Ich muss mal… – aber die Klotür ist zu eng

image

Links ist es eng, man achte auf den Greifreifen!

Wie ist es auf der anderen Seite, könnte Rangieren vielleicht helfen?

image

Rechts ist es auch eng, auch hier ist der Greifreifen leider zu viel…. 

Ich stehe schon optimal vor der Tür, aber um reinzukommen, müsste ich die Greifreifen abbauen!

MUSS ich denn da nun unbedingt rein? – Doch ich MUSS! Ich müsste nämlich mal. Diese Tür, durch die nicht durchkomme ist nämlich die Toilettentür. Genauer: Es handelt sich um die Toilettentür meines Patientenzimmers auf der Wirbelsäulenstation der Uniklinik Eppendorf (!).

Damit bin ich wieder beim Thema:  Inklusion im Gesundheitswesen.

Die Wirbelsäulenstation des UK Eppendorf behandelt nach Aussage der Website alle degenerativen, entzündlichen, traumatischen und tumorösen Veränderungen der Wirbelsäule, sowie sämtliche Deformitäten. (uke.de) Da dürfte sicher der eine oder andere rollstuhlpflichtige Patient dabei sein. Da schient man ja auch von auszugehen, sind doch diverse Haltegriffe vorhanden, die Dusche ist ebenerdig und das Waschbecken unterfahrbar. Nur bei der Türbreite hat man offenbar geschlafen. Mein Rollstuhl hat weder Überbreite noch haben meine Räder einen ausgeprägten negativen Sturz. Aber immerhin der Toilettenstuhl hier von der Klinik passt durch die Klotür. – Das ist ungefähr so, wie die Fernbedienung für den Fernseher auf dem Fernseher abzulegen….

Fairerweise muss man dazu sagen, dass dieses Gebäude schon ein wenig älter ist, noch aus einer Zeit stammen dürfte, als man über Inklusion noch nicht nachgedacht hat. Aber, wie schon erwähnt, es handelt sich um eine Wirbelsäulenstation.

Advertisements

Klauen Rollstuhlfahrer Einkaufswagen?

Einkaufswagen für Rollstuhlfahrer sind beliebte Diebesbeute. – Zu diesem Schluss muss man jedenfalls kommen, wenn man bei IKEA in Lübeck so einen Einkaufswagen benutzen möchte.

Zunächst einmal vorweg: Es ist super, dass IKEA Lübeck seinerzeit sehr schnell reagiert hatte auf die Anregung, Einkaufswagen für Rollstuhlfahrer anzubieten. Das ist sehr zu loben, zumal es für IKEA-Häuser nicht selbstverständlich ist, diesen Service im Sinne der Inklusion und zum Wohle der Kunden vorzuhalten. IKEA in Hamburg Schnelsen beispielsweise reagiert nicht einmal auf E-Mails mit dieser Anregung…

So nun zu dem eigentlichen Problem: Wer bei IKEA Lübeck einen Rolli-Einkaufswagen benutzen will, muss erstmal einen Mitarbeiter mit Schlüssel suchen oder herantelefonieren lassen, damit der Wagen losgekettet werden kann. Das ist je nach Tageszeit und Wochentag unterschiedlich aufwendig. Wenn es nicht zu voll ist, kann man sich an die Mitarbeiter an der Kinderbetreuung wenden. Unter der Woche morgens geht das aber nicht, weil die Kinderbetreung da nicht geöffnet hat. Dann muss man jemanden vom Kassenpersonal ansprechen, der dann jemanden anruft. Der kommt dann mit dem Schlüssel. Kunden ohne Behinderung haben schon ihren Bummel durchs Möbelhaus begonnen – sie nehmen sich bei Bedarf eine der großen Einkaufstaschen oder später einen von den Einkaufswagen, die in langen Schlangen am Eingang der „Markthalle“ stehen, ohne Kette und Schloss(!).

Ok, der Schließer ist also da. Bevor der Wagen losgekettet wird, ist nun aber noch ein Leihvertrag auszufüllen und zu unterschreiben. Damit aber nicht genug: IKEA Lübeck misstraut seinen Kunden so sehr, dass die Angaben im Leihvertrag auch noch mit dem Personalausweis abgeglichen werden! Die Daten in diesem Leihvertrag werden sogar noch ein halbes Jahr gespeichert!  Genau SO habe ich es gestern erlebt. Ich habe auf den Einkauf bei IKEA verzichtet. Eigentlich wollte ich ein bisschen durchbummeln – neben Kleiderbügeln, Servietten, Kerzen, Blumentöpfen und Gläsern wäre sicher doch der ein oder andere Schnickschnack noch mit im Wagen gelandet…

Aber es ist ja nicht immer so mit den Rolli-Einkaufswagen bei IKEA Lübeck : manchmal wird der Wagen nur losgekettet und man muss nichts unterschreiben oder der Mitarbeiter trägt den Namen in den Leihvertrag ein und man unterschreibt. Keine Ahnung, wonach sich das richtet. Die IKEA-Mitarbeiterin gestern hat jedenfalls gesagt, dass es so läuft, dass der Leihvertrag ausgefüllt und mit dem Personalausweis abgeglichen wird: „Das machen wir immer so, seit wir die Wagen haben!“ Begründung: „Die sind ja auch sehr, sehr teuer, diese Einkaufswagen“.

