Ich muss mal… – aber die Klotür ist zu eng

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Links ist es eng, man achte auf den Greifreifen!

Wie ist es auf der anderen Seite, könnte Rangieren vielleicht helfen?

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Rechts ist es auch eng, auch hier ist der Greifreifen leider zu viel…. 

Ich stehe schon optimal vor der Tür, aber um reinzukommen, müsste ich die Greifreifen abbauen!

MUSS ich denn da nun unbedingt rein? – Doch ich MUSS! Ich müsste nämlich mal. Diese Tür, durch die nicht durchkomme ist nämlich die Toilettentür. Genauer: Es handelt sich um die Toilettentür meines Patientenzimmers auf der Wirbelsäulenstation der Uniklinik Eppendorf (!).

Damit bin ich wieder beim Thema:  Inklusion im Gesundheitswesen.

Die Wirbelsäulenstation des UK Eppendorf behandelt nach Aussage der Website alle degenerativen, entzündlichen, traumatischen und tumorösen Veränderungen der Wirbelsäule, sowie sämtliche Deformitäten. (uke.de) Da dürfte sicher der eine oder andere rollstuhlpflichtige Patient dabei sein. Da schient man ja auch von auszugehen, sind doch diverse Haltegriffe vorhanden, die Dusche ist ebenerdig und das Waschbecken unterfahrbar. Nur bei der Türbreite hat man offenbar geschlafen. Mein Rollstuhl hat weder Überbreite noch haben meine Räder einen ausgeprägten negativen Sturz. Aber immerhin der Toilettenstuhl hier von der Klinik passt durch die Klotür. – Das ist ungefähr so, wie die Fernbedienung für den Fernseher auf dem Fernseher abzulegen….

Fairerweise muss man dazu sagen, dass dieses Gebäude schon ein wenig älter ist, noch aus einer Zeit stammen dürfte, als man über Inklusion noch nicht nachgedacht hat. Aber, wie schon erwähnt, es handelt sich um eine Wirbelsäulenstation.

Doch nur eine leere Worthülse…

„Menschen mit Schwerbehinderung werden bei gleicher Qualifikation bevorzugt eingestellt “ – Hurra! Dann finde ich bestimmt ganz schnell Arbeit. Qualifiziert bin ich ja, außerdem auch up to date in Bezug auf Fort- und Weiterbildung.

Bevorzugt – wenn da nicht einer besser qualifiziert ist als ich, habe ich die Stelle. Toll! Wie gesagt, die Qualifikation ist ganz passabel, Erfahrung bringe ich auch mit. Zudem sollte man bei mir auch nicht mehr damit rechnen, dass ich noch mal schwanger werden will. Eltern, die mal pflegebedürftig werden könnten, habe ich nicht mehr. Die sind schon vor vielen Jahren verstorben. Alles eine Menge Pluspunkte!

Also ein kurzer Anruf beim potentiellen Arbeitgeber, um noch eine letzte kleine Frage abzuklären: Ich interessiere mich für die ausgeschriebene Stelle. Wie barrierefrei ist es denn bei Ihnen? Ich bin nämlich Rollstuhlfahrerin. – Schlucken und kurzes Herumdrucksen am anderen Ende der Leitung.  Nun ja, so wirklich barrierefrei ist das bei uns nicht….

Was für Leute mit Schwerbehinderung stellen die sich denn vor, die sie bevorzugt einstellen wollen? Nicht vorhandene Barrierefreiheit macht den Satz in der Stellenausschreibung doch zu einer Phrase ohne was dahinter, zu einer leeren Worthülse!

Rollifahrer und psychisch krank? Dumm gelaufen….!

Kliniken, Begegnungsstätten, Pflegeeinrichtungen, Gesundheitsämter, Arztpraxen etc. sind da für kranke Menschen. Behinderung wird ja oft auch mit Krankheit gleichgesetzt. Da ist der Schluss ja naheliegend, dass hier in Sachen Barrierefreiheit und Inklusion alles schon besonders weit fortgeschritten sein müsste. Das ist aber ein gewaltiger Trugschluss! Inklusion ist im Gesundheitswesen noch ein Fremdwort! Barrierefreiheit ist nur rudimentär vorhanden, vor allem in den Köpfen der Verantwortlichen.

