Doch nur eine leere Worthülse…

„Menschen mit Schwerbehinderung werden bei gleicher Qualifikation bevorzugt eingestellt “ – Hurra! Dann finde ich bestimmt ganz schnell Arbeit. Qualifiziert bin ich ja, außerdem auch up to date in Bezug auf Fort- und Weiterbildung.

Bevorzugt – wenn da nicht einer besser qualifiziert ist als ich, habe ich die Stelle. Toll! Wie gesagt, die Qualifikation ist ganz passabel, Erfahrung bringe ich auch mit. Zudem sollte man bei mir auch nicht mehr damit rechnen, dass ich noch mal schwanger werden will. Eltern, die mal pflegebedürftig werden könnten, habe ich nicht mehr. Die sind schon vor vielen Jahren verstorben. Alles eine Menge Pluspunkte!

Also ein kurzer Anruf beim potentiellen Arbeitgeber, um noch eine letzte kleine Frage abzuklären: Ich interessiere mich für die ausgeschriebene Stelle. Wie barrierefrei ist es denn bei Ihnen? Ich bin nämlich Rollstuhlfahrerin. – Schlucken und kurzes Herumdrucksen am anderen Ende der Leitung.  Nun ja, so wirklich barrierefrei ist das bei uns nicht….

Was für Leute mit Schwerbehinderung stellen die sich denn vor, die sie bevorzugt einstellen wollen? Nicht vorhandene Barrierefreiheit macht den Satz in der Stellenausschreibung doch zu einer Phrase ohne was dahinter, zu einer leeren Worthülse!

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Klauen Rollstuhlfahrer Einkaufswagen?

Einkaufswagen für Rollstuhlfahrer sind beliebte Diebesbeute. – Zu diesem Schluss muss man jedenfalls kommen, wenn man bei IKEA in Lübeck so einen Einkaufswagen benutzen möchte.

Zunächst einmal vorweg: Es ist super, dass IKEA Lübeck seinerzeit sehr schnell reagiert hatte auf die Anregung, Einkaufswagen für Rollstuhlfahrer anzubieten. Das ist sehr zu loben, zumal es für IKEA-Häuser nicht selbstverständlich ist, diesen Service im Sinne der Inklusion und zum Wohle der Kunden vorzuhalten. IKEA in Hamburg Schnelsen beispielsweise reagiert nicht einmal auf E-Mails mit dieser Anregung…

So nun zu dem eigentlichen Problem: Wer bei IKEA Lübeck einen Rolli-Einkaufswagen benutzen will, muss erstmal einen Mitarbeiter mit Schlüssel suchen oder herantelefonieren lassen, damit der Wagen losgekettet werden kann. Das ist je nach Tageszeit und Wochentag unterschiedlich aufwendig. Wenn es nicht zu voll ist, kann man sich an die Mitarbeiter an der Kinderbetreuung wenden. Unter der Woche morgens geht das aber nicht, weil die Kinderbetreung da nicht geöffnet hat. Dann muss man jemanden vom Kassenpersonal ansprechen, der dann jemanden anruft. Der kommt dann mit dem Schlüssel. Kunden ohne Behinderung haben schon ihren Bummel durchs Möbelhaus begonnen – sie nehmen sich bei Bedarf eine der großen Einkaufstaschen oder später einen von den Einkaufswagen, die in langen Schlangen am Eingang der „Markthalle“ stehen, ohne Kette und Schloss(!).

Ok, der Schließer ist also da. Bevor der Wagen losgekettet wird, ist nun aber noch ein Leihvertrag auszufüllen und zu unterschreiben. Damit aber nicht genug: IKEA Lübeck misstraut seinen Kunden so sehr, dass die Angaben im Leihvertrag auch noch mit dem Personalausweis abgeglichen werden! Die Daten in diesem Leihvertrag werden sogar noch ein halbes Jahr gespeichert!  Genau SO habe ich es gestern erlebt. Ich habe auf den Einkauf bei IKEA verzichtet. Eigentlich wollte ich ein bisschen durchbummeln – neben Kleiderbügeln, Servietten, Kerzen, Blumentöpfen und Gläsern wäre sicher doch der ein oder andere Schnickschnack noch mit im Wagen gelandet…

Aber es ist ja nicht immer so mit den Rolli-Einkaufswagen bei IKEA Lübeck : manchmal wird der Wagen nur losgekettet und man muss nichts unterschreiben oder der Mitarbeiter trägt den Namen in den Leihvertrag ein und man unterschreibt. Keine Ahnung, wonach sich das richtet. Die IKEA-Mitarbeiterin gestern hat jedenfalls gesagt, dass es so läuft, dass der Leihvertrag ausgefüllt und mit dem Personalausweis abgeglichen wird: „Das machen wir immer so, seit wir die Wagen haben!“ Begründung: „Die sind ja auch sehr, sehr teuer, diese Einkaufswagen“.

Nach dem Einkauf mit dem Rolli-Einkaufswagen muss man leider auch bei strömenden Regen den Wagen wieder reinbringen. Da man ja einen Vertrag unterschrieben hat,macht man sich jetzt wieder auf die Suche nach einem Mitarbeiter, der einem den Wagen wieder abnimmt und sich darum kümmert, dass man seine zweite Unterschrift unter den Vertrag setzen kann, mit der man die Rückgabe quittiert.Insgesamt muss man so als Rollstuhlfahrer etwa eine Viertelstunde mehr einplanen als andere Kunden, wenn man den speziellen Einkaufswagen benutzen möchte.

