Doch nur eine leere Worthülse…

„Menschen mit Schwerbehinderung werden bei gleicher Qualifikation bevorzugt eingestellt “ – Hurra! Dann finde ich bestimmt ganz schnell Arbeit. Qualifiziert bin ich ja, außerdem auch up to date in Bezug auf Fort- und Weiterbildung.

Bevorzugt – wenn da nicht einer besser qualifiziert ist als ich, habe ich die Stelle. Toll! Wie gesagt, die Qualifikation ist ganz passabel, Erfahrung bringe ich auch mit. Zudem sollte man bei mir auch nicht mehr damit rechnen, dass ich noch mal schwanger werden will. Eltern, die mal pflegebedürftig werden könnten, habe ich nicht mehr. Die sind schon vor vielen Jahren verstorben. Alles eine Menge Pluspunkte!

Also ein kurzer Anruf beim potentiellen Arbeitgeber, um noch eine letzte kleine Frage abzuklären: Ich interessiere mich für die ausgeschriebene Stelle. Wie barrierefrei ist es denn bei Ihnen? Ich bin nämlich Rollstuhlfahrerin. – Schlucken und kurzes Herumdrucksen am anderen Ende der Leitung.  Nun ja, so wirklich barrierefrei ist das bei uns nicht….

Was für Leute mit Schwerbehinderung stellen die sich denn vor, die sie bevorzugt einstellen wollen? Nicht vorhandene Barrierefreiheit macht den Satz in der Stellenausschreibung doch zu einer Phrase ohne was dahinter, zu einer leeren Worthülse!

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Klauen Rollstuhlfahrer Einkaufswagen?

Einkaufswagen für Rollstuhlfahrer sind beliebte Diebesbeute. – Zu diesem Schluss muss man jedenfalls kommen, wenn man bei IKEA in Lübeck so einen Einkaufswagen benutzen möchte.

Zunächst einmal vorweg: Es ist super, dass IKEA Lübeck seinerzeit sehr schnell reagiert hatte auf die Anregung, Einkaufswagen für Rollstuhlfahrer anzubieten. Das ist sehr zu loben, zumal es für IKEA-Häuser nicht selbstverständlich ist, diesen Service im Sinne der Inklusion und zum Wohle der Kunden vorzuhalten. IKEA in Hamburg Schnelsen beispielsweise reagiert nicht einmal auf E-Mails mit dieser Anregung…

So nun zu dem eigentlichen Problem: Wer bei IKEA Lübeck einen Rolli-Einkaufswagen benutzen will, muss erstmal einen Mitarbeiter mit Schlüssel suchen oder herantelefonieren lassen, damit der Wagen losgekettet werden kann. Das ist je nach Tageszeit und Wochentag unterschiedlich aufwendig. Wenn es nicht zu voll ist, kann man sich an die Mitarbeiter an der Kinderbetreuung wenden. Unter der Woche morgens geht das aber nicht, weil die Kinderbetreung da nicht geöffnet hat. Dann muss man jemanden vom Kassenpersonal ansprechen, der dann jemanden anruft. Der kommt dann mit dem Schlüssel. Kunden ohne Behinderung haben schon ihren Bummel durchs Möbelhaus begonnen – sie nehmen sich bei Bedarf eine der großen Einkaufstaschen oder später einen von den Einkaufswagen, die in langen Schlangen am Eingang der „Markthalle“ stehen, ohne Kette und Schloss(!).

Ok, der Schließer ist also da. Bevor der Wagen losgekettet wird, ist nun aber noch ein Leihvertrag auszufüllen und zu unterschreiben. Damit aber nicht genug: IKEA Lübeck misstraut seinen Kunden so sehr, dass die Angaben im Leihvertrag auch noch mit dem Personalausweis abgeglichen werden! Die Daten in diesem Leihvertrag werden sogar noch ein halbes Jahr gespeichert!  Genau SO habe ich es gestern erlebt. Ich habe auf den Einkauf bei IKEA verzichtet. Eigentlich wollte ich ein bisschen durchbummeln – neben Kleiderbügeln, Servietten, Kerzen, Blumentöpfen und Gläsern wäre sicher doch der ein oder andere Schnickschnack noch mit im Wagen gelandet…