Nach dem Einkauf mit dem Rolli-Einkaufswagen muss man leider auch bei strömenden Regen den Wagen wieder reinbringen. Da man ja einen Vertrag unterschrieben hat,macht man sich jetzt wieder auf die Suche nach einem Mitarbeiter, der einem den Wagen wieder abnimmt und sich darum kümmert, dass man seine zweite Unterschrift unter den Vertrag setzen kann, mit der man die Rückgabe quittiert.Insgesamt muss man so als Rollstuhlfahrer etwa eine Viertelstunde mehr einplanen als andere Kunden, wenn man den speziellen Einkaufswagen benutzen möchte.

Ich habe inzwischen ja einige Erfahrung mit dem Einkaufen als Rollifahrerin, ganz viel in Geschäften, die auch solche Einkaufswagen haben. Außer bei IKEA stellt man sich aber nirgends so an. Edeka, Rewe, Netto, Budni und Famila haben ihre „sehr, sehr teuren“ Rolli-Einkaufswagen frei zugänglich im Eingangsbereich stehen. Da ist nichts angekettet. Lidl hat seine draußen auf dem Parkplatz im Unterstand neben den anderen Einkaufswagen. Hier benötigt man eine Pfandmünze. Es ist noch nicht einer von den Wagen weggekommen oder beschädigt worden. Alle diese Wagen dürften genau so teuer in der Anschaffung gewesen sein, wie die von IKEA Lübeck. Sie sind alle von der Firma Wanzl. Der von Lidl ist vermutlich noch ein ganzes Stück teurer, weil er größer ist als das Standardmodell in den anderen Geschäften. Ebenso könnten auch die Wagen von Famila in Neumünster etwas mehr gekostet haben, sie sind etwas schicker in braun gehalten und nicht im üblichen Zink.

Bei allen Geschäften würde man mir auch helfen, meine Ware zum Auto zu bringen, wenn ich mal sehr viel mehr habe, als in den Wagen passt oder etwas Sperriges. Diesen Service bietet IKEA übrigens generell nicht an. Aus Versicherungsgründen dürfen die Mitarbeiter nichts mit rausbringen und mit auf den Parkplatz gehen….

Rollifahrer und psychisch krank? Dumm gelaufen….!

Kliniken, Begegnungsstätten, Pflegeeinrichtungen, Gesundheitsämter, Arztpraxen etc. sind da für kranke Menschen. Behinderung wird ja oft auch mit Krankheit gleichgesetzt. Da ist der Schluss ja naheliegend, dass hier in Sachen Barrierefreiheit und Inklusion alles schon besonders weit fortgeschritten sein müsste. Das ist aber ein gewaltiger Trugschluss! Inklusion ist im Gesundheitswesen noch ein Fremdwort! Barrierefreiheit ist nur rudimentär vorhanden, vor allem in den Köpfen der Verantwortlichen.

Rollifahrer mit behandlungsbedürftiger Depression

Nehmen wir mal einen Rollstuhlfahrer, der in eine schwere depressive Episode rutscht – das ist eine Erkrankung, die in jedem Falle behandlungsbedürftig ist. Dies ist oft verbunden mit einem stationären oder teilstationären Klinikaufenthalt. Laut der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN ) liegt die Wahrscheinlichkeit, wenigstens einmal im Leben eine schwere behandlungsbedürftige Depression zu entwickeln bei 16 bis 20 %. Für den Rollstuhlfahrer kann es nun ziemlich schwierig werden. Vor allem in älteren Krankenhäusern mit psychiatrischer Station sind die Patientenzimmer klein und sehr eng bemessen, vielmehr als die drei bis sechs Betten nebst Nachtschränken, Tisch und Stuhl passen da nicht rein. Mit Glück sind zumindest die sanitären Einrichtungen einigermaßen groß. Das bedeutet aber nicht, dass auf der Toilette ein Umsetzen aus dem Rollstuhl von beiden Seiten möglich ist (letzteres wird übrigens auch in Neubauten standhaft nicht berücksichtigt!). Platz, den Rollstuhl in erreichbarer Nähe des Bettes abzustellen ist schon gar nicht…. Das nächste Problem ist die Personalausstattung: Ein Rollifahrer, der zusätzlich zu seiner Erkrankung durch die räumlichen Gegebenheiten in der gewohnten Selbständigkeit eingeschränkt ist, macht mehr Arbeit. Ganz zu schweigen davon, welchen Einfluss das auf den weiteren Verlauf der Depression hat. Viele Kliniken stoßen bei einem Rollifahrer dann auch im therapeutischen Bereich auf Grenzen, vor allem Ergotherapieräume befinden sich oft im Keller oder Dachgeschoss, leider nicht über einen Aufzug zu erreichen……