Rollifahrer mit behandlungsbedürftiger Depression

Nehmen wir mal einen Rollstuhlfahrer, der in eine schwere depressive Episode rutscht – das ist eine Erkrankung, die in jedem Falle behandlungsbedürftig ist. Dies ist oft verbunden mit einem stationären oder teilstationären Klinikaufenthalt. Laut der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN ) liegt die Wahrscheinlichkeit, wenigstens einmal im Leben eine schwere behandlungsbedürftige Depression zu entwickeln bei 16 bis 20 %. Für den Rollstuhlfahrer kann es nun ziemlich schwierig werden. Vor allem in älteren Krankenhäusern mit psychiatrischer Station sind die Patientenzimmer klein und sehr eng bemessen, vielmehr als die drei bis sechs Betten nebst Nachtschränken, Tisch und Stuhl passen da nicht rein. Mit Glück sind zumindest die sanitären Einrichtungen einigermaßen groß. Das bedeutet aber nicht, dass auf der Toilette ein Umsetzen aus dem Rollstuhl von beiden Seiten möglich ist (letzteres wird übrigens auch in Neubauten standhaft nicht berücksichtigt!). Platz, den Rollstuhl in erreichbarer Nähe des Bettes abzustellen ist schon gar nicht…. Das nächste Problem ist die Personalausstattung: Ein Rollifahrer, der zusätzlich zu seiner Erkrankung durch die räumlichen Gegebenheiten in der gewohnten Selbständigkeit eingeschränkt ist, macht mehr Arbeit. Ganz zu schweigen davon, welchen Einfluss das auf den weiteren Verlauf der Depression hat. Viele Kliniken stoßen bei einem Rollifahrer dann auch im therapeutischen Bereich auf Grenzen, vor allem Ergotherapieräume befinden sich oft im Keller oder Dachgeschoss, leider nicht über einen Aufzug zu erreichen……

In Tageskliniken und Begegnungsstätten für Menschen mit psychosomatischen oder psychiatrischen Krankheiten sieht es meistens nicht besser aus. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass die Leute, die die Sozialpsychiatrie in den vergangenen Jahrzehnten vorrangetrieben haben, eine Schwäche für hübsche alte Häuser haben…. Leider sind diese nicht immer praktisch, vor allem, wenn sie auch noch denkmalgeschützt sind. Wenn unser Rollifahrer nicht schon depressiv wäre, würde er es vermutlich bei dem Gedanken an die Behandlungsmöglichkeiten werden…

Persönlichkeitsstörung und Chirurgie oder Innere Medizin

Menschen mit einer psychischen Behinderung oder Erkrankung haben es in unserem Gesundheitswesen besonders schwer. Ich denke da gerade an ein Gespräch mit der Filmemacherin Andrea Rothenburg (Psychiatriefilme, Internetseite zu den Filmen von Andrea Rothenburg) – sie meinte Anti-Stigma-Arbeit zu psychische Erkrankungen müsse man bei denen anfangen, die mit den Kranken zu tun haben (auch und gerade in der Psychiatrie). Tatsächlich gibt es unter denen, die es eigentlich von Berufs wegen besser wissen sollten, viele, die die gleichen Vorurteile haben wie jeder andere, der nichts oder wenig über psychisch Kranke weiß. Mediziner aus anderen Disziplinen verhalten sich gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen oft abweisend oder diskriminierend. Das können vor allem Patienten mit Persönlichkeitsstörungen vom Borderlinetyp oft leidvoll bestätigen. Diese Patienten fügen sich aufgrund ihrer Krankheit häufig selber Verletzungen zu, mitunter so schlimm, dass sie chirurgisch oder internistisch behandelt werden müssen. Besonders grausam fand ich die Schilderung einer Frau mit einer Verletzung, die genäht werden musste. Der Arzt meinte, dass er bei ihr ja auf die Betäubung verzichten könne, was er dann auch tat (!). Auf einer internistischen Station wurde ein Patient schlicht als „bekloppt“ abgestempelt. Denn es kann ja gar nicht anders sein, wenn man sich selber Schaden zufügt.