Ich habe inzwischen ja einige Erfahrung mit dem Einkaufen als Rollifahrerin, ganz viel in Geschäften, die auch solche Einkaufswagen haben. Außer bei IKEA stellt man sich aber nirgends so an. Edeka, Rewe, Netto, Budni und Famila haben ihre „sehr, sehr teuren“ Rolli-Einkaufswagen frei zugänglich im Eingangsbereich stehen. Da ist nichts angekettet. Lidl hat seine draußen auf dem Parkplatz im Unterstand neben den anderen Einkaufswagen. Hier benötigt man eine Pfandmünze. Es ist noch nicht einer von den Wagen weggekommen oder beschädigt worden. Alle diese Wagen dürften genau so teuer in der Anschaffung gewesen sein, wie die von IKEA Lübeck. Sie sind alle von der Firma Wanzl. Der von Lidl ist vermutlich noch ein ganzes Stück teurer, weil er größer ist als das Standardmodell in den anderen Geschäften. Ebenso könnten auch die Wagen von Famila in Neumünster etwas mehr gekostet haben, sie sind etwas schicker in braun gehalten und nicht im üblichen Zink.

Bei allen Geschäften würde man mir auch helfen, meine Ware zum Auto zu bringen, wenn ich mal sehr viel mehr habe, als in den Wagen passt oder etwas Sperriges. Diesen Service bietet IKEA übrigens generell nicht an. Aus Versicherungsgründen dürfen die Mitarbeiter nichts mit rausbringen und mit auf den Parkplatz gehen….

Rollifahrer und psychisch krank? Dumm gelaufen….!

Kliniken, Begegnungsstätten, Pflegeeinrichtungen, Gesundheitsämter, Arztpraxen etc. sind da für kranke Menschen. Behinderung wird ja oft auch mit Krankheit gleichgesetzt. Da ist der Schluss ja naheliegend, dass hier in Sachen Barrierefreiheit und Inklusion alles schon besonders weit fortgeschritten sein müsste. Das ist aber ein gewaltiger Trugschluss! Inklusion ist im Gesundheitswesen noch ein Fremdwort! Barrierefreiheit ist nur rudimentär vorhanden, vor allem in den Köpfen der Verantwortlichen.

Rollifahrer mit behandlungsbedürftiger Depression

Nehmen wir mal einen Rollstuhlfahrer, der in eine schwere depressive Episode rutscht – das ist eine Erkrankung, die in jedem Falle behandlungsbedürftig ist. Dies ist oft verbunden mit einem stationären oder teilstationären Klinikaufenthalt. Laut der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN ) liegt die Wahrscheinlichkeit, wenigstens einmal im Leben eine schwere behandlungsbedürftige Depression zu entwickeln bei 16 bis 20 %. Für den Rollstuhlfahrer kann es nun ziemlich schwierig werden. Vor allem in älteren Krankenhäusern mit psychiatrischer Station sind die Patientenzimmer klein und sehr eng bemessen, vielmehr als die drei bis sechs Betten nebst Nachtschränken, Tisch und Stuhl passen da nicht rein. Mit Glück sind zumindest die sanitären Einrichtungen einigermaßen groß. Das bedeutet aber nicht, dass auf der Toilette ein Umsetzen aus dem Rollstuhl von beiden Seiten möglich ist (letzteres wird übrigens auch in Neubauten standhaft nicht berücksichtigt!). Platz, den Rollstuhl in erreichbarer Nähe des Bettes abzustellen ist schon gar nicht…. Das nächste Problem ist die Personalausstattung: Ein Rollifahrer, der zusätzlich zu seiner Erkrankung durch die räumlichen Gegebenheiten in der gewohnten Selbständigkeit eingeschränkt ist, macht mehr Arbeit. Ganz zu schweigen davon, welchen Einfluss das auf den weiteren Verlauf der Depression hat. Viele Kliniken stoßen bei einem Rollifahrer dann auch im therapeutischen Bereich auf Grenzen, vor allem Ergotherapieräume befinden sich oft im Keller oder Dachgeschoss, leider nicht über einen Aufzug zu erreichen……

In Tageskliniken und Begegnungsstätten für Menschen mit psychosomatischen oder psychiatrischen Krankheiten sieht es meistens nicht besser aus. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass die Leute, die die Sozialpsychiatrie in den vergangenen Jahrzehnten vorrangetrieben haben, eine Schwäche für hübsche alte Häuser haben…. Leider sind diese nicht immer praktisch, vor allem, wenn sie auch noch denkmalgeschützt sind. Wenn unser Rollifahrer nicht schon depressiv wäre, würde er es vermutlich bei dem Gedanken an die Behandlungsmöglichkeiten werden…