In Tageskliniken und Begegnungsstätten für Menschen mit psychosomatischen oder psychiatrischen Krankheiten sieht es meistens nicht besser aus. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass die Leute, die die Sozialpsychiatrie in den vergangenen Jahrzehnten vorrangetrieben haben, eine Schwäche für hübsche alte Häuser haben…. Leider sind diese nicht immer praktisch, vor allem, wenn sie auch noch denkmalgeschützt sind. Wenn unser Rollifahrer nicht schon depressiv wäre, würde er es vermutlich bei dem Gedanken an die Behandlungsmöglichkeiten werden…

Persönlichkeitsstörung und Chirurgie oder Innere Medizin

Menschen mit einer psychischen Behinderung oder Erkrankung haben es in unserem Gesundheitswesen besonders schwer. Ich denke da gerade an ein Gespräch mit der Filmemacherin Andrea Rothenburg (Psychiatriefilme, Internetseite zu den Filmen von Andrea Rothenburg) – sie meinte Anti-Stigma-Arbeit zu psychische Erkrankungen müsse man bei denen anfangen, die mit den Kranken zu tun haben (auch und gerade in der Psychiatrie). Tatsächlich gibt es unter denen, die es eigentlich von Berufs wegen besser wissen sollten, viele, die die gleichen Vorurteile haben wie jeder andere, der nichts oder wenig über psychisch Kranke weiß. Mediziner aus anderen Disziplinen verhalten sich gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen oft abweisend oder diskriminierend. Das können vor allem Patienten mit Persönlichkeitsstörungen vom Borderlinetyp oft leidvoll bestätigen. Diese Patienten fügen sich aufgrund ihrer Krankheit häufig selber Verletzungen zu, mitunter so schlimm, dass sie chirurgisch oder internistisch behandelt werden müssen. Besonders grausam fand ich die Schilderung einer Frau mit einer Verletzung, die genäht werden musste. Der Arzt meinte, dass er bei ihr ja auf die Betäubung verzichten könne, was er dann auch tat (!). Auf einer internistischen Station wurde ein Patient schlicht als „bekloppt“ abgestempelt. Denn es kann ja gar nicht anders sein, wenn man sich selber Schaden zufügt.

Menschen mit geistiger Behinderung im Krankenhaus

Erwachsene Menschen mit einer geistigen Behinderung leben in unserer bisher wenig inklusiven Gesellschaft meistens in Wohneinrichtungen speziell für sie oder werden von ihren Eltern versorgt und behütet.Gewohnte Personen und ein klar geregelter Tagesablauf geben hier halt. Etliche brauchen auch genau das. Steht nun aber ein Krankenhausaufenthalt an, bricht quasi eine Welt zusammen. Nicht immer ist es möglich, dass eine vertraute Person den Krankenhausaufenthalt begleitet. Das ist schwierig, schrecklich und anstrengend für alle Beteiligten. Der behinderte Mensch versteht die Situation oder das, was da passieren soll oft nicht und hat Angst. Pflegepersonal, Ärzten und Therapeuten fehlt die Zeit, auf den Patienten seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten entsprechend einzugehen. Es gibt kaum Informationen in Leichter Sprache und da , wo es sie gibt, wissen Mediziner häufig nichts davon. „Wichtige Gespräche“ werden mit dem Betreuer oder Eltern geführt, oft im Beisein des Patienten, aber ohne ihn einzubeziehen oder so zu reden, dass er folgen kann.

Hörgeschädigte und Sehgeschädigte Patienten sind ziemlich aufgeschmissen, ohne eigene Assistenz

Ab und zu investieren Staat und Klinkbetreiber ja in vorhandene oder neue Gebäude. Dabei scheint es aber nicht so sehr darum zu gehen, dass das was entsteht auch zum Nutzen der Patienten ist… Ich denke da beispielsweise an die farbliche Gestaltung in Kliniken. Kräftige Kontraste können hilfreich bei der Orientierung sein, ebenso wie Unterschiede in der Farbgestaltung verschiedener Stockwerke und Stationen. Ich war noch in keinem Klinikgebäude, das über Wegweiser für Blinde oder Sehgeschädigte verfügte. Aber vielleicht gibt es das ja irgendwo(?). Gebährdendolmetscher gibt es ebenfalls nicht in Kliniken, geschweige denn anderen Einrichtungen für Kranke. Dazu kommt dann noch die Unsicherheit des medizinischen Personals, verbunden mit zahlreichen Vorurteilen.