Menschen mit geistiger Behinderung im Krankenhaus

Erwachsene Menschen mit einer geistigen Behinderung leben in unserer bisher wenig inklusiven Gesellschaft meistens in Wohneinrichtungen speziell für sie oder werden von ihren Eltern versorgt und behütet.Gewohnte Personen und ein klar geregelter Tagesablauf geben hier halt. Etliche brauchen auch genau das. Steht nun aber ein Krankenhausaufenthalt an, bricht quasi eine Welt zusammen. Nicht immer ist es möglich, dass eine vertraute Person den Krankenhausaufenthalt begleitet. Das ist schwierig, schrecklich und anstrengend für alle Beteiligten. Der behinderte Mensch versteht die Situation oder das, was da passieren soll oft nicht und hat Angst. Pflegepersonal, Ärzten und Therapeuten fehlt die Zeit, auf den Patienten seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten entsprechend einzugehen. Es gibt kaum Informationen in Leichter Sprache und da , wo es sie gibt, wissen Mediziner häufig nichts davon. „Wichtige Gespräche“ werden mit dem Betreuer oder Eltern geführt, oft im Beisein des Patienten, aber ohne ihn einzubeziehen oder so zu reden, dass er folgen kann.

Hörgeschädigte und Sehgeschädigte Patienten sind ziemlich aufgeschmissen, ohne eigene Assistenz

Ab und zu investieren Staat und Klinkbetreiber ja in vorhandene oder neue Gebäude. Dabei scheint es aber nicht so sehr darum zu gehen, dass das was entsteht auch zum Nutzen der Patienten ist… Ich denke da beispielsweise an die farbliche Gestaltung in Kliniken. Kräftige Kontraste können hilfreich bei der Orientierung sein, ebenso wie Unterschiede in der Farbgestaltung verschiedener Stockwerke und Stationen. Ich war noch in keinem Klinikgebäude, das über Wegweiser für Blinde oder Sehgeschädigte verfügte. Aber vielleicht gibt es das ja irgendwo(?). Gebährdendolmetscher gibt es ebenfalls nicht in Kliniken, geschweige denn anderen Einrichtungen für Kranke. Dazu kommt dann noch die Unsicherheit des medizinischen Personals, verbunden mit zahlreichen Vorurteilen.

 

Der Anlass zu diesem Artikel war meine Suche nach einer neuen Arbeitsstelle als rollifahrende Ergotherapeutin während der letzten Monate. Zuletzt habe ich in der Psychiatrie gearbeitet, leider mit einer befristetene Stelle. Und Psychiatrie sollte es jetzt auch gerne wieder sein. Dabei ist mir sehr deutlich vor Augen geführt worden, wie viele Einrichtungen für psychisch kranke Menschen im südlichen Schleswig-Holstein und im Norden Hamburgs nicht für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen geeignet sind. Dabei handelte es sich um Tages- und Begegnungsstätten von unterschiedlichen Trägern, Reha-Einrichtungen, Tageskliniken, Kliniken und Wohneinrichtungen. Ich hatte im Gespräch nie den Eindruck, dass sich bei besagten Einrichtungen in absehbarer Zeit irgendetwas daran ändern wird (soll). Dabei ist Inklusion dort durchaus ein bekanntes Schlagwort, zum Teil sogar Bestandteil des Leitbildes…..