Persönlichkeitsstörung und Chirurgie oder Innere Medizin

Menschen mit einer psychischen Behinderung oder Erkrankung haben es in unserem Gesundheitswesen besonders schwer. Ich denke da gerade an ein Gespräch mit der Filmemacherin Andrea Rothenburg (Psychiatriefilme, Internetseite zu den Filmen von Andrea Rothenburg) – sie meinte Anti-Stigma-Arbeit zu psychische Erkrankungen müsse man bei denen anfangen, die mit den Kranken zu tun haben (auch und gerade in der Psychiatrie). Tatsächlich gibt es unter denen, die es eigentlich von Berufs wegen besser wissen sollten, viele, die die gleichen Vorurteile haben wie jeder andere, der nichts oder wenig über psychisch Kranke weiß. Mediziner aus anderen Disziplinen verhalten sich gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen oft abweisend oder diskriminierend. Das können vor allem Patienten mit Persönlichkeitsstörungen vom Borderlinetyp oft leidvoll bestätigen. Diese Patienten fügen sich aufgrund ihrer Krankheit häufig selber Verletzungen zu, mitunter so schlimm, dass sie chirurgisch oder internistisch behandelt werden müssen. Besonders grausam fand ich die Schilderung einer Frau mit einer Verletzung, die genäht werden musste. Der Arzt meinte, dass er bei ihr ja auf die Betäubung verzichten könne, was er dann auch tat (!). Auf einer internistischen Station wurde ein Patient schlicht als „bekloppt“ abgestempelt. Denn es kann ja gar nicht anders sein, wenn man sich selber Schaden zufügt.

Menschen mit geistiger Behinderung im Krankenhaus

Erwachsene Menschen mit einer geistigen Behinderung leben in unserer bisher wenig inklusiven Gesellschaft meistens in Wohneinrichtungen speziell für sie oder werden von ihren Eltern versorgt und behütet.Gewohnte Personen und ein klar geregelter Tagesablauf geben hier halt. Etliche brauchen auch genau das. Steht nun aber ein Krankenhausaufenthalt an, bricht quasi eine Welt zusammen. Nicht immer ist es möglich, dass eine vertraute Person den Krankenhausaufenthalt begleitet. Das ist schwierig, schrecklich und anstrengend für alle Beteiligten. Der behinderte Mensch versteht die Situation oder das, was da passieren soll oft nicht und hat Angst. Pflegepersonal, Ärzten und Therapeuten fehlt die Zeit, auf den Patienten seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten entsprechend einzugehen. Es gibt kaum Informationen in Leichter Sprache und da , wo es sie gibt, wissen Mediziner häufig nichts davon. „Wichtige Gespräche“ werden mit dem Betreuer oder Eltern geführt, oft im Beisein des Patienten, aber ohne ihn einzubeziehen oder so zu reden, dass er folgen kann.

Hörgeschädigte und Sehgeschädigte Patienten sind ziemlich aufgeschmissen, ohne eigene Assistenz

Ab und zu investieren Staat und Klinkbetreiber ja in vorhandene oder neue Gebäude. Dabei scheint es aber nicht so sehr darum zu gehen, dass das was entsteht auch zum Nutzen der Patienten ist… Ich denke da beispielsweise an die farbliche Gestaltung in Kliniken. Kräftige Kontraste können hilfreich bei der Orientierung sein, ebenso wie Unterschiede in der Farbgestaltung verschiedener Stockwerke und Stationen. Ich war noch in keinem Klinikgebäude, das über Wegweiser für Blinde oder Sehgeschädigte verfügte. Aber vielleicht gibt es das ja irgendwo(?). Gebährdendolmetscher gibt es ebenfalls nicht in Kliniken, geschweige denn anderen Einrichtungen für Kranke. Dazu kommt dann noch die Unsicherheit des medizinischen Personals, verbunden mit zahlreichen Vorurteilen.

 

Der Anlass zu diesem Artikel war meine Suche nach einer neuen Arbeitsstelle als rollifahrende Ergotherapeutin während der letzten Monate. Zuletzt habe ich in der Psychiatrie gearbeitet, leider mit einer befristetene Stelle. Und Psychiatrie sollte es jetzt auch gerne wieder sein. Dabei ist mir sehr deutlich vor Augen geführt worden, wie viele Einrichtungen für psychisch kranke Menschen im südlichen Schleswig-Holstein und im Norden Hamburgs nicht für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen geeignet sind. Dabei handelte es sich um Tages- und Begegnungsstätten von unterschiedlichen Trägern, Reha-Einrichtungen, Tageskliniken, Kliniken und Wohneinrichtungen. Ich hatte im Gespräch nie den Eindruck, dass sich bei besagten Einrichtungen in absehbarer Zeit irgendetwas daran ändern wird (soll). Dabei ist Inklusion dort durchaus ein bekanntes Schlagwort, zum Teil sogar Bestandteil des Leitbildes…..

….und wie ist das als Rollstuhlfahrer in China?

Ich bin hier in Tianjin. Diese Stadt war neben Peking einer der Austragungsorte der Olympiade und der Paralympics 2008. Barrierefreiheit gibt es hier aber so gut wie überhaupt nicht. Rollstuhlfahrer gibt es im Straßenbild aber auch so gut wie überhaupt nicht. Wenn man mal einen Menschen im Rollstuhl sieht, ist es meistens ein Senior, der von den angehörigen in einem eher klapperig wirkenden Teil durch die Gegend geschoben wird. Auch sonst sind mir hier praktisch keine Menschen mit einer Behinderung aufgefallen. Ob die nicht nach draußen kommen? Ich werde teilweise auch angesehen, wie von einem anderen Stern.