 

Der Anlass zu diesem Artikel war meine Suche nach einer neuen Arbeitsstelle als rollifahrende Ergotherapeutin während der letzten Monate. Zuletzt habe ich in der Psychiatrie gearbeitet, leider mit einer befristetene Stelle. Und Psychiatrie sollte es jetzt auch gerne wieder sein. Dabei ist mir sehr deutlich vor Augen geführt worden, wie viele Einrichtungen für psychisch kranke Menschen im südlichen Schleswig-Holstein und im Norden Hamburgs nicht für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen geeignet sind. Dabei handelte es sich um Tages- und Begegnungsstätten von unterschiedlichen Trägern, Reha-Einrichtungen, Tageskliniken, Kliniken und Wohneinrichtungen. Ich hatte im Gespräch nie den Eindruck, dass sich bei besagten Einrichtungen in absehbarer Zeit irgendetwas daran ändern wird (soll). Dabei ist Inklusion dort durchaus ein bekanntes Schlagwort, zum Teil sogar Bestandteil des Leitbildes…..

Fußgänger probieren Rollstuhl aus – ist das der Weg zur Inklusion?

Ich gehe ja ziemlich häufig zu Tagungen, Fachtagen, Arbeitsgruppen, Workshops und anderen Veranstaltungen, bei denen es um Inklusion, Teilhabe und Behinderte geht. Und natürlich begegnen mir ebenso häufig auch alle Klischees, Vorurteile und ganz viel gewollt-und-nicht-gekonnt. Selber sichtbar behindert, werde ich aber nie unmittelbar damit konfrontiert. Es muss sich eben immer noch wahnsinnig viel tun – vor allem in den Köpfen der Menschen.

Behinderte  sind vor allem Menschen mit geistigen Einschränkungen, zumindest wenn man etwas für sie tun muss, damit Inklusion klappt. Diesen Eindruck gewinne ich jedenfalls immer wieder. Die werden dann auch gar nicht erst mit einbezogen, sondern es wird, wie gehabt, für sie und über sie hinweg (vielleicht auch an ihnen vorbei) geplant und gemacht, immer mit der Prämisse, dass sie ja doch nicht verstehen, worum es geht. Aber ich habe auch noch nicht eine Inklusionsveranstaltung in Leichter Sprache erlebt……

Die zweite große Gruppe behinderter Menschen, für die bei diesen Veranstaltungen gedacht und geplant wird, sind Rollstuhlfahrer. Aber ist ja auch klar, immerhin wird Behinderung ja auch mit dem Rollifahrer als Symbol dargestellt….

Natürlich ist der Alltag im Rollstuhl nicht immer ganz einfach, ich kann selber ein Lied davon singen. Probleme bereitet dabei aber weniger der Rollstuhl, mit dem ich ziemlich gut umgehen kann, sondern eher rücksichtslose oder gedankenlose Leute, die trotz Behindertenparkplatz ihr Auto so dicht neben meins stellen, dass ich nicht wieder einsteigen kann. Oder Aufzüge, die nicht funktionieren, oder zugeparkte Bordsteinabsenkungen….

Aber es ist ja so einfach, von Barrierefreiheit zu reden und damit Behindertentoiletten, breite Türen, Fahrstühle und abgesenkte Kantsteine zu meinen. Darum werden bei öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen ja auch immer Leute aufgefordert mal einen Rollstuhl auszuprobieren. Das gibt es in ganz unterschiedlichen Variationen. Eine Möglichkeit ist der Rolli-Parcours. Mit mehr oder weniger schlechten, meist alten und zu großen Rollstühlen der Marke Billig, Leicht (haha) und Falt soll versucht werden, eine mit kleinen Hindernissen versehene Strecke abzufahren. Mir erschließt sich nicht so ganz, welches Ziel damit verfolgt wird. Wer drei Minuten in einem, noch dazu schlechten, nicht passenden, Rollstuhl gesessen hat, und danach auf seinen Füßen weiterspaziert, kann auch nicht ansatzweise verstehen oder nachempfinden, wie der Alltag eines Rollstuhlfahrer aussieht. Die zweite Variante sind Selbsterfahrungstage im Rollstuhl. Meistens ziehen nach einer kurzen Einführung kleine Grüppchen mit einem Rollstuhl los und erkunden in wechselnder Besetzung (des Rollis) die Umgebung und beurteilen ganz „fachmännisch“, wie wenig barrierefrei und rollstuhlfreundlich die Gegend doch ist. Aber auch, wie nett und hilfsbereit die Mitmenschen doch sind. Gewöhnlich ist kein „echter“ Rollstuhlfahrer dabei und vor allem sind es immer Gruppen, die da unterwegs sind, nie einer alleine. Wenn es also wirklich schwierig wird, kann man immer aussteigen oder wird geschoben oder getragen. (Da fällt mir ein bitterer Ausspruch eines älteren Herrn ein, dessen Frau schon seit Jahren einen Rolli benutzt: „Zu jedem Rollstuhlfahrer gehört ein Fußgänger“.)

