen in absehbarer Zeit irgendetwas daran ändern wird (soll). Dabei ist Inklusion dort durchaus ein bekanntes Schlagwort, zum Teil sogar Bestandteil des Leitbildes…..

….und wie ist das als Rollstuhlfahrer in China?

Ich bin hier in Tianjin. Diese Stadt war neben Peking einer der Austragungsorte der Olympiade und der Paralympics 2008. Barrierefreiheit gibt es hier aber so gut wie überhaupt nicht. Rollstuhlfahrer gibt es im Straßenbild aber auch so gut wie überhaupt nicht. Wenn man mal einen Menschen im Rollstuhl sieht, ist es meistens ein Senior, der von den angehörigen in einem eher klapperig wirkenden Teil durch die Gegend geschoben wird. Auch sonst sind mir hier praktisch keine Menschen mit einer Behinderung aufgefallen. Ob die nicht nach draußen kommen? Ich werde teilweise auch angesehen, wie von einem anderen Stern.

Die Gehwege haben überwiegend sehr hohe Bordsteine, Absenkungen gibt es leider nur wenige. Darum gucke ich immer, ob ich möglicherweise bald die Straßenseite wechseln will oder muss. Wenn keine Absenkung in Sicht ist, bleibe ich gleich auf der Straße. Das ist hier zum Glück aber nicht so ungewöhnlich, weil erstens die Straßenränder immer in zwei bis drei Reihen zugeparkt sind und zweitens zwischen den Rad-, E-Bike- und Roller-Fahrern immer viele Fußgänger rumlaufen.

Schwierig ist es hingegen mit den vielen Stufen und Treppen. Rampen gibt es nämlich nur sehr wenig. Vor dem Eingang der meisten Geschäfte, auch in der Fußgängerzone, gibt es eine bis zwei Stufen zu überwinden. Das nervt ziemlich. Ich denke, dass China mit einer Bevölkerung, die ja auch nicht jünger wird, sich in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren darüber auch Gedanken machen muss…

Ein weiteres Problem sind recht enge Absperrbügel. Die sollen wohl dazu dienen, die allgegenwärtigen Zweiräder abzuhalten. Mit dem Rolli hat man leider auch keine Chance da durch zu kommen.

Öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, ist auch nicht so ganz einfach. Zum einen gibt es nicht immer Aufzüge zu den U-Bahnen. Bei den vorhandenen ist nicht immer ganz sicher, dass sie auch in Betrieb sind. Das nächste Problem sind dann die Durchgänge, an denen die Fahrkarte kontrolliert wird. Wenn kein Personal da steht, kommt man nicht durch, weil der breite Durchgang extra geöffnet werden muss. Toll ist es allerdings, wenn man dann auf dem Bahnsteig ist. Die U-Bahn-Züge lassen sich nämlich stufenlos und lediglich mit einem schmalen Spalt problemlos mit dem Rollstuhl befahren! Das wünsche ich mir auch in Europa!

Bus zu fahren, habe ich bisher gar nicht erst ausprobiert. Die Busse, die ich vorbeifahren gesehen habe, hatten alle keinen Rollstuhl geeigneten Einstieg. Das heißt, dass es nicht nur keine Rampe gab, sondern, dass es außerdem auch noch eine Stufe an der Hintertür gibt. So wie bei den Bussen bei uns in den 70er und 80er Jahren noch.

Ein absolut übliches Nahverkehrsmittel hier ist das Taxi. Es ist zumindest für unsere Begriffe sehr billig. Bis zu drei Kilometern zahlt man 8 Yuan, das sind umgerechnet ca. 1,20 Euro. Danach kostet jeder weitere Kilometer 1,70 Yuan. Einige Taxifahrer, können sich nicht vorstellen, dass sie meinen Rolli mitkriegen. Die winken ab und fahren einfach weiter. Aber die meisten sind einfach nur erstaunt, wie leicht sich die Räder abmontieren lassen und sich der Rest mit umgeklappter Rückenlehne einfach auf dem Rücksitz verstauen lässt.