Aber es ist ja nicht immer so mit den Rolli-Einkaufswagen bei IKEA Lübeck : manchmal wird der Wagen nur losgekettet und man muss nichts unterschreiben oder der Mitarbeiter trägt den Namen in den Leihvertrag ein und man unterschreibt. Keine Ahnung, wonach sich das richtet. Die IKEA-Mitarbeiterin gestern hat jedenfalls gesagt, dass es so läuft, dass der Leihvertrag ausgefüllt und mit dem Personalausweis abgeglichen wird: „Das machen wir immer so, seit wir die Wagen haben!“ Begründung: „Die sind ja auch sehr, sehr teuer, diese Einkaufswagen“.

Nach dem Einkauf mit dem Rolli-Einkaufswagen muss man leider auch bei strömenden Regen den Wagen wieder reinbringen. Da man ja einen Vertrag unterschrieben hat,macht man sich jetzt wieder auf die Suche nach einem Mitarbeiter, der einem den Wagen wieder abnimmt und sich darum kümmert, dass man seine zweite Unterschrift unter den Vertrag setzen kann, mit der man die Rückgabe quittiert.Insgesamt muss man so als Rollstuhlfahrer etwa eine Viertelstunde mehr einplanen als andere Kunden, wenn man den speziellen Einkaufswagen benutzen möchte.

Ich habe inzwischen ja einige Erfahrung mit dem Einkaufen als Rollifahrerin, ganz viel in Geschäften, die auch solche Einkaufswagen haben. Außer bei IKEA stellt man sich aber nirgends so an. Edeka, Rewe, Netto, Budni und Famila haben ihre „sehr, sehr teuren“ Rolli-Einkaufswagen frei zugänglich im Eingangsbereich stehen. Da ist nichts angekettet. Lidl hat seine draußen auf dem Parkplatz im Unterstand neben den anderen Einkaufswagen. Hier benötigt man eine Pfandmünze. Es ist noch nicht einer von den Wagen weggekommen oder beschädigt worden. Alle diese Wagen dürften genau so teuer in der Anschaffung gewesen sein, wie die von IKEA Lübeck. Sie sind alle von der Firma Wanzl. Der von Lidl ist vermutlich noch ein ganzes Stück teurer, weil er größer ist als das Standardmodell in den anderen Geschäften. Ebenso könnten auch die Wagen von Famila in Neumünster etwas mehr gekostet haben, sie sind etwas schicker in braun gehalten und nicht im üblichen Zink.

Bei allen Geschäften würde man mir auch helfen, meine Ware zum Auto zu bringen, wenn ich mal sehr viel mehr habe, als in den Wagen passt oder etwas Sperriges. Diesen Service bietet IKEA übrigens generell nicht an. Aus Versicherungsgründen dürfen die Mitarbeiter nichts mit rausbringen und mit auf den Parkplatz gehen….

Rollifahrer und psychisch krank? Dumm gelaufen….!

Kliniken, Begegnungsstätten, Pflegeeinrichtungen, Gesundheitsämter, Arztpraxen etc. sind da für kranke Menschen. Behinderung wird ja oft auch mit Krankheit gleichgesetzt. Da ist der Schluss ja naheliegend, dass hier in Sachen Barrierefreiheit und Inklusion alles schon besonders weit fortgeschritten sein müsste. Das ist aber ein gewaltiger Trugschluss! Inklusion ist im Gesundheitswesen noch ein Fremdwort! Barrierefreiheit ist nur rudimentär vorhanden, vor allem in den Köpfen der Verantwortlichen.