HILFE – Hilfe

Kann ich Ihnen helfen? – Brauchst Du Hilfe? – Unsere Mitmenschen helfen gerne. Und das ist auch gut so. Aber nicht immer wird Hilfe gebraucht oder gewünscht. Hilfe kann auch demütigen, entmündigen, erniedrigen, nur dem eigenen Wohlbefinden dienen, Angst machen, bedrängen oder übergriffig sein. Wer eine Behinderung hat, kennt sich meist aus mit Hilfe, damit Hilfe zu brauchen und auch zu bekommen, dass niemand da ist, um zu helfen oder ungefragt oder gefragt Hilfe aufgedrängt zu bekommen.

Helfen tut gut. Es gibt ein gutes Gefühl. Und wir haben in unserer Erziehung doch alle vermittelt bekommen, das es unhöflich ist, nicht zu helfen. Wer gläubig ist, hat gewöhnlich auch Bedeutung und Segen des Helfens im religiösen Kontext beigebracht  bekommen. Helfen ist eine Tugend. Wer nicht hilft, wird als hartherzig angesehen. Nicht zu helfen, macht Schuldgefühle.

Eine Menge Weisheit rund ums Helfen… 

Aber worauf will ich nun eigentlich hinaus?  Mir geht es darum, wie und wann man einem Menschen mit Behinderung hilft. Zunächst einmal ein konkretes Beispiel: Würde man einer fremden Frau, die dabei ist, etwas umständlich ein Buch in ihre Handtasche zu stecken, einfach so dazwischen greifen? Da denkt wohl jeder ein klares, empörtes Nein!  Wie sieht es aber aus, wenn diese fremde Frau im Rollstuhl sitzt und ihre Handtasche hängt hinten an der Rückenlehne? Immer noch klar und empört Nein? Leider nicht.

Irgendwie scheinen Taschen, die hinten am Rolli hängen, ganz selbstverständlich für jedermann zugänglich zu sein. Ich habe das schon mehr als einmal erlebt, dass mir Leute ungefragt helfen und Dinge hinten in die Tasche oder den Rucksack stecken wollten. Gerade wieder vor ein paar Tagen in der Thalia-Buchhandlung in der Spitaler  Straße in Hamburg. Ich sagte dann zu der überfreundlichen Frau: “ Bitte fragen sie vorher immer erst..“ Die beleidigt klingende Erwiderung: “ Ich wollte doch nur helfen „. Mein erster Impuls war, ich könnte ja auch mal helfend nach ihrer Handtasche greifen. Ich konnte dem aber widerstehen.

Kurz vor dem Ausrasten bin ich, wenn plötzlich jemand ohne Frage oder Ankündigung meinen Rollstuhl schiebt. Zum einen ist das immer ein Schreck und zum zweiten fürchte ich dann auch um meine Finger. Abgesehen von dem Schreck, den mancher Schieber auch durch die Kippeligkeit meines Rollis kriegt. So schwer kann eine einfache Frage doch nicht sein: Brauchen sie Hilfe? Darauf kann ich ja oder nein antworten und mich für die freundliche Nachfrage bedanken. Ich erwarte aber auch, dass ein NEIN akzeptiert wird.

Wenn ich nicht gerade in Schweden, bei Gewerkschaftlern oder Sozialdemokraten bin, möchte ich auch nicht ganz selbstverständlich von jedem geduzt werden, weil ich behindert bin und im Rollstuhl sitze. Ich bin fast fünfzig Jahre alt, Mutter zweier erwachsener Kinder, Angestellte im Gesundheitswesen.  Außerdem frage ich mich sowieso, weshalb viele Leute erwachsene Behinderte einfach duzen.

Regelmäßig sauer werde ich auch beim Einkaufen im Supermarkt an der Kasse. Mit der allerschönsten Selbstverständlichkeit räumen mir Leute meine Ware aus dem Rollstuhlfahrer-Einkaufswagen auf das Kassenband. Natürlich ohne vorher zu fragen, ob mir das recht ist. Nein! Das ist mir nicht recht! Ich habe meine Ordnung darin, in welcher Reihenfolge die Sachen aufs Band kommen, damit ich sie hinterher so in den Wagen legen kann, dass ich sie gut in die Einkaufstasche im Auto packen kann.  Die größte Hilfe ist in diesem Fall, nicht zu helfen.