Rollstuhlfahrer sind so unterschiedlich und vielfältig wie Fußgänger – wenn nicht noch viel unterschiedlicher und vielfältiger. Ebenso auch die körperlichen Gegebenheiten, die den Rolli erforderlich machen, abgesehen von der Vielfalt der Gefährte.

Tatsache ist nur, dass wir hier bei uns über Rollstühle verfügen und dass viele Menschen dadurch am Leben teilnehmen können. Ich persönlich bin sehr froh darüber, weil mein Leben sich sonst in einem viel kleineren Kreis abspielen müsste und ich auch nicht arbeiten könnte.

Anderen Rollifahrern ergeht es ganz anders. Das fängt schon damit an, dass sie nicht mit dem richtigen, also ihren Bedürfnissen entsprechenden, Rollstuhl ausgestattet sind. Oft haben sie neben ihrer körperlichen Erkrankung oder Schädigung auch noch eine seelische (die kommt oft einfach noch dazu). Ihre Lebensverhältnisse sind häufig sehr schwierig, egal ob es um Wohnraum, Partnerschaft und Sexualität, Bildung oder schlicht und einfach die Existenz geht. Viele dieser Probleme liegen auch in der Grundhaltung unserer Gesellschaft begründet: es zählt, wer schön, schlank, jung, fit, sportlich, intelligent, erfolgreich und wohlhabend ist – am besten noch alles zusammen! Das alles gibt es natürlich auch bei Rollstuhlfahrern. Die Zweifel, ob das auch stimmt, sind bei ihnen aber viel größer. Darum strampeln sie sich auch wesentlich mehr ab (beispielsweise im Beruf) als andere.

Aber noch einmal zurück zu den Inklusionveranstaltungen: Was ist mit den vielen anderen Arten von Behinderung, abgesehen von den geistigen Behinderungen und den Rollstuhlfahrern? Was ist mit gehörlosen Menschen oder mit Blinden oder sehgeschädigten? Was ist mit den Menschen, die wegen psychischer Beeinträchtigungen in unserer Gesellschaft immer noch stigmatisiert sind oder zumindest Angst machen? Was ist mit denen, die wegen einer Erkrankung oder Behinderung nur noch im Bett liegen können, oder die beatmet werden müssen? Wie viel Teilhabe will die Gesellschaft ihnen zugestehen? Wie soll das funktionieren, wenn sie bei allen Gesprächen über Inklusion nicht nur immer fehlen, sondern gleich ganz ausgeklammert werden?

Ausgrenzung durch Sprache der Inklusion

Ich rede und diskutiere gerne und viel. Da ich nicht in einer Akademikerfamilie aufgewachsen bin und auch nicht in gehobenen Kreisen oder in der Stadt, glaube ich, rede ich auch so,  dass mich die meisten Menschen verstehen. Das finde ich auch sehr wichtig. Warum sollte ich etwas sagen, wenn ich nicht verstanden werden will?

Auch im Gespräch mit Kollegen und erst recht mit Patienten verzichte ich weitgehend auf Fachsprache. Erstaunlicherweise ist das fast immer möglich und meistens viel einfacher, weil man sich etliche Erklärungen sparen kann. Ich habe es nicht nötig, mich von irgendjemandem abzugrenzen. Ich ruhe auch so in mir und bin mir meines Wertes bewusst. 

Gestern bin ich durch einen Kommentar auf Facebook auf ein ganz grauseliges Sprachproblem gestoßen, das mich immer noch stark beschäftigt: die Verwendung der „richtigen Begriffe“ im Zusammenhang mit Behinderten und Behindertenarbeit. (Gerade habe ich in dem Zusammenhang gleich zwei böse Fehler gemacht).

In einer wirklich sehr netten Facebookgruppe, die das Ziel hat gelungene Beispiel für Inklusion aufzuzeigen, fragte eine Schülerin nach Unterstützung, die eine Jahresarbeit zum Thema Inklusion schreiben will. Ihr fehlten aber noch die nötigen Informationen:

„Ich brauch Nähmlich infos über die Inklusion von Blinden bzw Sehbehinderten und Taubstummen.“, hatte sie in ihrer Frage geschrieben.