Rollifahrer mit behandlungsbedürftiger Depression

Nehmen wir mal einen Rollstuhlfahrer, der in eine schwere depressive Episode rutscht – das ist eine Erkrankung, die in jedem Falle behandlungsbedürftig ist. Dies ist oft verbunden mit einem stationären oder teilstationären Klinikaufenthalt. Laut der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN ) liegt die Wahrscheinlichkeit, wenigstens einmal im Leben eine schwere behandlungsbedürftige Depression zu entwickeln bei 16 bis 20 %. Für den Rollstuhlfahrer kann es nun ziemlich schwierig werden. Vor allem in älteren Krankenhäusern mit psychiatrischer Station sind die Patientenzimmer klein und sehr eng bemessen, vielmehr als die drei bis sechs Betten nebst Nachtschränken, Tisch und Stuhl passen da nicht rein. Mit Glück sind zumindest die sanitären Einrichtungen einigermaßen groß. Das bedeutet aber nicht, dass auf der Toilette ein Umsetzen aus dem Rollstuhl von beiden Seiten möglich ist (letzteres wird übrigens auch in Neubauten standhaft nicht berücksichtigt!). Platz, den Rollstuhl in erreichbarer Nähe des Bettes abzustellen ist schon gar nicht…. Das nächste Problem ist die Personalausstattung: Ein Rollifahrer, der zusätzlich zu seiner Erkrankung durch die räumlichen Gegebenheiten in der gewohnten Selbständigkeit eingeschränkt ist, macht mehr Arbeit. Ganz zu schweigen davon, welchen Einfluss das auf den weiteren Verlauf der Depression hat. Viele Kliniken stoßen bei einem Rollifahrer dann auch im therapeutischen Bereich auf Grenzen, vor allem Ergotherapieräume befinden sich oft im Keller oder Dachgeschoss, leider nicht über einen Aufzug zu erreichen……

In Tageskliniken und Begegnungsstätten für Menschen mit psychosomatischen oder psychiatrischen Krankheiten sieht es meistens nicht besser aus. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass die Leute, die die Sozialpsychiatrie in den vergangenen Jahrzehnten vorrangetrieben haben, eine Schwäche für hübsche alte Häuser haben…. Leider sind diese nicht immer praktisch, vor allem, wenn sie auch noch denkmalgeschützt sind. Wenn unser Rollifahrer nicht schon depressiv wäre, würde er es vermutlich bei dem Gedanken an die Behandlungsmöglichkeiten werden…

Persönlichkeitsstörung und Chirurgie oder Innere Medizin

Menschen mit einer psychischen Behinderung oder Erkrankung haben es in unserem Gesundheitswesen besonders schwer. Ich denke da gerade an ein Gespräch mit der Filmemacherin Andrea Rothenburg (Psychiatriefilme, Internetseite zu den Filmen von Andrea Rothenburg) – sie meinte Anti-Stigma-Arbeit zu psychische Erkrankungen müsse man bei denen anfangen, die mit den Kranken zu tun haben (auch und gerade in der Psychiatrie). Tatsächlich gibt es unter denen, die es eigentlich von Berufs wegen besser wissen sollten, viele, die die gleichen Vorurteile haben wie jeder andere, der nichts oder wenig über psychisch Kranke weiß. Mediziner aus anderen Disziplinen verhalten sich gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen oft abweisend oder diskriminierend. Das können vor allem Patienten mit Persönlichkeitsstörungen vom Borderlinetyp oft leidvoll bestätigen. Diese Patienten fügen sich aufgrund ihrer Krankheit häufig selber Verletzungen zu, mitunter so schlimm, dass sie chirurgisch oder internistisch behandelt werden müssen. Besonders grausam fand ich die Schilderung einer Frau mit einer Verletzung, die genäht werden musste. Der Arzt meinte, dass er bei ihr ja auf die Betäubung verzichten könne, was er dann auch tat (!). Auf einer internistischen Station wurde ein Patient schlicht als „bekloppt“ abgestempelt. Denn es kann ja gar nicht anders sein, wenn man sich selber Schaden zufügt.

Menschen mit geistiger Behinderung im Krankenhaus

Erwachsene Menschen mit einer geistigen Behinderung leben in unserer bisher wenig inklusiven Gesellschaft meistens in Wohneinrichtungen speziell für sie oder werden von ihren Eltern versorgt und behütet.Gewohnte Personen und ein klar geregelter Tagesablauf geben hier halt. Etliche brauchen auch genau das. Steht nun aber ein Krankenhausaufenthalt an, bricht quasi eine Welt zusammen. Nicht immer ist es möglich, dass eine vertraute Person den Krankenhausaufenthalt begleitet. Das ist schwierig, schrecklich und anstrengend für alle Beteiligten. Der behinderte Mensch versteht die Situation oder das, was da passieren soll oft nicht und hat Angst. Pflegepersonal, Ärzten und Therapeuten fehlt die Zeit, auf den Patienten seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten entsprechend einzugehen. Es gibt kaum Informationen in Leichter Sprache und da , wo es sie gibt, wissen Mediziner häufig nichts davon. „Wichtige Gespräche“ werden mit dem Betreuer oder Eltern geführt, oft im Beisein des Patienten, aber ohne ihn einzubeziehen oder so zu reden, dass er folgen kann.

