Markt im NDR Fernsehen und das Mitleid mit Menschen mit Behinderung

Guten Abend!
Gerade habe ich den Betrag zu den Steak Grills bei „Markt“ gesehen. Ich bin ziemlich sauer, weil unkommentiert die Stellungnahme von Beefer zur Verletzungsgefahr an dem einen Teil übern Sender gegangen ist. Arbeiten Menschen mit Behinderung schlechter? Ich finde das diskriminierend und fühle mich als Mensch mit Behinderung selbst auch diskriminiert. Ich arbeite und mache meinen Job ebenso gut wie meine Kolleginnen und Kollegen ohne Behinderung.
Ich finde es schlimm, solche Statements unkommentiert zu lassen, weil das dazu beiträgt, Vorurteile stehen zu lassen und zu verfestigen. Im Übrigen ist in Werkstätten für Menschen mit Behinderung nie der (nicht einmal mit dem Mindestlohn bezahlte) Mitarbeiter mit Behinderung für die Qualität der gefertigten Produkte verantwortlich, sondern immer eine der gut bezahlten „Betreuungskräfte“. Die müssen eine zuverlässige Kontrolle der Produkte gewährleisten.
Ich bin Ergotherapeutin von Beruf und könnte mit/trotz meiner Behinderung als Arbeitstherapeutin so eine Betreuungstätigkeit ausüben.

Schade, lieber NDR, dass Euch das passiert. Guter Journalismus sieht anders aus.

Beste Grüße
Gabi

 

 

Liebe Gabi, wir haben deine Nachricht an die Kollegen von Markt weitergeleitet und folgende Antwort für dich:

„Liebe Gabi,

vielen Dank für Ihr Schreiben. Kritik unserer Zuschauer nehmen wir sehr ernst und haben daraufhin den Beitrag noch einmal genau angeschaut und überprüft. Wir verstehen, was Sie meinen, können Ihre Kritik aber nicht ganz teilen. Unsere Absicht war nie, Menschen mit Behinderungen zu diskriminieren. Auch vom Hersteller „Beefer“ ist unser Eindruck, dass die Menschen mit Behinderungen nicht für die Qualität des Produktes verantwortlich gemacht werden sollten. Vielmehr wollten wir das Gegenteil bewirken, d.h. zum Ausdruck bringen, dass wir anerkennen, dass „Beefer“ seine Hochtemperaturgrills in Werkstätten fertigen lässt, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Menschen mit Behinderungen und Entwicklungsauffälligkeiten in das Arbeitsleben zu integrieren. Vielleicht kann das für den einen oder anderen Verbraucher ja sogar ausschlaggebend für seine Kaufentscheidung gegenüber einem Produkt aus Billiglohn-Ländern sein.

Und das wollten wir – genau wie der Hersteller „Beefer“ – mit dem Zitat vermitteln. Leider kann man in Stellungnahmen in Fernsehbeiträgen nie die ganze Antwort unterbringen. Dass Sie die Verkürzung falsch verstanden haben, tut uns leid. Nochmals Danke für Ihre Kritik, das hat uns unser Tun noch einmal kritisch überprüfen lassen. Beim nächsten Mal werden wir das noch deutlicher herausarbeiten.

Bleiben Sie uns weiterhin kritisch gewogen.

Ihre Redaktion Markt“

 

Liebe Markt Redaktion!

Haben Sie schon mal was von Inklusion gehört? Wissen Sie, was das bedeutet? Da will niemand, dass irgendwelche Produkte aus Mitleid mit den armen Behinderten gekauft werden! Behindertenwerkstätten sind definitiv keine Inklusion! Sie sind auch das, was die UN in Deutschland in Sachen Inklusion am meisten kritisieren. Da sind Menschen, die ein Markenprodukt Made in Germany produzieren. Es ist egal, ob sie eine Behinderung haben oder nicht. Das spielt nämlich keine Rolle dafür, ob jemand Fehler bei seiner Arbeit macht oder nicht (ich frage jetzt mal ganz ketzerisch, ob das Redaktionsmitglied, das das Zitat ausgewählt hat, diesen Fehler vielleicht gemacht hat, weil es eine Behinderung hat? 😉).
Ich finde es absolut unglaublich, dass es hier immer noch um Mitleid und nicht um Respekt geht! Da braucht man sich dann auch nicht zu wundern, dass zwanzig Jahre nach Inkraftsetzung der UN Behindertenrechtskonvention immer noch alles so schleppend voran geht in Sachen Inklusion.