Auch den ersten Kommentar dazu möchte ich hier wörtlich zitieren: „Entschuldige aber wo lernst du ? Es ist einfach übel in der Heutigen Zeit noch von Taubstumm zu reden oder schreiben . Der Begriff Gehörlos ist der Allgemeine Sprachgebrauch und deine Ausdrucksweise ist Beleidigend .“

Damit bin ich jetzt auch beim Thema. Die Inklusion bringt offenbar einen Haufen böser Fettnäpfchen mit sich, in die man voll reinlatscht, wenn man nicht zum erlesenen Kreis der (zum Teil sogar hauptberuflichen) Inkludierer gehört. Das Problem ist ja nicht ganz neu – auch in feministischen und frauenbewegten Kreisen gab es ja diese Art von Aus- und Abgrenzung schon.  (Zum Glück werden die Texte mit den „/Innen“ langsam weniger; mittlerweile genügt der einmalige Hinweis, dass sowohl männliche als auch weibliche Personen gemeint sind.) Vor gar nicht so langer Zeit mussten wir uns dann vom geliebten süßen „Negerkuss“ und dem feurigen „Zigeunerschnitzel“ verabschieden. Diskriminierend und beleidigend. Nicht ganz nachvollziehbar, finde ich. Beide Begriffe sind doch positiv besetzt.

Da können die Bäcker doch froh sein, dass sich die Landwirte nicht durch ein schnödes „Bauernbrot“ diskriminiert und beleidigt fühlen (ich denke da nur an „Dumm wie Brot“ und dann noch in Zusammenhang mit Bauern…. da sind wir dann schnell bei den dicken Kartoffeln. – Aber lassen wir das lieber! Schlafende Hunde soll man ja bekanntlich nicht wecken).

Die Inklusion bringt jetzt neue Empfindlichkeiten und Fettnäpfchen mit sich. Die sind übrigens weniger von den Leuten geschaffen, deren Teilhabe durch die Inklusion verbessert werden soll, als vielmehr von denen, die sich mit viel Engagement und gutem Willen (häufig unter Ausschluss der Einzuschließenden) um die Umsetzung der Inklusion kümmern. Das Ergebnis ist, dass eine ahnungslose, unbedarfte Schülerin angefahren und belehrt wird, dass ihre Ausdrucksweise aus dem letzten Jahrhundert stamme und beleidigend sei. Ganz ehrlich: trotz aller sprachlichen Vorsicht, die ich in der Inklusionsarbeit mittlerweile walten lasse, hätte mir der Begriff „taubstumm“ auch noch entweichen können (ich bitte alle Gehörlosen deswegen um Verzeihung).

Ziel der Inklusion soll doch sein, alle mit einzubeziehen, oder habe ich das falsch verstanden?

Sicher hat jede Bewegung ihre eigene Sprache. Eine gemeinsame Sprache signalisiert ja auch Zusammengehörigkeit. Darum erfinden Kinder ja auch gerne eine „Geheimsprache“ und darum gibt es ja auch die Fachsprachen. Das ganz große Problem dabei ist leider, dass hier Sprache ganz klar dafür genutzt wird, sich abzugrenzen, nicht eingeweihte auszuschließen. In Bezug auf die Inklusion ist das doch eher kontraproduktiv!

Inklusion braucht eine Sprache, die eine Teilhabe aller ermöglicht – darum ist ja beispielsweise auch die „Leichte Sprache“ entstanden. Wenn Sprache im Zuge der Inklusion ausgrenzt, läuft da etwas ganz gewaltig schief!

Mal wieder Einkaufswagen

Ich kaufe ja nicht nur hier in meinem Wohnort Wahlstedt ein. Mit dem Auto bin ich mobil, arbeite zudem außerhalb und bin einfach gerne unterwegs. Darum wäre es mein großer Wunsch, dass es überall, wo es für Fußgänger Einkaufswagen gibt, auch wenigstens einen oder zwei Wagen für Rollstuhlfahrer gibt. Das wäre doch „inklusiv“.

Die Statistik zu meinem Blog hier zeigt, dass das Thema in jedem Falle von Interesse ist. Zu sehen ist das einerseits an den Suchbegriffen, über die die Leser hier landen und zum zweiten daran, dass die Seiten zum Thema Rollstuhl-Einkaufswagen sehr häufig angeklickt werden.

Auf einer Inklusionsveranstaltung hat mal ein älterer Mann, dessen Frau schon seit etlichen Jahren Rollifahrerin ist, bedauernd zu mir gesagt: „Zu jedem Rollstuhlfahrer gehört ein Fußgänger“. Eine Erkenntnis, der er und seine Frau sich immer wieder stellen mussten. Dabei wären es manchmal Kleinigkeiten und ein bisschen guter Wille, die einem Menschen mit Behinderung das Leben und die Selbständigkeit erleichtern und ermöglichen könnten. Für Rollifahrer kann das beim Einkaufen beispielsweise so ein Wagen sein.