Hörgeschädigte und Sehgeschädigte Patienten sind ziemlich aufgeschmissen, ohne eigene Assistenz

Ab und zu investieren Staat und Klinkbetreiber ja in vorhandene oder neue Gebäude. Dabei scheint es aber nicht so sehr darum zu gehen, dass das was entsteht auch zum Nutzen der Patienten ist… Ich denke da beispielsweise an die farbliche Gestaltung in Kliniken. Kräftige Kontraste können hilfreich bei der Orientierung sein, ebenso wie Unterschiede in der Farbgestaltung verschiedener Stockwerke und Stationen. Ich war noch in keinem Klinikgebäude, das über Wegweiser für Blinde oder Sehgeschädigte verfügte. Aber vielleicht gibt es das ja irgendwo(?). Gebährdendolmetscher gibt es ebenfalls nicht in Kliniken, geschweige denn anderen Einrichtungen für Kranke. Dazu kommt dann noch die Unsicherheit des medizinischen Personals, verbunden mit zahlreichen Vorurteilen.

 

Der Anlass zu diesem Artikel war meine Suche nach einer neuen Arbeitsstelle als rollifahrende Ergotherapeutin während der letzten Monate. Zuletzt habe ich in der Psychiatrie gearbeitet, leider mit einer befristetene Stelle. Und Psychiatrie sollte es jetzt auch gerne wieder sein. Dabei ist mir sehr deutlich vor Augen geführt worden, wie viele Einrichtungen für psychisch kranke Menschen im südlichen Schleswig-Holstein und im Norden Hamburgs nicht für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen geeignet sind. Dabei handelte es sich um Tages- und Begegnungsstätten von unterschiedlichen Trägern, Reha-Einrichtungen, Tageskliniken, Kliniken und Wohneinrichtungen. Ich hatte im Gespräch nie den Eindruck, dass sich bei besagten Einrichtungen in absehbarer Zeit irgendetwas daran ändern wird (soll). Dabei ist Inklusion dort durchaus ein bekanntes Schlagwort, zum Teil sogar Bestandteil des Leitbildes…..

Glück braucht nur Winzigkeiten

Auf Facebook macht gerade ein Video die Runde  Video „Be grateful for what you have“. Es ist ganz nett gemacht, dazu klar und einfach. Die beabsichtigte Botschaft steht schon im Titel des Videos „Be grateful for what you have“ – “ Sei dankbar für das, was du hast“. Eigentlich ja eine sehr schöne Botschaft oder Aufforderung.Viel zu selten machen wir uns Gedanken über das, was wir haben, dafür umso mehr darüber, was wir alles nicht haben, aber andere. Schade finde ich in dem Video, dass am Ende nach meinem Empfinden auf die Tränendrüse gedrückt und gleichzeitig der mahnende Zeigefinger erhoben wird: Guckt Euch den Rollstuhlfahrer an, der wäre schon froh, wenn er laufen könnte und ihr wollt immer mehr – ein Fahrrad, ein größeres Auto und am Ende sogar einen Helikopter. Tatsache ist doch aber, dass der Rollstuhlfahrer erstens sicher auch viele andere Wünsche hat als laufen zu können und zweitens eine Menge Möglichkeiten hat, angefangen damit, dass er überhaupt einen Rollstuhl besitzt! Er könnte Handbike fahren, kann Busse und Bahnen nutzen und auch Auto fahren. Das ist alles möglich. Selber Rollifahrerin, spreche ich aus Erfahrung. Soviel zu dem, was mich an dem Video stört und auch ärgert.