Ich werde unsere Konversation hier, so wie sie ist, in meinen Blog inklusionjetzt.com stellen und auf Facebook und Twitter teilen.

Ich bin gespannt auf die Diskussion.

Wir Menschen mit Behinderung sind vielleicht ein bisschen sensibler geworden und ebenfalls aufmerksamer und kämpferischer. Aber das ist auch Inklusion. Nur wenn wir uns bemerkbar machen, kann sich auch etwas verändern. Wir wollen und brauchen Euer Mitleid nicht! Wir wollen und brauchen echte Inklusion! Die haben wir aber erst, wenn man gar nicht mehr darüber reden muss.

Beste Grüße
Gabi

 

Hoppla! Im Überschwang der Gefühle habe ich die UN Behindertenrechtskonvention doppelt so alt gemacht wie sie ist. Aber ich bin ja auch behindert. 😉

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Hut ab! Kritik wurde konstruktiv aufgegriffen

Resterampe“ lautete die Überschrift meines Artikels hier im Blog  im September. Er bezog sich auf eine Anzeige des Arbeitgeberservices des Jobcenters und der Agentur für Arbeit Kreis Segeberg.  In marktschreierischer Manier sollten Menschen mit Behinderung verramscht werden. Diesen Eindruck konnte man bei den gewählten Formulierungen gewinnen.  Mein Artikel zog weite Kreise und löste nach einem Tweet von Raul Krauthausen auf Twitter eine rege Diskussion aus: Tweet und Diskussion .

Bis Anfang November dauerte es dann, dass auch das Jobcenter in Segeberg davon erfuhr. Dabei hatte ich den Link zum Artikel auf meinem Blog  per E-Mail auch an die nette engagierte Sachbearbeiterin der Agentur für Arbeit geschickt, die mich in Zeiten der Arbeitslosigkeit immer gut betreut hat. Sie hatte ihn auch weitergeleitet…

Anfang November meldete sich bei mir telefonisch Herr Knapp, Geschäftsführer des Jobcenters Kreis Segeberg. Ihm war die Twitterdiskussion zugeleitet worden und es war ihm eben auch aufgegangen, dass diese eigentlich gut gemeinte Anzeige auch in der Weise, wie ich sie etwas überspitzt und provokant interpretiert hatte, verstanden werden konnte. Wir trafen uns dann zu einem Gespräch im Jobcenter in Bad Segeberg. Mit dabei war Herr Stahl, sein Stellvertreter und Verfasser der Anzeige. Es war ein sehr konstruktives Gespräch, bei dem wir uns darauf einigten, dass die Anzeige so nicht wieder erscheinen soll. Sie sollte überarbeitet und wertschätzender formuliert werden. Zudem verabredeten wir einen Pressetermin zur Vorstellung der überarbeiteten,  neuen Anzeige:

Überarbeitete Anzeige des Jobcenters zur Beschäftigung von Menschen mit Behinderung

Die neue Anzeige des Jobcenters Kreis Segeberg, sachlich und in neuem Design

Zum Pressegespräch war eine Redakteurin der  Segeberger Zeitung  da, zwei Mitarbeiterinnen lokaler Anzeigenblätter (Basses Blatt , Umschau , Nordexpress) und Frank Warnholz, Fachberater beim Aktionsbündnis Inklusive Jobs Schleswig-Holstein , außerdem natürlich Herr Knapp und Herr Stahl.