Die Gehwege haben überwiegend sehr hohe Bordsteine, Absenkungen gibt es leider nur wenige. Darum gucke ich immer, ob ich möglicherweise bald die Straßenseite wechseln will oder muss. Wenn keine Absenkung in Sicht ist, bleibe ich gleich auf der Straße. Das ist hier zum Glück aber nicht so ungewöhnlich, weil erstens die Straßenränder immer in zwei bis drei Reihen zugeparkt sind und zweitens zwischen den Rad-, E-Bike- und Roller-Fahrern immer viele Fußgänger rumlaufen.

Schwierig ist es hingegen mit den vielen Stufen und Treppen. Rampen gibt es nämlich nur sehr wenig. Vor dem Eingang der meisten Geschäfte, auch in der Fußgängerzone, gibt es eine bis zwei Stufen zu überwinden. Das nervt ziemlich. Ich denke, dass China mit einer Bevölkerung, die ja auch nicht jünger wird, sich in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren darüber auch Gedanken machen muss…

Ein weiteres Problem sind recht enge Absperrbügel. Die sollen wohl dazu dienen, die allgegenwärtigen Zweiräder abzuhalten. Mit dem Rolli hat man leider auch keine Chance da durch zu kommen.

Öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, ist auch nicht so ganz einfach. Zum einen gibt es nicht immer Aufzüge zu den U-Bahnen. Bei den vorhandenen ist nicht immer ganz sicher, dass sie auch in Betrieb sind. Das nächste Problem sind dann die Durchgänge, an denen die Fahrkarte kontrolliert wird. Wenn kein Personal da steht, kommt man nicht durch, weil der breite Durchgang extra geöffnet werden muss. Toll ist es allerdings, wenn man dann auf dem Bahnsteig ist. Die U-Bahn-Züge lassen sich nämlich stufenlos und lediglich mit einem schmalen Spalt problemlos mit dem Rollstuhl befahren! Das wünsche ich mir auch in Europa!

Bus zu fahren, habe ich bisher gar nicht erst ausprobiert. Die Busse, die ich vorbeifahren gesehen habe, hatten alle keinen Rollstuhl geeigneten Einstieg. Das heißt, dass es nicht nur keine Rampe gab, sondern, dass es außerdem auch noch eine Stufe an der Hintertür gibt. So wie bei den Bussen bei uns in den 70er und 80er Jahren noch.

Ein absolut übliches Nahverkehrsmittel hier ist das Taxi. Es ist zumindest für unsere Begriffe sehr billig. Bis zu drei Kilometern zahlt man 8 Yuan, das sind umgerechnet ca. 1,20 Euro. Danach kostet jeder weitere Kilometer 1,70 Yuan. Einige Taxifahrer, können sich nicht vorstellen, dass sie meinen Rolli mitkriegen. Die winken ab und fahren einfach weiter. Aber die meisten sind einfach nur erstaunt, wie leicht sich die Räder abmontieren lassen und sich der Rest mit umgeklappter Rückenlehne einfach auf dem Rücksitz verstauen lässt.

Leider befinden sich unter den Taxifahrern aber die größten Gauner und Schlitzohren, die ich hier bisher getroffen habe: Grundsätzlich muss man immer drauf achten, dass das Taxameter auch wirklich auf NULL gestellt wird. Trotzdem wird dann noch versucht zu tricksen bzw. es wird auch getrickst! Ein Taxifahrer wollte mir schon beim Einsteigen weiß machen, dass ich für einen bestimmten Weg 20 Yuan bezahlen muss. Darauf hin habe ich meinen Stadtplan gezückt und ihm gezeigt, dass ich sehr wohl weiß, wo ich mich befinde und wo mein Ziel ist – zwischen 10 und 15 Yuan sollte das Maximum liegen. In einem anderen Taxi habe ich auf dem Beifahrersitz sitzend, sehr genau das Taxameter beobachtet – bereits bei  4,7 und später bei 5,4 Kilometern sprang die Preisangabe um. Den Vogel abgeschossen haben dann die Taxifahrer am Water Park, einer wunderschönen Grünanlage und Naherholungsgebiet. Auf dem Hinweg haben wir für das Taxi 15 Yuan bezahlt. Als wir zurück fahren wollten, sollten wir 50 (!) Yuan bezahlen. Dazu waren wir aber nicht bereit. Leider hatten sich die Taxifahrer dort mehr oder weniger untereinander verständigt. Aber meine Erfahrung aus Afrika vor 25 Jahren hat mich gelehrt, dass man nur ein paar Ecken weiter zu gehen braucht, weg von der bei Touristen beliebten Stelle. Da findet man dann auch wieder vernünftige Taxifahrer, die nicht denken, dass Touristen nur zum beschei… und ausnehmen da sind. Bei dem Taxi, in das wir dann eingestiegen sind hatte ich sofort ein gutes Gefühl. Das lag auch an dem kleinen Buddha, der da am Rückspiegel hing. Dem Fahrer war es am Schluss sichtlich peinlich, dass er wegen des Weges nicht 100 % sicher war. Er schien mir sehr erleichtert, dass wir schon kurz vor dem Ziel aussteigen wollten und er sich nicht durch die Einbahnstraßen suchen musste.

Um es klar zu stellen, es geht mir hier nicht um 20 Cent oder einen Euro. Aus Afrika weiß ich aber, dass sich an dem Verhalten der Taxifahrer nichts ändern wird, wenn es ihnen immer wieder gelingt, die Leute über den Tisch zu ziehen. Wenn alles korrekt gelaufen ist, bin ich gerne großzügig mit Trinkgeld.