Leider befinden sich unter den Taxifahrern aber die größten Gauner und Schlitzohren, die ich hier bisher getroffen habe: Grundsätzlich muss man immer drauf achten, dass das Taxameter auch wirklich auf NULL gestellt wird. Trotzdem wird dann noch versucht zu tricksen bzw. es wird auch getrickst! Ein Taxifahrer wollte mir schon beim Einsteigen weiß machen, dass ich für einen bestimmten Weg 20 Yuan bezahlen muss. Darauf hin habe ich meinen Stadtplan gezückt und ihm gezeigt, dass ich sehr wohl weiß, wo ich mich befinde und wo mein Ziel ist – zwischen 10 und 15 Yuan sollte das Maximum liegen. In einem anderen Taxi habe ich auf dem Beifahrersitz sitzend, sehr genau das Taxameter beobachtet – bereits bei  4,7 und später bei 5,4 Kilometern sprang die Preisangabe um. Den Vogel abgeschossen haben dann die Taxifahrer am Water Park, einer wunderschönen Grünanlage und Naherholungsgebiet. Auf dem Hinweg haben wir für das Taxi 15 Yuan bezahlt. Als wir zurück fahren wollten, sollten wir 50 (!) Yuan bezahlen. Dazu waren wir aber nicht bereit. Leider hatten sich die Taxifahrer dort mehr oder weniger untereinander verständigt. Aber meine Erfahrung aus Afrika vor 25 Jahren hat mich gelehrt, dass man nur ein paar Ecken weiter zu gehen braucht, weg von der bei Touristen beliebten Stelle. Da findet man dann auch wieder vernünftige Taxifahrer, die nicht denken, dass Touristen nur zum beschei… und ausnehmen da sind. Bei dem Taxi, in das wir dann eingestiegen sind hatte ich sofort ein gutes Gefühl. Das lag auch an dem kleinen Buddha, der da am Rückspiegel hing. Dem Fahrer war es am Schluss sichtlich peinlich, dass er wegen des Weges nicht 100 % sicher war. Er schien mir sehr erleichtert, dass wir schon kurz vor dem Ziel aussteigen wollten und er sich nicht durch die Einbahnstraßen suchen musste.

Um es klar zu stellen, es geht mir hier nicht um 20 Cent oder einen Euro. Aus Afrika weiß ich aber, dass sich an dem Verhalten der Taxifahrer nichts ändern wird, wenn es ihnen immer wieder gelingt, die Leute über den Tisch zu ziehen. Wenn alles korrekt gelaufen ist, bin ich gerne großzügig mit Trinkgeld.

Inklusion, aber „Die“ sind wieder nicht dabei

Inklusion – was für ein schönes, rundes Wort. Es ist schon richtig vertraut, weil es derzeit in aller Munde und dadurch so richtig schön durchgelutscht ist. Da möchte man so langsam schon sagen „bäh, igittigitt!“ Auch weil das ewige Herumgelutsche nichts voranbringt.

Es sind zum Teil die selben Leute, die sich vor vielen Jahren mit der Integration Behinderter befasst haben, die sich heute um die Inklusion „kümmern“. Sie sind ja diejenigen, die die Ahnung und die Erfahrung haben – meinen sie. Sie sind auch diejenigen denen wir Bandwurmbegriffe wie „Menschen mit Behinderung“ oder Werkstatt für Menschen mit Behinderung“ zu verdanken haben, die aber, wenn sie von Behinderten und den eigenen inklusiven Plänen und Vorhaben reden,  immer von „Die “ sprechen, in etwa so: „Die brauchen…“ oder „Die können aber nicht…..“. Inklusiv wäre von „Wir“ zu sprechen. Das scheint mir außer in Behindertenverbänden und Behinderteninitiativen aber leider immer noch die Ausnahme zu sein. Ich bin ja ehrenamtliche Behindertenbeauftragte und als solche auch, ohne mich selber loben zu wollen, überdurchschnittlich aktiv. Unsere Stadt ist Kooperationspartner des Netzwerks Inklusion Segeberg, wo ich mich auch mit einbringe. Dadurch bin ich lokal in den einschlägigen Kreisen einigermaßen bekannt. Man lädt mich ein, wenn es irgendwas rund ums Thema Behinderung und Inklusion gibt. Außerdem schaue ich mich natürlich auch selber um, wo Inklusion verwirklicht werden soll.  Ich bekomme also einen recht guten Ein- und Überblick, was so läuft. Dabei fallen mir immer wieder zwei Aspekte besonders auf und ärgern mich:

Erstens werden Behinderte und Senioren gerne in einen Topf geworfen. Das wird weder der einen noch der anderen Gruppe wirklich gerecht. Zum einen, weil es  viele Behinderte gibt, die noch lange keine Senioren sind. Für sie sind beispielsweise Themen wie Frühförderung, Kindergarten, Schule, Ausbildung, Familiengründung und Sexualität, Wohnraum, der der Behinderung angepasst ist und auch für den Rest der Familie ausreicht, Arbeit, Urlaub, Freizeitgestaltung von Bedeutung. Senioren hingegen haben früher oder später häufig auch Behinderungen. Dies trifft aber längst nicht auf alle zu. Im Gegenteil – viele laufen noch Marathon oder leisten sich endlich ein tolles Fahrrad oder Motorrad oder gehen monatelang im Wohnmobil auf Tour. Zum Teil sind sie schon fast ein bisschen beängstigend, die „JungenAlten“. Die Bedürfnisse derer, an denen, um es mal salopp auszudrücken, der Zahn der Zeit genagt hat, die eben doch, meist altersbedingt,  körperliche und geistige Einschränkungen oder Behinderungen haben, sind überwiegend andere als die eines behinderten Kindes und seiner Familie, eines behinderten Jugendlichen und eines behinderten Erwachsenen vor der Seniorenzeit. Für Senioren geht es meist um Pflege, Schutz vor Vereinsamung, angepassten (kleineren) Wohnraum, Tagesstrukturierung und Freizeitgestaltung, um das mal ein bisschen verkürzt darzustellen.

Zweitens frage ich mich bei all dem Aktionismus, wo sind die Behinderten? Wann sollen sie denn endlich beteiligt werden? Manchmal fühle ich mich richtig als „Quotenbehinderte“! Bei all den vielen Veranstaltungen, Treffen, Brainstormings, Planungs- und Steuerungsgruppen bin ich meistens die einzige Behinderte. Auf meine Frage, wo denn das wichtigste im Rahmen der Inklusion geforderte bleibt, nämlich die Beteiligung derer, die es betrifft, habe ich schon zur Antwort bekommen „Die“ würden ja bestimmt nicht hier her kommen. „Die“ (als ob das eine homogene Gruppe wäre) wurden aber weder gefragt noch eingeladen. Wie sollen die Behinderten( „Die“) sich denn beteiligen, wenn sie nicht einmal wissen, dass etwas stattfindet. Aber immerhin handelt es sich um ein großes Projekt, an dem zum Großteil Beamte beteiligt sind, die sich in ihrem Berufsalltag schon mit der Anerkennung und Ablehnung von Wünschen, Ansprüchen und Rechten Behinderter befassen. Die gehen ja täglich mit behinderten Menschen um. Darum sind sie „Experten“. Meiner Meinung nach sind das ähnliche Experten, wie die, die von diversen Privatsendern rekrutiert werden, um einer eher schwammigen Aussage mehr Wahrheitsgehalt zu verpassen. Als Behindertenbeauftragte werde ich quasi als Deligierte der Behinderten betrachtet. Dabei bin ich nicht von einer Gruppe Behinderter gewählt worden, sondern von den Stadtvertretern meiner Heimatstadt.

Ich mag die Hoffnung ja noch nicht aufgeben. Aber so ganz wohl ist mir nicht dabei, wenn wir Inklusion verwirklichen wollen und bei der Planung und den Fragen nach dem was nötig ist, weiterhin diejenigen, die es betrifft ausschließen, also exkludieren.