Lange und ausführlich wurde in dem Pressegespräch die Frage nach dem besonderen Kündigungsschutz für Menschen mit Behinderung  – Schreckgespenst für  Arbeitgeber, aber eben doch nur ein Phantom – erörtert. Auch bei den Pressevertreterinnen herrschte das Vorurteil, dass man einen Arbeitnehmer mit Behinderung „nie wieder loswird“. Dieser Irrglaube konnte ausgeräumt werden. Leider wird dieses Thema aber  in keinem der später erschienen Artikel erwähnt.

Immerhin hat das Thema Beschäftigung von Menschen mit Behinderung aber einmal aus einer anderen Perspektive etwas Aufmerksamkeit erhalten. Super finde ich, dass meine Kritik konstruktiv aufgegriffen und ein neuer Anzeigentext gefunden wurde.

Artikel aus der Umschau, 19.12.2018

Artikel Basses Blatt, 19.12.2018

Basses Blatt 19.12.2018

Artikel Nordexpress, 19.12.2018

Artikel Nordexpress, 19.12.2018

Artikel Segeberger Zeitung, 20.12.2018

Segeberger Zeitung, 20.12.2018

Resterampe

Kommen Sie! Greifen Sie zu! In Zeiten des Fachkräftemangels kriegen Sie von uns eine Fachkraft geschenkt! Greifen Sie zu! Sie können die Fachkraft sogar ausprobieren. Bei Nichtgefallen geben Sie sie einfach zurück!

Arbeitgeber aufgepasst! Kennen Sie schon die Probebeschäftigung für Behinderte Menschen? Bei Neueinstellung können Sie einen 100%igen Lohnkostenzuschuss erhalten (...)

Wer will noch mal, wer hat noch nicht? Greifen Sie zu! Es kostet nichts und es gibt auch kein Risiko! 

Ich finde es ja gut, dass die Agentur für Arbeit und das Jobcenter endlich kapiert haben, dass man bei den Arbeitgebern ansetzen muss, wenn man Menschen mit Behinderung in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse auf dem ersten Arbeitsmarkt bringen will. Aber doch bitte nicht so! Das ist keine Inklusion! Hier werden Arbeitnehmer mit Behinderung oder ihnen Gleichgestellte wie Sauerbier angepriesen. Dabei kann man der Statistik der Agentur für Arbeit entnehmen: „Schwerbehinderte Arbeitslose sind im Durchschnitt zwar älter, aber im Mittel auch etwas höher qualifiziert als nicht-schwerbehinderte Arbeitslose. Dabei war 2016 der Anteil der arbeitslosen schwerbehinderten Frauen ohne Berufsabschluss etwas höher als bei den arbeitslosen schwerbehinderten Männern – aber immer noch geringer als bei den nicht-schwerbehinderten arbeitslosen Frauen.“  (Quelle: Arbeitsmarkt kompakt 2017 Situation schwerbehinderter Menschen).

Detailierteren Statistiken kann man sogar entnehmen, das der überwiegende Teil der der Arbeitnehmer mit Behinderung (und der Gleichgestellten) über eine abgeschlossene Berufsausbildung verfügt oder sogar einen akademischen Abschluss hat.

Arbeitgeber sind verpflichtet, Menschen mit Behinderung zu beschäftigen! Es wird ihnen aber immer noch viel zu leicht gemacht, sich dieser Verpflichtung zu entziehen. Kleine Betriebe sind sowieso außen vor. Erst ab zwanzig Mitarbeitern greift die Quote von 5 % Mitarbeitern mit Behinderung. Größere Betriebe kaufen sich über eine lächerlich niedrige Ausgleichsabgabe von ihrer Pflicht zur Beschäftigung von Menschen mit Behinderung frei. Eine andere Möglichkeit ist, einfache Tätigkeiten an eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung abzugeben. Dabei schlägt man dann gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe: man hat die Menschen mit Behinderung nicht im eigenen Betrieb, man muss keine Ausgleichsabgabe zahlen, man bekommt hervorragende Arbeit für ganz kleines Geld (die Menschen in den Werkstätten haben ein Einkommen auf Sozialhilfeniveau und bekommen nicht einmal Mindestlohn!), und man kann sich ganz sozial geben, weil man ja was für die Behinderten tut…