Wer helfen will, soll das gerne tun. Ich finde das immer wieder sehr nett. Und es gibt viele Situationen, in denen Hilfe und Unterstützung eine große Erleichterung sind. Ich bin da auch immer sehr dankbar. Dankbar bin ich aber auch immer, wenn ich vorher gefragt werde, ob ich Hilfe brauche oder will.

Fußgänger probieren Rollstuhl aus – ist das der Weg zur Inklusion?

Ich gehe ja ziemlich häufig zu Tagungen, Fachtagen, Arbeitsgruppen, Workshops und anderen Veranstaltungen, bei denen es um Inklusion, Teilhabe und Behinderte geht. Und natürlich begegnen mir ebenso häufig auch alle Klischees, Vorurteile und ganz viel gewollt-und-nicht-gekonnt. Selber sichtbar behindert, werde ich aber nie unmittelbar damit konfrontiert. Es muss sich eben immer noch wahnsinnig viel tun – vor allem in den Köpfen der Menschen.

Behinderte  sind vor allem Menschen mit geistigen Einschränkungen, zumindest wenn man etwas für sie tun muss, damit Inklusion klappt. Diesen Eindruck gewinne ich jedenfalls immer wieder. Die werden dann auch gar nicht erst mit einbezogen, sondern es wird, wie gehabt, für sie und über sie hinweg (vielleicht auch an ihnen vorbei) geplant und gemacht, immer mit der Prämisse, dass sie ja doch nicht verstehen, worum es geht. Aber ich habe auch noch nicht eine Inklusionsveranstaltung in Leichter Sprache erlebt……

Die zweite große Gruppe behinderter Menschen, für die bei diesen Veranstaltungen gedacht und geplant wird, sind Rollstuhlfahrer. Aber ist ja auch klar, immerhin wird Behinderung ja auch mit dem Rollifahrer als Symbol dargestellt….

Natürlich ist der Alltag im Rollstuhl nicht immer ganz einfach, ich kann selber ein Lied davon singen. Probleme bereitet dabei aber weniger der Rollstuhl, mit dem ich ziemlich gut umgehen kann, sondern eher rücksichtslose oder gedankenlose Leute, die trotz Behindertenparkplatz ihr Auto so dicht neben meins stellen, dass ich nicht wieder einsteigen kann. Oder Aufzüge, die nicht funktionieren, oder zugeparkte Bordsteinabsenkungen….

Aber es ist ja so einfach, von Barrierefreiheit zu reden und damit Behindertentoiletten, breite Türen, Fahrstühle und abgesenkte Kantsteine zu meinen. Darum werden bei öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen ja auch immer Leute aufgefordert mal einen Rollstuhl auszuprobieren. Das gibt es in ganz unterschiedlichen Variationen. Eine Möglichkeit ist der Rolli-Parcours. Mit mehr oder weniger schlechten, meist alten und zu großen Rollstühlen der Marke Billig, Leicht (haha) und Falt soll versucht werden, eine mit kleinen Hindernissen versehene Strecke abzufahren. Mir erschließt sich nicht so ganz, welches Ziel damit verfolgt wird. Wer drei Minuten in einem, noch dazu schlechten, nicht passenden, Rollstuhl gesessen hat, und danach auf seinen Füßen weiterspaziert, kann auch nicht ansatzweise verstehen oder nachempfinden, wie der Alltag eines Rollstuhlfahrer aussieht. Die zweite Variante sind Selbsterfahrungstage im Rollstuhl. Meistens ziehen nach einer kurzen Einführung kleine Grüppchen mit einem Rollstuhl los und erkunden in wechselnder Besetzung (des Rollis) die Umgebung und beurteilen ganz „fachmännisch“, wie wenig barrierefrei und rollstuhlfreundlich die Gegend doch ist. Aber auch, wie nett und hilfsbereit die Mitmenschen doch sind. Gewöhnlich ist kein „echter“ Rollstuhlfahrer dabei und vor allem sind es immer Gruppen, die da unterwegs sind, nie einer alleine. Wenn es also wirklich schwierig wird, kann man immer aussteigen oder wird geschoben oder getragen. (Da fällt mir ein bitterer Ausspruch eines älteren Herrn ein, dessen Frau schon seit Jahren einen Rolli benutzt: „Zu jedem Rollstuhlfahrer gehört ein Fußgänger“.)