Gestern habe ich wieder erfahren dürfen, dass es manchmal schon ausreicht, in den Geschäften direkt freundlich anzuregen, Rollstuhl-Einkaufswagen zur Verfügung zu stellen. Nach langer Zeit war ich mal wieder in Bad Segeberg bei „Famila“ einkaufen. Es ist schon eine Weile her, dass ich das dort angeregt hatte. Und siehe da gestern konnte ich total bequem einkaufen. Ich hatte die Hände frei und brauchte nicht zu überlegen, was ich mitnehme, weil zumindest der Transportplatz ausreichend groß war. Toll! Und an dieser Stelle auch ein dickes Dankeschön an „Famila“ Bad Segeberg.

Hier bei uns Nordlichtern gibt es in Hamburg und Umgebung die Drogeriemarkt-Kette „Budni“. Da kaufe ich auch immer gerne ein. Aber mit dem Korb auf dem Schoß  stoße ich da auch des öfteren an Kapazitätsgrenzen. Darum habe ich eben die folgende E-Mail geschrieben:

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

haben Sie schon einmal daran gedacht, es ihren Kunden im Rollstuhl ein bisschen einfacher zu machen, in Ihren Drogeriemärkten einzukaufen? Es gibt Einkaufswagen für Rollifahrer, mit denen die Hände zum Einkaufen und Fahren frei sind. Zudem lässt sich damit bequemer und mehr ein kaufen als mit einem wackeligen Einkaufskorb auf dem Schoß. Andere Händler, vor allem Supermärkte habe diese tollen Teile schon. Ich bin selber Rollstuhlfahrerin und versorgen drei Personen plus Haustiere. Da ich auch berufstätig bin, kann ich nicht immer warten, dass mich zu größeren Einkäufen jemand begleitet. Ich würde mich freuen, von Ihnen zu hören. Vielleicht mögen Sie ja mal einen Blick in meinen Blog (inklusionjetzt.wordpress.com) werfen. Dort habe ich das Thema Rollstuhlfahrer-Einkaufswagen auch schon behandelt und vor allem auch die Unternehmen erwähnt, die zumindest hier im Umkreis reagiert haben. Es wäre natürlich toll, wenn es selbstverständlich werden könnte, als Rollifahrer überall einen passenden Einkaufswagen vorzufinden. Die Statistik zu meinem Blog zeigt übrigens, dass die Beiträge zu den Rollstuhl-Einkaufswagen zu den meistgeklickten gehören. Es handelt sich offenbar um ein Thema, dass nicht ganz unwichtig ist.

Vorab schon einmal herzlichen Dank.

Mit freundlichen Grüßen Gabi Bornheimer

 

Mal sehen, was passiert. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass man dort so wenig hilfsbereit ist wie bei Aldi. Von denen habe ich nämlich bis heute nichts gehört. Ich habe auch Filial- und Bezirksleiter hier vor Ort mal direkt angesprochen. Aber es tut sich nichts. Ähnlich verhält es sich bei IKEA in Hamburg Schnelsen.  Fast jedes Mal wenn ich dort bin, nutze ich den Computer, den die da für Anregungen haben und bitte um Rollifahrer-Einkaufswagen. Ich gebe auch immer meine E-Mail und eine Telefonnummer an. Bisher hat da aber nie jemand drauf reagiert. Da bleibt mir nur zu IKEA nach Hamburg Moorfleth zu fahren. Die bieten nämlich diesen Service für Rollstuhl fahrende Kunden. Das ist von hier aber doch ein Stück weiter als nach Schnelsen. Demnächst werde ich beim Lübecker IKEA mal gucken. Wenige Tage nach der Eröffnung war ich mal da. Aber da ging noch alles drunter und drüber. Da wurde mir aber versichert, dass es künftig Einkaufswagen für Rollifahrer geben soll.

Inklusion, aber „Die“ sind wieder nicht dabei

Inklusion – was für ein schönes, rundes Wort. Es ist schon richtig vertraut, weil es derzeit in aller Munde und dadurch so richtig schön durchgelutscht ist. Da möchte man so langsam schon sagen „bäh, igittigitt!“ Auch weil das ewige Herumgelutsche nichts voranbringt.