Arbeitgeber, die aber doch selber Mitarbeiter mit Behinderung einstellen, können davon profitieren: da ist zunächst einmal der Lohnkostenzuschuss, eigentlich gedacht als Minderleistungsausgleich. Minderleistung? Die meisten Arbeitnehmer mit Behinderung, die wirklich arbeiten wollen, leisten eher mehr als 100 %, aus Angst, ihren Job wieder zu verlieren. Das heißt, dass der Arbeitgeber einen qualifizierten,  überdurchschnittlich engagierten Mitarbeiter bekommt, für den er oft nur die Hälfte oder weniger des regulären Gehaltes zahlen muss. Dazu werden oft auch Kosten für die behinderungsbedingte Anpassung oder Ausstattung des Arbeitsplatzes bezahlt.

Ich finde es sehr schade, dass man versucht Arbeitgeber in marktschreierischer Weise zu ködern mit einem Angebot, dass schnell zur Enttäuschung werden kann. Gerade viele Menschen, die einen GdB unter 50 haben, haben meistens keine Einschränkungen, die so stark sind, dass sie einen (hohen) Lohnkostenzuschuss rechtfertigen würden. Gewöhnlich wird der Zuschuss auch nur zeitlich begrenzt gewährt (blöd für den Arbeitnehmer, wenn dass mit dem Ende des befristeten Arbeitsvertrages zusammenfällt…)

Es wäre sinnvoller Arbeitgeber an ihre Verpflichtung zur Beschäftigung von Menschen mit Behinderung zu erinnern. Das könnte man ihnen schmackhaft machen, indem man ihnen klar macht, dass sie andernfalls auf gut qualifizierte Mitarbeiter verzichten, die zudem gewöhnlich hoch motiviert sind. Dann sollte man die Ausgleichsabgabe mindestens verdreifachen und die jährlichen Meldungen über die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung auch überprüfen. Das Freikaufen über die Vergabe von Aufträgen an WfbM sollte gar nicht mehr möglich sein.

 

„Je öller, je döller“ – die beiden alten Männer in Wacken

Zugegeben, ich fand es auch drollig und habe es in Kombination mit unserem plattdeutschen Spruch „je öller, je döller“ auch auf Facebook geteilt: zwei alte Herren aus einem Altenheim in Dithmarschen waren in Wacken. Sie wurden von der Polizei aufgegriffen und in ihr Altenheim zurück gebracht. Sie wurden in ein Taxi gesetzt und von der Polizei mit einem Streifenwagen eskortiert, damit sie ja nicht wieder ausbrechen?

Wacken ist ein Rockfestival. Die Leute, die den Rock zuerst gelebt und gefeiert haben, sind heute alt. Sie mögen – welch Wunder – immer noch die Musik ihrer Jugend und die sie durch ihr Leben begleitet hat. Warum sollen sie nicht auch Lust auf Wacken haben?

Zum Problem wird die Lust auf tolle Veranstaltungen immer dann, wenn Menschen irgendwo vollstationär leben, ob nun der alte Mensch im Altenheim oder ein Mensch mit Behinderung in einer Wohneinrichtung. Die Selbstbestimmung der Bewohner unterliegt hier den Heimregeln sowie dem Dienstplan und der Lust und Laune der Mitarbeiter. Wer in einem Heim lebt, kann nicht alleine für sich entscheiden, dass er auf ein Konzert -oder eben nach Wacken – fährt. Das muss geplant und organisiert werden. Außerdem wird auch von anderen entschieden, ob er das überhaupt kann oder schafft. Noch schwieriger wird es, wenn eine Begleitung erforderlich ist. Veranstaltungen finden oft erst abends (Nachtdienstzeit) oder am Wochenende statt. Das bedeutet Mehrarbeit und Überstunden fürs Personal. Das Ergebnis ist meistens, dass der Bewohner auf die Veranstaltung verzichten muss.