Rollstuhlfahrer sind so unterschiedlich und vielfältig wie Fußgänger – wenn nicht noch viel unterschiedlicher und vielfältiger. Ebenso auch die körperlichen Gegebenheiten, die den Rolli erforderlich machen, abgesehen von der Vielfalt der Gefährte.

Tatsache ist nur, dass wir hier bei uns über Rollstühle verfügen und dass viele Menschen dadurch am Leben teilnehmen können. Ich persönlich bin sehr froh darüber, weil mein Leben sich sonst in einem viel kleineren Kreis abspielen müsste und ich auch nicht arbeiten könnte.

Anderen Rollifahrern ergeht es ganz anders. Das fängt schon damit an, dass sie nicht mit dem richtigen, also ihren Bedürfnissen entsprechenden, Rollstuhl ausgestattet sind. Oft haben sie neben ihrer körperlichen Erkrankung oder Schädigung auch noch eine seelische (die kommt oft einfach noch dazu). Ihre Lebensverhältnisse sind häufig sehr schwierig, egal ob es um Wohnraum, Partnerschaft und Sexualität, Bildung oder schlicht und einfach die Existenz geht. Viele dieser Probleme liegen auch in der Grundhaltung unserer Gesellschaft begründet: es zählt, wer schön, schlank, jung, fit, sportlich, intelligent, erfolgreich und wohlhabend ist – am besten noch alles zusammen! Das alles gibt es natürlich auch bei Rollstuhlfahrern. Die Zweifel, ob das auch stimmt, sind bei ihnen aber viel größer. Darum strampeln sie sich auch wesentlich mehr ab (beispielsweise im Beruf) als andere.

Aber noch einmal zurück zu den Inklusionveranstaltungen: Was ist mit den vielen anderen Arten von Behinderung, abgesehen von den geistigen Behinderungen und den Rollstuhlfahrern? Was ist mit gehörlosen Menschen oder mit Blinden oder sehgeschädigten? Was ist mit den Menschen, die wegen psychischer Beeinträchtigungen in unserer Gesellschaft immer noch stigmatisiert sind oder zumindest Angst machen? Was ist mit denen, die wegen einer Erkrankung oder Behinderung nur noch im Bett liegen können, oder die beatmet werden müssen? Wie viel Teilhabe will die Gesellschaft ihnen zugestehen? Wie soll das funktionieren, wenn sie bei allen Gesprächen über Inklusion nicht nur immer fehlen, sondern gleich ganz ausgeklammert werden?

Arbeit und Behinderung- kann denn das zusammengehen

Arbeit und Behinderung oderArbeit und Krankheit – kann denn das zusammengehen hier bei uns in Deutschland? Die Frage ist schon ein bisschen polemisch. Aber bei genauer Betrachtung gar nicht so weit hergeholt.

Da sind auf der einen Seite die Arbeitgeber, die sich lieber mit der Ausgleichsabgabe freikaufen, als Menschen mit Behinderung einzustellen. Die Gründe sind vielfältig: 1. die altbekannten Vorurteile, dass Behinderte öfter krank sind und dass man sie wegen des besonderen Kündigungsschutzes nie wieder los wird, 2. es gibt schlicht und einfach keine Bewerber mit Behinderung für eine ausgeschriebene Stelle, 3. die Arbeitgeber sind vielfach gar nicht informiert, welchen Hilfen und Unterstützungen beispielsweise technischer Art es gibt, 4. Berührungsängste und sicher noch eine Menge andere Gründe. Oft wird auch ausgeblendet, dass ca. 60 % der behinderten Arbeitnehmer eine qualifizierte Berufsausbildung haben.