Inklusion, aber „Die“ sind wieder nicht dabei

Inklusion – was für ein schönes, rundes Wort. Es ist schon richtig vertraut, weil es derzeit in aller Munde und dadurch so richtig schön durchgelutscht ist. Da möchte man so langsam schon sagen „bäh, igittigitt!“ Auch weil das ewige Herumgelutsche nichts voranbringt.

Es sind zum Teil die selben Leute, die sich vor vielen Jahren mit der Integration Behinderter befasst haben, die sich heute um die Inklusion „kümmern“. Sie sind ja diejenigen, die die Ahnung und die Erfahrung haben – meinen sie. Sie sind auch diejenigen denen wir Bandwurmbegriffe wie „Menschen mit Behinderung“ oder Werkstatt für Menschen mit Behinderung“ zu verdanken haben, die aber, wenn sie von Behinderten und den eigenen inklusiven Plänen und Vorhaben reden,  immer von „Die “ sprechen, in etwa so: „Die brauchen…“ oder „Die können aber nicht…..“. Inklusiv wäre von „Wir“ zu sprechen. Das scheint mir außer in Behindertenverbänden und Behinderteninitiativen aber leider immer noch die Ausnahme zu sein. Ich bin ja ehrenamtliche Behindertenbeauftragte und als solche auch, ohne mich selber loben zu wollen, überdurchschnittlich aktiv. Unsere Stadt ist Kooperationspartner des Netzwerks Inklusion Segeberg, wo ich mich auch mit einbringe. Dadurch bin ich lokal in den einschlägigen Kreisen einigermaßen bekannt. Man lädt mich ein, wenn es irgendwas rund ums Thema Behinderung und Inklusion gibt. Außerdem schaue ich mich natürlich auch selber um, wo Inklusion verwirklicht werden soll.  Ich bekomme also einen recht guten Ein- und Überblick, was so läuft. Dabei fallen mir immer wieder zwei Aspekte besonders auf und ärgern mich:

Erstens werden Behinderte und Senioren gerne in einen Topf geworfen. Das wird weder der einen noch der anderen Gruppe wirklich gerecht. Zum einen, weil es  viele Behinderte gibt, die noch lange keine Senioren sind. Für sie sind beispielsweise Themen wie Frühförderung, Kindergarten, Schule, Ausbildung, Familiengründung und Sexualität, Wohnraum, der der Behinderung angepasst ist und auch für den Rest der Familie ausreicht, Arbeit, Urlaub, Freizeitgestaltung von Bedeutung. Senioren hingegen haben früher oder später häufig auch Behinderungen. Dies trifft aber längst nicht auf alle zu. Im Gegenteil – viele laufen noch Marathon oder leisten sich endlich ein tolles Fahrrad oder Motorrad oder gehen monatelang im Wohnmobil auf Tour. Zum Teil sind sie schon fast ein bisschen beängstigend, die „JungenAlten“. Die Bedürfnisse derer, an denen, um es mal salopp auszudrücken, der Zahn der Zeit genagt hat, die eben doch, meist altersbedingt,  körperliche und geistige Einschränkungen oder Behinderungen haben, sind überwiegend andere als die eines behinderten Kindes und seiner Familie, eines behinderten Jugendlichen und eines behinderten Erwachsenen vor der Seniorenzeit. Für Senioren geht es meist um Pflege, Schutz vor Vereinsamung, angepassten (kleineren) Wohnraum, Tagesstrukturierung und Freizeitgestaltung, um das mal ein bisschen verkürzt darzustellen.

Zweitens frage ich mich bei all dem Aktionismus, wo sind die Behinderten? Wann sollen sie denn endlich beteiligt werden? Manchmal fühle ich mich richtig als „Quotenbehinderte“! Bei all den vielen Veranstaltungen, Treffen, Brainstormings, Planungs- und Steuerungsgruppen bin ich meistens die einzige Behinderte. Auf meine Frage, wo denn das wichtigste im Rahmen der Inklusion geforderte bleibt, nämlich die Beteiligung derer, die es betrifft, habe ich schon zur Antwort bekommen „Die“ würden ja bestimmt nicht hier her kommen. „Die“ (als ob das eine homogene Gruppe wäre) wurden aber weder gefragt noch eingeladen. Wie sollen die Behinderten( „Die“) sich denn beteiligen, wenn sie nicht einmal wissen, dass etwas stattfindet. Aber immerhin handelt es sich um ein großes Projekt, an dem zum Großteil Beamte beteiligt sind, die sich in ihrem Berufsalltag schon mit der Anerkennung und Ablehnung von Wünschen, Ansprüchen und Rechten Behinderter befassen. Die gehen ja täglich mit behinderten Menschen um. Darum sind sie „Experten“. Meiner Meinung nach sind das ähnliche Experten, wie die, die von diversen Privatsendern rekrutiert werden, um einer eher schwammigen Aussage mehr Wahrheitsgehalt zu verpassen. Als Behindertenbeauftragte werde ich quasi als Deligierte der Behinderten betrachtet. Dabei bin ich nicht von einer Gruppe Behinderter gewählt worden, sondern von den Stadtvertretern meiner Heimatstadt.

Ich mag die Hoffnung ja noch nicht aufgeben. Aber so ganz wohl ist mir nicht dabei, wenn wir Inklusion verwirklichen wollen und bei der Planung und den Fragen nach dem was nötig ist, weiterhin diejenigen, die es betrifft ausschließen, also exkludieren.