Wir dürfen nicht vergessen, dass jemand, der in einer Einrichtung lebt, nicht entmündigt, dort kein Gefangener ist. Dieser Eindruck entsteht aber, wenn man an die Geschichte der alten Männer in Wacken denkt. Wie Ausbrecher aus dem Gefängnis werden sie von der Polizei zurück gebracht. Das sind erwachsene Menschen, die vermutlich in den 70, 80 Jahren ihres Lebens einiges auf die Beine gestellt haben. Man belächelt sie und macht sie zur Kuriosität. „Von wegen Volksmusik und Tanztee (…)“, heißt es in einem Zeitungsbericht.

Doch nur eine leere Worthülse…

„Menschen mit Schwerbehinderung werden bei gleicher Qualifikation bevorzugt eingestellt “ – Hurra! Dann finde ich bestimmt ganz schnell Arbeit. Qualifiziert bin ich ja, außerdem auch up to date in Bezug auf Fort- und Weiterbildung.

Bevorzugt – wenn da nicht einer besser qualifiziert ist als ich, habe ich die Stelle. Toll! Wie gesagt, die Qualifikation ist ganz passabel, Erfahrung bringe ich auch mit. Zudem sollte man bei mir auch nicht mehr damit rechnen, dass ich noch mal schwanger werden will. Eltern, die mal pflegebedürftig werden könnten, habe ich nicht mehr. Die sind schon vor vielen Jahren verstorben. Alles eine Menge Pluspunkte!

Also ein kurzer Anruf beim potentiellen Arbeitgeber, um noch eine letzte kleine Frage abzuklären: Ich interessiere mich für die ausgeschriebene Stelle. Wie barrierefrei ist es denn bei Ihnen? Ich bin nämlich Rollstuhlfahrerin. – Schlucken und kurzes Herumdrucksen am anderen Ende der Leitung.  Nun ja, so wirklich barrierefrei ist das bei uns nicht….

Was für Leute mit Schwerbehinderung stellen die sich denn vor, die sie bevorzugt einstellen wollen? Nicht vorhandene Barrierefreiheit macht den Satz in der Stellenausschreibung doch zu einer Phrase ohne was dahinter, zu einer leeren Worthülse!

Klauen Rollstuhlfahrer Einkaufswagen?

Einkaufswagen für Rollstuhlfahrer sind beliebte Diebesbeute. – Zu diesem Schluss muss man jedenfalls kommen, wenn man bei IKEA in Lübeck so einen Einkaufswagen benutzen möchte.

Zunächst einmal vorweg: Es ist super, dass IKEA Lübeck seinerzeit sehr schnell reagiert hatte auf die Anregung, Einkaufswagen für Rollstuhlfahrer anzubieten. Das ist sehr zu loben, zumal es für IKEA-Häuser nicht selbstverständlich ist, diesen Service im Sinne der Inklusion und zum Wohle der Kunden vorzuhalten. IKEA in Hamburg Schnelsen beispielsweise reagiert nicht einmal auf E-Mails mit dieser Anregung…

So nun zu dem eigentlichen Problem: Wer bei IKEA Lübeck einen Rolli-Einkaufswagen benutzen will, muss erstmal einen Mitarbeiter mit Schlüssel suchen oder herantelefonieren lassen, damit der Wagen losgekettet werden kann. Das ist je nach Tageszeit und Wochentag unterschiedlich aufwendig. Wenn es nicht zu voll ist, kann man sich an die Mitarbeiter an der Kinderbetreuung wenden. Unter der Woche morgens geht das aber nicht, weil die Kinderbetreung da nicht geöffnet hat. Dann muss man jemanden vom Kassenpersonal ansprechen, der dann jemanden anruft. Der kommt dann mit dem Schlüssel. Kunden ohne Behinderung haben schon ihren Bummel durchs Möbelhaus begonnen – sie nehmen sich bei Bedarf eine der großen Einkaufstaschen oder später einen von den Einkaufswagen, die in langen Schlangen am Eingang der „Markthalle“ stehen, ohne Kette und Schloss(!).