Auf der anderen Seite sind die behinderten Männer und Frauen. Es ist erstaunlich wieviele Menschen eine Rente wegen Erwerbsminderung  erhalten bzw. zum Beispiel wenn sie zur Reha sind, hoffen, dass sie im Anschluss eine Rente bekommen. Manche sind ganz glücklich damit, denn immerhin darf ein voll Erwerbsgeminderter ja immer noch einen Minijob machen ( bei den in diesem Bereich üblichen Stundenlöhnen können das leicht pro Woche 20 Stunden Arbeit sein! Volle Erwerbsminderung liegt vor, wenn einer nicht mindestens drei Stunden täglich arbeiten kann). Im Minijob-Sektor gibt es verhältnismäßig häufig auch noch Arbeit für Menschen mit Behinderung. Dann gibt es die, die die Gesellschaft (oft auch die Arbeitsagenturen) immer noch am liebsten in die Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) abschieben, weil sie für unbrauchbar auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt gehalten werden, als „nicht ausbildungsfähig“ gelten. Als nächstes gibt es die, die sich unermüdlich bewerben, die eine Ausbildung haben oder studiert, die qualifiziert sind, die gerne ihren Fähigkeiten entsprechend arbeiten möchten und vielfach nicht einmal eine Antwort auf ihre Bewerbung erhalten, selten einmal zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden und fast immer eine Absage erhalten.

Zwischen Arbeitgebern und potentiellen behinderten Arbeitnehmern stehen die Arbeitsagentur, Integrationsämter, Integrationsfachdienste und Inklusionsberater. Abgesehen von der Arbeitsagentur, die ja jeder kennt, führen sie ein ziemliches Schattendasein – zumindest hier in Schleswig-Holstein, trotz des „Aktionsbündnisses Schleswig-Holstein“ für inklusive Jobs.  Dazu kommt, dass ein behinderter Arbeitnehmer nach der ersten Kontaktaufnahme mit dem Integrationsfachdienst per E-Mail, dann auch schon mal mitgeteilt bekommt, man könne sehen, was man für ihn tun kann, wenn es denn einen Kostenträger dafür gibt.

Arbeit und Behinderung – ein behinderter Erwachsener, der arbeiten könnte, aber – aus welchem Grund auch immer – nicht arbeitet, kostet  die Gesellschaft eine Menge Geld und leistet keinen Beitrag zum Solidarsystem. Die Frage ist, wie lange der Sozialstaat Deutschland sich das noch leisten kann. Die Bevölkerung überaltert, das heißt, dass es immer mehr alte und immer weniger junge Einwohner in Deutschland gibt. Aber die weniger werdenden jungen Menschen müssen irgendwann das ganze Sozialsystem auf ihren Schultern tragen. Dann wird es Luxus sein, arbeitsfähige und arbeitswillige Menschen aus dem sozialversicherungsplichtigen Arbeitsmarkt auszuschließen oder davon fern zu halten. Genau genommen ist es das heute schon.

Es muss dringend etwas geschehen, vor allem in den Köpfen der Menschen. Behinderung ist nicht gleichzusetzen mit Arbeits- oder Erwerbsunfähigkeit. Behinderung bedeutet nicht, ich bin ja so arm dran, nun soll mich zum Augleich doch die Gesellschaft tragen. Behinderung bedeutet nicht zwangsläufig fehlende Qualifikation oder die Unfähigkeit zu Bildung oder Ausbildung. Letzteres sollten sich vor allem die vielen Integrationsfirmen zu Herzen nehmen, die für Hilfsarbeiterjobs gerne behinderte Menschen einstellen, an den interssanten, anspruchvollen Stellen aber lieber Leute ohne Handicap beschäftigen.