Das AGG und der Integrationsfachdienst

Jammern finde ich ja blöd. Ich halte mich doch lieber an den Spruch: „Es gibt viele Gründe, alles beim Alten zu lassen und nur einen einzigen, doch endlich etwas zu verändern: Du hältst es einfach nicht mehr aus“. (H.C.Flemming/ Brandherd).

Aber manchmal ist auch das, was auf dem Weg zur Veränderung passiert, doch ziemlich frustrierend. Ich hatte mich als Ergotherapeutin beim für unseren Kreis zuständigen Integrationsfachdienst, der AWO Neue Arbeit gGmbH, um eine ausgeschriebene Stelle beworben. Menschen mit Behinderung wurden darin ausdrücklich aufgefordert, sich auch zu bewerben. Das klingt doch gut und lobenswert.  Aber Papier ist bekanntlich  ja leider geduldig…….

Ich war auch geduldig. Ganz lange hörte ich nach meiner Bewerbung bei der AWO Neue Arbeit gGmbH überhaupt nichts von denen. Auf meine Nachfrage per E-Mail erfuhr ich dann, dass der Einstellungsprozess noch im Gange sei. Ich geduldete mich also weiter, weitere vier Wochen und stieß dann in der Jobbörse der Arbeitsagentur auf eine erneute Ausschreibung der Stelle. Das hat mich natürlich geärgert und sehr enttäuscht. Das liegt vielleicht auch ein bisschen mit daran, dass mein Unterbewusstsein immer noch glaubt, dass Vereine wie die AWO oder Kirchen besonders sozial eingestellt sein müssten und sich, gerade auch in ihren eigenen Einrichtungen, auch  so verhalten müssten, beispielsweise bei der Einstellung von Mitarbeitern. Ich machte meinem Ärger mit der folgenden E-Mail Luft:

nun sind erneut fast vier Wochen ins Land gegangen seit Ihrer E-Mail unten. Gerade habe ich in der Jobbörse der Arbeitsagentur  gesehen, dass die Stelle(n) erneut ausgeschrieben sind.  Eine Information, ob meine Bewerbung überhaupt interessant für Sie ist, habe ich unterdessen bisher nicht bekommen. Leider haben Sie auch noch nicht versucht mich persönlich kennenzulernen. Schade! Aber vielleicht mögen Sie mir ja auch nicht absagen, weil ich auf meine Behinderung hingewiesen habe und darauf, dass Sie Menschen mit Behinderung ja ausdrücklich auffordern, sich auch zu bewerben. Ich kann nur spekulieren. Ähnlich wird es auch vielen Ihrer Klienten im Laufe ihres Arbeitslebens immer wieder ergehen – besser gar nicht antworten als zu sagen, dass man wegen der Behinderung eben doch Bedenken habe, auch wenn man die Person nur vom Papier kennt.

 Inklusion wird noch lange ein Fremdwort bleiben. Ebenso wird es noch lange dauern bis es normal ist, dass auch kranke und behinderte Menschen ganz selbstverständlich Teil des ersten Arbeitsmarktes und der Solidargemeinschaft sind. Es gibt eben doch immer noch viel zu viele Vorurteile und es wird viel zu sehr nach den Defiziten und nicht nach den Ressourcen der behinderten Personen geschaut. Und das obwohl es jede Menge Möglichkeiten zur Adption und Kompensation gibt.

 Vermutlich werde ich nach dieser E-Mail in Kürze meine Bewerbungsunterlagen zurück bekommen, weil es sich nicht schickt, einem potentiellen Arbeitgeber so eine Mail zu schreiben. Schließlich bin ich es ja, die etwas von Ihnen will – aber nein, weit gefehlt: Ich biete Ihnen meine qualifizierte Arbeitskraft an und Sie brauchen sie nicht, sondern schreiben die Stelle lieber wieder aus. Mich ärgert das und für einen Verein wie die AWO finde ich es ziemlich enttäuschend.

Die Antwort darauf war die folgende:

Wir haben die Stelle in der Tat gerade erneut mit einer etwas anders akzentuierten Beschreibung des Anforderungsprofils ausgeschrieben.
Die bisher eingegangenen Bewerbungen (und dazu gehört auch Ihre Bewerbung) haben noch nicht unsere Erwartungen an ausgebildete Fachlichkeiten und spezifische Berufserfahrungen erfüllt.
Die Entscheidung, welche BewerberInnen wir zu Vorstellungsgesprächen einladen, fällt allein anhand des Gesamteindrucks der eingereichten Unterlagen unabhängig von Alter, Geschlecht oder einer vorliegenden Behinderung.

Ich bedauere, dass Sie das Verhalten der AWO enttäuschend finden.
Zu unserem Verständnis einer sach- und fachgerechten Einstellungspolitik gehört jedoch, dass wir Bewerberinnen und Bewerber mit einer Behinderung weder benachteiligen, noch bevorzugen.
Da wir unsere Stellenbesetzung bisher noch nicht abgeschlossen haben, hat noch keine Bewerberin/ kein Bewerber eine Absage erhalten, Sie stellen in diesem Zusammenhang keine Ausnahme dar.
Wir werden diese Schreiben erst nach Abschluss des Verfahren versenden.

Ein Absageschreiben habe ich indes bis heute nicht erhalten. Aber man kann diese E-Mail wohl als solches deuten.