Gerade habe ich auf Facebook eine neue, eine tolle Version des Videos entdeckt: aktualisiertes Video

Nichts desto trotz, „Sei dankbar für das, was Du hast!“ Ich würde es aber etwas anders formulieren: „Mach Dir immer wieder mal bewusst, was Du alles hast und freue Dich daran!“ Wünsche, Träume, Ziele, Perspektiven,Visionen und auch Utopien gehören aber auch zum Leben dazu. Sie spornen an, geben dem Leben einen Sinn und machen zufrieden. Insofern ist es ok, wenn ich auch mal nach dem tollen großen Auto neben mir an der Ampel gucke. Auch den Helikopter finde ich ganz spannend, obwohl ich eher noch einmal Drachen fliegen möchte, als in einem Hubschrauber zu fliegen.

Ich möchte behaupten, dass ich ziemlich glücklich bin. Es gibt viel, was ich nicht habe, unter anderem kann ich keinen Marathon laufen… Aber ich habe auch sehr viel! Ganz wichtig finde ich hier auch Erinnerungen. Dabei geht es nicht um die großen, umwerfenden und weltbewegenden Dinge oder Ereignisse. Auch bin ich nicht die Nostalgikerin, die in der guten alten Zeit schwelgt. Aber ich gehöre zu den glücklichen Menschen, deren Gehirn mit vielen blumigen Assoziationen und Verbindungen zu Erlebtem arbeitet.

Im Wahrsten Sinne blumig ist, was jedes Frühjahr wieder durch meinen Kopf und als wohliges Gefühl durch meinen Körper geht, wenn ich die ersten Schneeglöckchen sehe.

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Schneeglöckchen können nämlich bimmeln. Ich habe es als kleines Mädchen selbst gehört. Ich hatte meinen Vater gefragt, ob diese niedlichen,  zarten, weißen Glöckchen auch läuten können. Abends stand ein kleines Schneeglöckchen in einem Schnapsglas mit Wasser auf dem Bücherregal im Wohnzimmerschrank. Es war nicht sehr hell im Zimmer. Ich glaube, dass nur die Stehlampe in der Ecke brannte. Wir standen vor dem Schneeglöckchen und mein Vater sagte, dass ich ganz leise sein müsse und horchen. Es war ganz still. Da waren nur mein Papa, das Schneeglöckchen und ich. Ganz sanft stupste er das kleine Glöcklein an und es zitterte sanft. Durch die Stille diese verzauberten Augenblickes hörte ich ein ganz zartes Klingeln.

Ganz häufig kommt es vor, und manchmal finde ich es auch ein bisschen nervig, dass mein Gehirn mich mit der Assoziation zu einem Lied beehrt. Meistens ist das ganz nett oder witzig. Ich liebe Musik und auch die Vielfalt unterschiedlicher Stile. Ich habe diesbezüglich unheimlich viel in meinem Oberstübchen archiviert. Gnadenlos kommt „Butterfly“ (Butterfly my Butterfly) aus den Hirnwindungen angeflattert, wenn ich beim Stadtbummel einen Schmetterling auf einem T-Shirt sehe und gehe ich an einem Reisebüro vorbei, dass für Reisen mit Condor wirbt, höre ich schon die die Panflöte von „El Condor pasa“ (El Condor pasa) in meinem Kopf spielen, wenn ich hinter dem Weißwurstäquator gewesen bin und in Hamburg die ersten Schiffe sehe, ist unweigerlich „Rolling home“ (Rolling Home Status Quo oder das andere Rolling Home) in meinem Kopf und wenn auf dem Titelblatt der Tageszeitung ein Foto von einem Wolf ist, komme ich nicht an „Of Wolf and Men“ (Of Wolf and Man) von Metallica vorbei. Täglich aufs neue habe ich einen Ohrwurm, wenn ich in die Küche komme. Da hängt nämlich das scherzhafte Piratendiplom meines Sohnes am Kühlschrank: „Wir sind Piraten, Piraten, Piraten mit ’nem Schiff, Piraten mit ’ner Hakenhand und Narben im Gesicht…“ (Piraten 257ers). Mit vielen Liedern verbinde ich natürlich auch noch anderes und es kommt vor, dass eine Assoziationskette einsetzt oder einfach nur nette Erinnerungen da sind. Butterfly war eins meiner allerersten Lieblingslieder und ich sehe mich selber im roten Häkelkleidchen mit Zöpfen durch den Garten hüpfen und das Lied singen. Schööööön! Bei El Condor Pasa muss ich immer etwas grinsen, weil sofort der Gedanke an die Panflöte spielenden Indios kommt, die eine Zeitlang erst modern und beliebt und schließlich zu einer aufdringlichen Belästigung in den Fußgängerzonen der Großstädte geworden waren. So tickt mein Gehirn eben. Die 257er werden vermutlich Haue kriegen, wenn sie mir mal begegnen. Ihre Piraten haben schon Stunden lang als Ohrwurm in meinem Kopf gefeiert und Rum getrunken.