Ok, der Schließer ist also da. Bevor der Wagen losgekettet wird, ist nun aber noch ein Leihvertrag auszufüllen und zu unterschreiben. Damit aber nicht genug: IKEA Lübeck misstraut seinen Kunden so sehr, dass die Angaben im Leihvertrag auch noch mit dem Personalausweis abgeglichen werden! Die Daten in diesem Leihvertrag werden sogar noch ein halbes Jahr gespeichert!  Genau SO habe ich es gestern erlebt. Ich habe auf den Einkauf bei IKEA verzichtet. Eigentlich wollte ich ein bisschen durchbummeln – neben Kleiderbügeln, Servietten, Kerzen, Blumentöpfen und Gläsern wäre sicher doch der ein oder andere Schnickschnack noch mit im Wagen gelandet…

Aber es ist ja nicht immer so mit den Rolli-Einkaufswagen bei IKEA Lübeck : manchmal wird der Wagen nur losgekettet und man muss nichts unterschreiben oder der Mitarbeiter trägt den Namen in den Leihvertrag ein und man unterschreibt. Keine Ahnung, wonach sich das richtet. Die IKEA-Mitarbeiterin gestern hat jedenfalls gesagt, dass es so läuft, dass der Leihvertrag ausgefüllt und mit dem Personalausweis abgeglichen wird: „Das machen wir immer so, seit wir die Wagen haben!“ Begründung: „Die sind ja auch sehr, sehr teuer, diese Einkaufswagen“.

Nach dem Einkauf mit dem Rolli-Einkaufswagen muss man leider auch bei strömenden Regen den Wagen wieder reinbringen. Da man ja einen Vertrag unterschrieben hat,macht man sich jetzt wieder auf die Suche nach einem Mitarbeiter, der einem den Wagen wieder abnimmt und sich darum kümmert, dass man seine zweite Unterschrift unter den Vertrag setzen kann, mit der man die Rückgabe quittiert.Insgesamt muss man so als Rollstuhlfahrer etwa eine Viertelstunde mehr einplanen als andere Kunden, wenn man den speziellen Einkaufswagen benutzen möchte.

Ich habe inzwischen ja einige Erfahrung mit dem Einkaufen als Rollifahrerin, ganz viel in Geschäften, die auch solche Einkaufswagen haben. Außer bei IKEA stellt man sich aber nirgends so an. Edeka, Rewe, Netto, Budni und Famila haben ihre „sehr, sehr teuren“ Rolli-Einkaufswagen frei zugänglich im Eingangsbereich stehen. Da ist nichts angekettet. Lidl hat seine draußen auf dem Parkplatz im Unterstand neben den anderen Einkaufswagen. Hier benötigt man eine Pfandmünze. Es ist noch nicht einer von den Wagen weggekommen oder beschädigt worden. Alle diese Wagen dürften genau so teuer in der Anschaffung gewesen sein, wie die von IKEA Lübeck. Sie sind alle von der Firma Wanzl. Der von Lidl ist vermutlich noch ein ganzes Stück teurer, weil er größer ist als das Standardmodell in den anderen Geschäften. Ebenso könnten auch die Wagen von Famila in Neumünster etwas mehr gekostet haben, sie sind etwas schicker in braun gehalten und nicht im üblichen Zink.

Bei allen Geschäften würde man mir auch helfen, meine Ware zum Auto zu bringen, wenn ich mal sehr viel mehr habe, als in den Wagen passt oder etwas Sperriges. Diesen Service bietet IKEA übrigens generell nicht an. Aus Versicherungsgründen dürfen die Mitarbeiter nichts mit rausbringen und mit auf den Parkplatz gehen….

Rollifahrer und psychisch krank? Dumm gelaufen….!