Ein Integrationsfachdienst der nach SGB IX gehalten ist, seine Stellen bevorzugt mit behinderten Mitarbeitern zu besetzen, macht also keine Unterschiede bei der Betrachtung der Bewerber. (!)

Ich fühlte mich nach dem Allgemeinen Gleichstellungsgesetz (AGG) benachteiligt und diskriminiert, zumal ich nicht einmal zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen worden war. Ich stellte darum  Schadensersatzanspruch an die AWO Neue Arbeit gGmbH. Nachdem diese innerhalb der gesetzten Frist in keiner Weise reagierte hat, habe ich mit Rechtschutz meiner Gewerkschaft Klage eingereicht. Gestern fand vor dem Arbeitsgericht in Lübeck die Güteverhandlung statt. Und dort erfuhr ich dann den eigentlichen Klopper:

Integration behinderter Menschen auf dem Arbeitsmarkt ist eine Aufgabe des Staates, die dieser, wie inzwischen ja auch viele andere Aufgaben, an private Anbieter ausgelagert hat. Das Ergebnis für Arbeitsplatzbewerber mit Behinderung ist, dass private Anbieter (dazu gehören auch sogenannte „gemeinnützige“ GmbH) nicht verpflichtet sind, behinderte Bewerber grundsätzlich zum Vorstellungsgespräch einzuladen – im Gegensatz zum öffentlichen Dienst! So gesehen gab es in meinem Falle also gar keine Benachteiligung oder Diskriminierung nach dem AGG.

Trotzdem schlug der Richter aber eine Entschädigung für vergebliche Bewerbungsbemühung in Höhe von 500 Euro vor. Nach kurzer Unterbrechung, in der sich der Anwalt und die Geschäftsführerin der AWO Neue Arbeit gGmbH mit einander besprachen, wurde der Vorschlag des Richters von ihnen akzeptiert. Dabei zierte sich der Anwalt dann noch ein wenig wegen der Formulierung, die der Richter fürs Protokoll diktierte. Sei’s drum. Das gehört wohl zur Dramaturgie des Gerichtstheaters. Mir ging es ja überhaupt nicht ums Geld, sondern vor allem darum, einen Denkanstoß zu geben. Erfahrungsgemäß fangen die Leute ja an, zu denken, wenn sie bezahlen sollen.

Im Vorschlag des Richters erkenne  ich die Botschaft, dass ich sehr wohl im Recht gewesen wäre, wenn diese originär staatliche Aufgabe nicht von einem privaten Dienstleister erbracht würden, wenn der Integrationsfachdienst also  zum öffentlichen Dienst gehören  und nicht von der AWO Neue Arbeit gGmbH angeboten würde.

Ich finde es traurig, dass ein Integrationsfachdienst, der täglich mit den Schwierigkeiten zu tun hat, Menschen mit Behinderung in Arbeit zu bringen, sich selber nicht besser verhält als jeder andere (vielleicht mit Vorurteilen behaftete) Arbeitgeber. Sollte ein Integrationsfachdienst hier nicht Vorbildfunktion haben und mit gutem Beispiel voran gehen? Wie können wir von anderen Arbeitgebern erwarten, dass sie Menschen mit Behinderung eine Chance geben, wenn ein Integrationsfachdienst behinderte Bewerber nicht einmal zum Vorstellungsgespräch einlädt?

Und zum Abschluss: Die öffentliche Hand sollte sich auch über die arbeistpolitischen Folgen Gedanken machen, bevor sie sich mal wieder von einer Ihrer Aufgaben trennt und sie in private Hände verlagert.

Als Nachsatz möchte ich nicht vergessen zu erwähnen, dass die AWO an sich schon ganz gute Arbeit leistet. Ich denke da vor allem an den Orts- und Kreisverband hier bei uns. Das sind aber alles Leute, die ehrenamtlich tätig sind und eine Menge Herzblut in die Sache stecken.

Arbeit und Behinderung- kann denn das zusammengehen

Arbeit und Behinderung oderArbeit und Krankheit – kann denn das zusammengehen hier bei uns in Deutschland? Die Frage ist schon ein bisschen polemisch. Aber bei genauer Betrachtung gar nicht so weit hergeholt.

Da sind auf der einen Seite die Arbeitgeber, die sich lieber mit der Ausgleichsabgabe freikaufen, als Menschen mit Behinderung einzustellen. Die Gründe sind vielfältig: 1. die altbekannten Vorurteile, dass Behinderte öfter krank sind und dass man sie wegen des besonderen Kündigungsschutzes nie wieder los wird, 2. es gibt schlicht und einfach keine Bewerber mit Behinderung für eine ausgeschriebene Stelle, 3. die Arbeitgeber sind vielfach gar nicht informiert, welchen Hilfen und Unterstützungen beispielsweise technischer Art es gibt, 4. Berührungsängste und sicher noch eine Menge andere Gründe. Oft wird auch ausgeblendet, dass ca. 60 % der behinderten Arbeitnehmer eine qualifizierte Berufsausbildung haben.