Ein schlichtes altes Fahrrad mit einem Drahtkorb auf dem Gepäckträger hat mich heute an Nachmittage im Schrebergarten denken lassen. Der Drahtkorb dient zum Transport von Kanickelfutter, Löwenzahn und andere Kräuter, auf dem Weg zum Garten am Knick gepflückt. Dazu ein blauer Himmel mit Schäfchenwolken. Schön finde ich das. Es ist ein bisschen wie Lesen, wenn man solche Gedanken geschenkt bekommt, Gedanken, die ja auch jede Menge schöner Gefühle entstehen lassen und dadurch glücklich machen.

Ein wichtiges Stück zu Hause und viele Gedanken und Gefühle, die damit verbunden sind, ist für mich beispielsweise:

Die Küchenschublade

Ich finde so eine Schublade gehört in jede Küche. Eben so eine Schublade, in die man so ziemlich alles reinlegen kann und in der man auch so ziemlich alles findet. Bei uns war es damals die Schublade vom Küchentisch. Küchenschubladen sind die reinsten Wunderdinger, zum einen, weil man sich immer wieder wundert, was sich da so anfindet. Außerdem ist es auch ein Wunder, wie viel in so eine Küchenschublade hineinpasst. Offenbar gibt es da eine Raumkrümmung. In Küchenschubladen findet man immer Tempotücher. Es gibt also keine Ausrede, wenn man als Kind mal wieder mit einer Rotznase rumläuft oder den Pulloverärmel zum Nase putzen nimmt. Schnürsenkel, aber immer nur einzelne, Luftballons, Tesafilm, eine Schere, das Taschenmesser zum Pilze sammeln, ein Bleistift, wichtige Zettel, ein sandiges Spielzeugauto, so ein Deckel, mit dem man Flaschen wieder verschließen kann, aber nur wenn man es kann, Flaschenöffner, ein Korken und ein Korken mit einer Rasierklinge drin, das Ding, um die beiden Hälften von den Doppelfenstern aufzumachen, ein paar Pfennige, Tischtennisbälle, das Verschlussteil vom Latzhosenträger, Batterien, viele kleine Dinge, die man bestimmt noch mal irgendwann braucht und eben Mamas Portemonnaie. Das alles liegt auf einer Lage geblümtem Schrankpapier und verschwindet unter der Tischplatte mit dem feinen grauen Karo auf weißem Grund. Ganz zentral und für jeden in der Familie zugänglich, die Küchenschublade. „Guck mal in der Küchenschublade!“ oder „Tu das man in Küchenschublade“ Das ist so herrlich vertraut. Ich hoffe Du hast auch eine Küchenschublade. Eine Küchenschublade ist ein bedeutendes Stück Zuhause, Vertrautheit und Familie. In die Küchenschublade kommt auch das Geld, das man für den Schulausflug braucht, wenn Mama morgens nicht da ist, um es einem zu geben. Später bei älteren Kindern kommt da auch das Geld rein, wenn die Kinder mal zwei, drei Tage alleine bleiben. Eine Küchenschublade ist unentbehrlich. (Das ist übrigens die Küchenschublade aus meiner Kinderzeit; die Beschreibung ist Teil eines anderen längeren Textes).

Solche Dinge sind wie Rituale. Sie geben Halt, lassen nachdenken, sich erinnern und auch vergessen – Schublade auf und rein mit dir, Schublade zu und weg bist du. Das kann zum Beispiel einer der „wichtigen“ Zettel sein.  Für mich ist die Schublade nicht nur der Chaoshaufen, den man mal besser und mal schwieriger wieder zuschieben kann. Sie ist für mich auch ganz viel Erinnerung, Denken an heute, planen für Morgen und Verbindung mit der Familie und den Menschen, die ich liebe, denen die mich umgeben und denen die nicht (nie mehr) da sind.