Kliniken, Begegnungsstätten, Pflegeeinrichtungen, Gesundheitsämter, Arztpraxen etc. sind da für kranke Menschen. Behinderung wird ja oft auch mit Krankheit gleichgesetzt. Da ist der Schluss ja naheliegend, dass hier in Sachen Barrierefreiheit und Inklusion alles schon besonders weit fortgeschritten sein müsste. Das ist aber ein gewaltiger Trugschluss! Inklusion ist im Gesundheitswesen noch ein Fremdwort! Barrierefreiheit ist nur rudimentär vorhanden, vor allem in den Köpfen der Verantwortlichen.

Rollifahrer mit behandlungsbedürftiger Depression

Nehmen wir mal einen Rollstuhlfahrer, der in eine schwere depressive Episode rutscht – das ist eine Erkrankung, die in jedem Falle behandlungsbedürftig ist. Dies ist oft verbunden mit einem stationären oder teilstationären Klinikaufenthalt. Laut der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN ) liegt die Wahrscheinlichkeit, wenigstens einmal im Leben eine schwere behandlungsbedürftige Depression zu entwickeln bei 16 bis 20 %. Für den Rollstuhlfahrer kann es nun ziemlich schwierig werden. Vor allem in älteren Krankenhäusern mit psychiatrischer Station sind die Patientenzimmer klein und sehr eng bemessen, vielmehr als die drei bis sechs Betten nebst Nachtschränken, Tisch und Stuhl passen da nicht rein. Mit Glück sind zumindest die sanitären Einrichtungen einigermaßen groß. Das bedeutet aber nicht, dass auf der Toilette ein Umsetzen aus dem Rollstuhl von beiden Seiten möglich ist (letzteres wird übrigens auch in Neubauten standhaft nicht berücksichtigt!). Platz, den Rollstuhl in erreichbarer Nähe des Bettes abzustellen ist schon gar nicht…. Das nächste Problem ist die Personalausstattung: Ein Rollifahrer, der zusätzlich zu seiner Erkrankung durch die räumlichen Gegebenheiten in der gewohnten Selbständigkeit eingeschränkt ist, macht mehr Arbeit. Ganz zu schweigen davon, welchen Einfluss das auf den weiteren Verlauf der Depression hat. Viele Kliniken stoßen bei einem Rollifahrer dann auch im therapeutischen Bereich auf Grenzen, vor allem Ergotherapieräume befinden sich oft im Keller oder Dachgeschoss, leider nicht über einen Aufzug zu erreichen……

In Tageskliniken und Begegnungsstätten für Menschen mit psychosomatischen oder psychiatrischen Krankheiten sieht es meistens nicht besser aus. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass die Leute, die die Sozialpsychiatrie in den vergangenen Jahrzehnten vorrangetrieben haben, eine Schwäche für hübsche alte Häuser haben…. Leider sind diese nicht immer praktisch, vor allem, wenn sie auch noch denkmalgeschützt sind. Wenn unser Rollifahrer nicht schon depressiv wäre, würde er es vermutlich bei dem Gedanken an die Behandlungsmöglichkeiten werden…

Persönlichkeitsstörung und Chirurgie oder Innere Medizin

Menschen mit einer psychischen Behinderung oder Erkrankung haben es in unserem Gesundheitswesen besonders schwer. Ich denke da gerade an ein Gespräch mit der Filmemacherin Andrea Rothenburg (Psychiatriefilme, Internetseite zu den Filmen von Andrea Rothenburg) – sie meinte Anti-Stigma-Arbeit zu psychische Erkrankungen müsse man bei denen anfangen, die mit den Kranken zu tun haben (auch und gerade in der Psychiatrie). Tatsächlich gibt es unter denen, die es eigentlich von Berufs wegen besser wissen sollten, viele, die die gleichen Vorurteile haben wie jeder andere, der nichts oder wenig über psychisch Kranke weiß. Mediziner aus anderen Disziplinen verhalten sich gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen oft abweisend oder diskriminierend. Das können vor allem Patienten mit Persönlichkeitsstörungen vom Borderlinetyp oft leidvoll bestätigen. Diese Patienten fügen sich aufgrund ihrer Krankheit häufig selber Verletzungen zu, mitunter so schlimm, dass sie chirurgisch oder internistisch behandelt werden müssen. Besonders grausam fand ich die Schilderung einer Frau mit einer Verletzung, die genäht werden musste. Der Arzt meinte, dass er bei ihr ja auf die Betäubung verzichten könne, was er dann auch tat (!). Auf einer internistischen Station wurde ein Patient schlicht als „bekloppt“ abgestempelt. Denn es kann ja gar nicht anders sein, wenn man sich selber Schaden zufügt.