Wichtig ist, dass  nicht immer herausgestellt wird, „der ist ja ein besonders guter Mitarbeiter“, wenn mal ein Arbeitgeber tatsächlich einen Menschen mit Handicap eingestellt hat – da könnte noch der Nachsatz folgen: „der ist uns ja so dankbar!“ Auch behinderte Arbeitnehmer dürfen ihre Schwächen und Fehler haben neben ihrem Handicap. Auch ein behinderter Arbeitnehmer kann ständig unpünktlich sein zum Beispiel und dann hat er den berechtigten Anranzer vom Chef genauso verdient wie jeder andere seiner Kollegen. Behinderte Menschen haben ein Anrecht auf Nachteilsausgleich. Das heißt aber nicht, dass man sie in Watte packen muss und nur mit Samthandschuhen anfassen darf. Sie haben Stärken und Schwächen, sind mehr oder weniger mutig, sind draufgängerisch oder eher schüchtern, mögen Rockmusik oder Schlager, sind eher häuslich oder ständig auf der Rolle, sind Schlitzohren oder ehrliche Schafe….. Mit allen diesen Eigenschaften können sie tolle Mitarbeiter und Kollegen sein, völlig unabhängig von der Behinderung.

Diejenigen, die zwischen den behinderten Arbeitnehmern und den Arbeitgebern vermitteln und sie beraten sollen, müssen mit ihrer Arbeit viel deutlicher in der Öffentlichkeit auftreten. Es kann nicht angehen, dass ein Arbeitgeber zunächst einmal intensiv im Internet recherchieren muss, wenn er sich beraten lassen will, weil er mit dem Gedanken spielt, einen behinderten Mitarbeiter einzustellen. Das ist viel zu aufwändig und umständlich. Die entsprechenden Stellen müssen allgemein bekannt und gut erreichbar sein. Ebenso müssen die entsprechenden Stellen auch für die Menschen mit Handicap ohne Hürden (z.B. erstmal Suche nach einem Kostenträger) erreichbar sein und genutzt werden können.  Schließlich gibt es doch die Ausgleichsabgabe.

Rolli-Einkaufswagen jetzt auch bei Edeka in Wahlstedt

Der Kunde ist König! Und ein aufmerksamer Kaufmann kümmert sich um die Bedürfnisse und Wünsche seiner Kunden. Zehn Jahre nach Eröffnung des Edeka-Marktes Kost in Wahlstedt hat die Inhaberin Anja Kost ihrem Laden ein Facelift verpasst. Das Geschäft sieht gut aus – viel geräumiger und heller. Die Regale sind nicht mehr so hoch, alles wirkt übersichtlicher. Der Durchgang an den Kassen ist breiter. Und das tollste ist, es gibt jetzt auch einen Einkaufswagen für Rollstuhlfahrer! Frau Kost hatte meine Bitte nicht vergessen. Es lohnt sich eben doch, Wünsche und Bedürfnisse einfach mal anzusprechen. Wer keine Behinderung hat, weiß gewöhnlich nicht, was einem Menschen mit Handicap das Leben erleichtern kann.

Ebenfalls freuen werden sich Eltern mit Baby, weil es jetzt auch einen Einkaufswagen mit Platz für die Babyschale aus dem Auto gibt.

Händler sollten sich im Klaren darüber sein, dass die Menge des Einkaufes und die Häufigkeit des Besuches in ihrem Geschäft maßgeblich davon abhängt, wie bequem der Einkauf dort möglich ist. Ein Supermarkt, in dem ich nur mit meinem Korb auf dem Schoß einkaufen kann, bedeutet für mich als Familenfrau mit zwei Kindern und Haustieren ein echtes Problem. Wenn ich hingegen beim Angebot für Katzenfutter kräftig zugreifen kann und außerdem noch mein Gemüse und meine Milch, Waschpulver und anderes mitnehmen kann, weil ich einen geeigneten Einkaufswagen vorfinde, überlege ich mir beim nächsten Einkauf schon, wo ich hinfahre. Und das wird bestimmt nicht der Laden sein, in dem ich nur mit meinem Korb einkaufen kann!