Auf der anderen Seite sind die behinderten Männer und Frauen. Es ist erstaunlich wieviele Menschen eine Rente wegen Erwerbsminderung  erhalten bzw. zum Beispiel wenn sie zur Reha sind, hoffen, dass sie im Anschluss eine Rente bekommen. Manche sind ganz glücklich damit, denn immerhin darf ein voll Erwerbsgeminderter ja immer noch einen Minijob machen ( bei den in diesem Bereich üblichen Stundenlöhnen können das leicht pro Woche 20 Stunden Arbeit sein! Volle Erwerbsminderung liegt vor, wenn einer nicht mindestens drei Stunden täglich arbeiten kann). Im Minijob-Sektor gibt es verhältnismäßig häufig auch noch Arbeit für Menschen mit Behinderung. Dann gibt es die, die die Gesellschaft (oft auch die Arbeitsagenturen) immer noch am liebsten in die Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) abschieben, weil sie für unbrauchbar auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt gehalten werden, als „nicht ausbildungsfähig“ gelten. Als nächstes gibt es die, die sich unermüdlich bewerben, die eine Ausbildung haben oder studiert, die qualifiziert sind, die gerne ihren Fähigkeiten entsprechend arbeiten möchten und vielfach nicht einmal eine Antwort auf ihre Bewerbung erhalten, selten einmal zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden und fast immer eine Absage erhalten.

Zwischen Arbeitgebern und potentiellen behinderten Arbeitnehmern stehen die Arbeitsagentur, Integrationsämter, Integrationsfachdienste und Inklusionsberater. Abgesehen von der Arbeitsagentur, die ja jeder kennt, führen sie ein ziemliches Schattendasein – zumindest hier in Schleswig-Holstein, trotz des „Aktionsbündnisses Schleswig-Holstein“ für inklusive Jobs.  Dazu kommt, dass ein behinderter Arbeitnehmer nach der ersten Kontaktaufnahme mit dem Integrationsfachdienst per E-Mail, dann auch schon mal mitgeteilt bekommt, man könne sehen, was man für ihn tun kann, wenn es denn einen Kostenträger dafür gibt.

Arbeit und Behinderung – ein behinderter Erwachsener, der arbeiten könnte, aber – aus welchem Grund auch immer – nicht arbeitet, kostet  die Gesellschaft eine Menge Geld und leistet keinen Beitrag zum Solidarsystem. Die Frage ist, wie lange der Sozialstaat Deutschland sich das noch leisten kann. Die Bevölkerung überaltert, das heißt, dass es immer mehr alte und immer weniger junge Einwohner in Deutschland gibt. Aber die weniger werdenden jungen Menschen müssen irgendwann das ganze Sozialsystem auf ihren Schultern tragen. Dann wird es Luxus sein, arbeitsfähige und arbeitswillige Menschen aus dem sozialversicherungsplichtigen Arbeitsmarkt auszuschließen oder davon fern zu halten. Genau genommen ist es das heute schon.

Es muss dringend etwas geschehen, vor allem in den Köpfen der Menschen. Behinderung ist nicht gleichzusetzen mit Arbeits- oder Erwerbsunfähigkeit. Behinderung bedeutet nicht, ich bin ja so arm dran, nun soll mich zum Augleich doch die Gesellschaft tragen. Behinderung bedeutet nicht zwangsläufig fehlende Qualifikation oder die Unfähigkeit zu Bildung oder Ausbildung. Letzteres sollten sich vor allem die vielen Integrationsfirmen zu Herzen nehmen, die für Hilfsarbeiterjobs gerne behinderte Menschen einstellen, an den interssanten, anspruchvollen Stellen aber lieber Leute ohne Handicap beschäftigen.

Wichtig ist, dass  nicht immer herausgestellt wird, „der ist ja ein besonders guter Mitarbeiter“, wenn mal ein Arbeitgeber tatsächlich einen Menschen mit Handicap eingestellt hat – da könnte noch der Nachsatz folgen: „der ist uns ja so dankbar!“ Auch behinderte Arbeitnehmer dürfen ihre Schwächen und Fehler haben neben ihrem Handicap. Auch ein behinderter Arbeitnehmer kann ständig unpünktlich sein zum Beispiel und dann hat er den berechtigten Anranzer vom Chef genauso verdient wie jeder andere seiner Kollegen. Behinderte Menschen haben ein Anrecht auf Nachteilsausgleich. Das heißt aber nicht, dass man sie in Watte packen muss und nur mit Samthandschuhen anfassen darf. Sie haben Stärken und Schwächen, sind mehr oder weniger mutig, sind draufgängerisch oder eher schüchtern, mögen Rockmusik oder Schlager, sind eher häuslich oder ständig auf der Rolle, sind Schlitzohren oder ehrliche Schafe….. Mit allen diesen Eigenschaften können sie tolle Mitarbeiter und Kollegen sein, völlig unabhängig von der Behinderung.

Diejenigen, die zwischen den behinderten Arbeitnehmern und den Arbeitgebern vermitteln und sie beraten sollen, müssen mit ihrer Arbeit viel deutlicher in der Öffentlichkeit auftreten. Es kann nicht angehen, dass ein Arbeitgeber zunächst einmal intensiv im Internet recherchieren muss, wenn er sich beraten lassen will, weil er mit dem Gedanken spielt, einen behinderten Mitarbeiter einzustellen. Das ist viel zu aufwändig und umständlich. Die entsprechenden Stellen müssen allgemein bekannt und gut erreichbar sein. Ebenso müssen die entsprechenden Stellen auch für die Menschen mit Handicap ohne Hürden (z.B. erstmal Suche nach einem Kostenträger) erreichbar sein und genutzt werden können.  Schließlich gibt es doch die Ausgleichsabgabe.