Es sind zum Teil die selben Leute, die sich vor vielen Jahren mit der Integration Behinderter befasst haben, die sich heute um die Inklusion „kümmern“. Sie sind ja diejenigen, die die Ahnung und die Erfahrung haben – meinen sie. Sie sind auch diejenigen denen wir Bandwurmbegriffe wie „Menschen mit Behinderung“ oder Werkstatt für Menschen mit Behinderung“ zu verdanken haben, die aber, wenn sie von Behinderten und den eigenen inklusiven Plänen und Vorhaben reden,  immer von „Die “ sprechen, in etwa so: „Die brauchen…“ oder „Die können aber nicht…..“. Inklusiv wäre von „Wir“ zu sprechen. Das scheint mir außer in Behindertenverbänden und Behinderteninitiativen aber leider immer noch die Ausnahme zu sein. Ich bin ja ehrenamtliche Behindertenbeauftragte und als solche auch, ohne mich selber loben zu wollen, überdurchschnittlich aktiv. Unsere Stadt ist Kooperationspartner des Netzwerks Inklusion Segeberg, wo ich mich auch mit einbringe. Dadurch bin ich lokal in den einschlägigen Kreisen einigermaßen bekannt. Man lädt mich ein, wenn es irgendwas rund ums Thema Behinderung und Inklusion gibt. Außerdem schaue ich mich natürlich auch selber um, wo Inklusion verwirklicht werden soll.  Ich bekomme also einen recht guten Ein- und Überblick, was so läuft. Dabei fallen mir immer wieder zwei Aspekte besonders auf und ärgern mich:

Erstens werden Behinderte und Senioren gerne in einen Topf geworfen. Das wird weder der einen noch der anderen Gruppe wirklich gerecht. Zum einen, weil es  viele Behinderte gibt, die noch lange keine Senioren sind. Für sie sind beispielsweise Themen wie Frühförderung, Kindergarten, Schule, Ausbildung, Familiengründung und Sexualität, Wohnraum, der der Behinderung angepasst ist und auch für den Rest der Familie ausreicht, Arbeit, Urlaub, Freizeitgestaltung von Bedeutung. Senioren hingegen haben früher oder später häufig auch Behinderungen. Dies trifft aber längst nicht auf alle zu. Im Gegenteil – viele laufen noch Marathon oder leisten sich endlich ein tolles Fahrrad oder Motorrad oder gehen monatelang im Wohnmobil auf Tour. Zum Teil sind sie schon fast ein bisschen beängstigend, die „JungenAlten“. Die Bedürfnisse derer, an denen, um es mal salopp auszudrücken, der Zahn der Zeit genagt hat, die eben doch, meist altersbedingt,  körperliche und geistige Einschränkungen oder Behinderungen haben, sind überwiegend andere als die eines behinderten Kindes und seiner Familie, eines behinderten Jugendlichen und eines behinderten Erwachsenen vor der Seniorenzeit. Für Senioren geht es meist um Pflege, Schutz vor Vereinsamung, angepassten (kleineren) Wohnraum, Tagesstrukturierung und Freizeitgestaltung, um das mal ein bisschen verkürzt darzustellen.

Zweitens frage ich mich bei all dem Aktionismus, wo sind die Behinderten? Wann sollen sie denn endlich beteiligt werden? Manchmal fühle ich mich richtig als „Quotenbehinderte“! Bei all den vielen Veranstaltungen, Treffen, Brainstormings, Planungs- und Steuerungsgruppen bin ich meistens die einzige Behinderte. Auf meine Frage, wo denn das wichtigste im Rahmen der Inklusion geforderte bleibt, nämlich die Beteiligung derer, die es betrifft, habe ich schon zur Antwort bekommen „Die“ würden ja bestimmt nicht hier her kommen. „Die“ (als ob das eine homogene Gruppe wäre) wurden aber weder gefragt noch eingeladen. Wie sollen die Behinderten( „Die“) sich denn beteiligen, wenn sie nicht einmal wissen, dass etwas stattfindet. Aber immerhin handelt es sich um ein großes Projekt, an dem zum Großteil Beamte beteiligt sind, die sich in ihrem Berufsalltag schon mit der Anerkennung und Ablehnung von Wünschen, Ansprüchen und Rechten Behinderter befassen. Die gehen ja täglich mit behinderten Menschen um. Darum sind sie „Experten“. Meiner Meinung nach sind das ähnliche Experten, wie die, die von diversen Privatsendern rekrutiert werden, um einer eher schwammigen Aussage mehr Wahrheitsgehalt zu verpassen. Als Behindertenbeauftragte werde ich quasi als Deligierte der Behinderten betrachtet. Dabei bin ich nicht von einer Gruppe Behinderter gewählt worden, sondern von den Stadtvertretern meiner Heimatstadt.

Ich mag die Hoffnung ja noch nicht aufgeben. Aber so ganz wohl ist mir nicht dabei, wenn wir Inklusion verwirklichen wollen und bei der Planung und den Fragen nach dem was nötig ist, weiterhin diejenigen, die es betrifft ausschließen, also exkludieren.