Menschen mit geistiger Behinderung im Krankenhaus

Erwachsene Menschen mit einer geistigen Behinderung leben in unserer bisher wenig inklusiven Gesellschaft meistens in Wohneinrichtungen speziell für sie oder werden von ihren Eltern versorgt und behütet.Gewohnte Personen und ein klar geregelter Tagesablauf geben hier halt. Etliche brauchen auch genau das. Steht nun aber ein Krankenhausaufenthalt an, bricht quasi eine Welt zusammen. Nicht immer ist es möglich, dass eine vertraute Person den Krankenhausaufenthalt begleitet. Das ist schwierig, schrecklich und anstrengend für alle Beteiligten. Der behinderte Mensch versteht die Situation oder das, was da passieren soll oft nicht und hat Angst. Pflegepersonal, Ärzten und Therapeuten fehlt die Zeit, auf den Patienten seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten entsprechend einzugehen. Es gibt kaum Informationen in Leichter Sprache und da , wo es sie gibt, wissen Mediziner häufig nichts davon. „Wichtige Gespräche“ werden mit dem Betreuer oder Eltern geführt, oft im Beisein des Patienten, aber ohne ihn einzubeziehen oder so zu reden, dass er folgen kann.

Hörgeschädigte und Sehgeschädigte Patienten sind ziemlich aufgeschmissen, ohne eigene Assistenz

Ab und zu investieren Staat und Klinkbetreiber ja in vorhandene oder neue Gebäude. Dabei scheint es aber nicht so sehr darum zu gehen, dass das was entsteht auch zum Nutzen der Patienten ist… Ich denke da beispielsweise an die farbliche Gestaltung in Kliniken. Kräftige Kontraste können hilfreich bei der Orientierung sein, ebenso wie Unterschiede in der Farbgestaltung verschiedener Stockwerke und Stationen. Ich war noch in keinem Klinikgebäude, das über Wegweiser für Blinde oder Sehgeschädigte verfügte. Aber vielleicht gibt es das ja irgendwo(?). Gebährdendolmetscher gibt es ebenfalls nicht in Kliniken, geschweige denn anderen Einrichtungen für Kranke. Dazu kommt dann noch die Unsicherheit des medizinischen Personals, verbunden mit zahlreichen Vorurteilen.

 

Der Anlass zu diesem Artikel war meine Suche nach einer neuen Arbeitsstelle als rollifahrende Ergotherapeutin während der letzten Monate. Zuletzt habe ich in der Psychiatrie gearbeitet, leider mit einer befristetene Stelle. Und Psychiatrie sollte es jetzt auch gerne wieder sein. Dabei ist mir sehr deutlich vor Augen geführt worden, wie viele Einrichtungen für psychisch kranke Menschen im südlichen Schleswig-Holstein und im Norden Hamburgs nicht für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen geeignet sind. Dabei handelte es sich um Tages- und Begegnungsstätten von unterschiedlichen Trägern, Reha-Einrichtungen, Tageskliniken, Kliniken und Wohneinrichtungen. Ich hatte im Gespräch nie den Eindruck, dass sich bei besagten Einrichtungen in absehbarer Zeit irgendetwas daran ändern wird (soll). Dabei ist Inklusion dort durchaus ein bekanntes Schlagwort, zum Teil sogar Bestandteil des Leitbildes…..