Wahrnehmung, Gefühle, Bewusstsein, Gedanken, Assoziationen für mich sind das Mosaiksteine im Glücklich-Sein.

….und wie ist das als Rollstuhlfahrer in China?

Ich bin hier in Tianjin. Diese Stadt war neben Peking einer der Austragungsorte der Olympiade und der Paralympics 2008. Barrierefreiheit gibt es hier aber so gut wie überhaupt nicht. Rollstuhlfahrer gibt es im Straßenbild aber auch so gut wie überhaupt nicht. Wenn man mal einen Menschen im Rollstuhl sieht, ist es meistens ein Senior, der von den angehörigen in einem eher klapperig wirkenden Teil durch die Gegend geschoben wird. Auch sonst sind mir hier praktisch keine Menschen mit einer Behinderung aufgefallen. Ob die nicht nach draußen kommen? Ich werde teilweise auch angesehen, wie von einem anderen Stern.

Die Gehwege haben überwiegend sehr hohe Bordsteine, Absenkungen gibt es leider nur wenige. Darum gucke ich immer, ob ich möglicherweise bald die Straßenseite wechseln will oder muss. Wenn keine Absenkung in Sicht ist, bleibe ich gleich auf der Straße. Das ist hier zum Glück aber nicht so ungewöhnlich, weil erstens die Straßenränder immer in zwei bis drei Reihen zugeparkt sind und zweitens zwischen den Rad-, E-Bike- und Roller-Fahrern immer viele Fußgänger rumlaufen.

Schwierig ist es hingegen mit den vielen Stufen und Treppen. Rampen gibt es nämlich nur sehr wenig. Vor dem Eingang der meisten Geschäfte, auch in der Fußgängerzone, gibt es eine bis zwei Stufen zu überwinden. Das nervt ziemlich. Ich denke, dass China mit einer Bevölkerung, die ja auch nicht jünger wird, sich in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren darüber auch Gedanken machen muss…

Ein weiteres Problem sind recht enge Absperrbügel. Die sollen wohl dazu dienen, die allgegenwärtigen Zweiräder abzuhalten. Mit dem Rolli hat man leider auch keine Chance da durch zu kommen.

Öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, ist auch nicht so ganz einfach. Zum einen gibt es nicht immer Aufzüge zu den U-Bahnen. Bei den vorhandenen ist nicht immer ganz sicher, dass sie auch in Betrieb sind. Das nächste Problem sind dann die Durchgänge, an denen die Fahrkarte kontrolliert wird. Wenn kein Personal da steht, kommt man nicht durch, weil der breite Durchgang extra geöffnet werden muss. Toll ist es allerdings, wenn man dann auf dem Bahnsteig ist. Die U-Bahn-Züge lassen sich nämlich stufenlos und lediglich mit einem schmalen Spalt problemlos mit dem Rollstuhl befahren! Das wünsche ich mir auch in Europa!

Bus zu fahren, habe ich bisher gar nicht erst ausprobiert. Die Busse, die ich vorbeifahren gesehen habe, hatten alle keinen Rollstuhl geeigneten Einstieg. Das heißt, dass es nicht nur keine Rampe gab, sondern, dass es außerdem auch noch eine Stufe an der Hintertür gibt. So wie bei den Bussen bei uns in den 70er und 80er Jahren noch.

Ein absolut übliches Nahverkehrsmittel hier ist das Taxi. Es ist zumindest für unsere Begriffe sehr billig. Bis zu drei Kilometern zahlt man 8 Yuan, das sind umgerechnet ca. 1,20 Euro. Danach kostet jeder weitere Kilometer 1,70 Yuan. Einige Taxifahrer, können sich nicht vorstellen, dass sie meinen Rolli mitkriegen. Die winken ab und fahren einfach weiter. Aber die meisten sind einfach nur erstaunt, wie leicht sich die Räder abmontieren lassen und sich der Rest mit umgeklappter Rückenlehne einfach auf dem Rücksitz verstauen lässt.

Leider befinden sich unter den Taxifahrern aber die größten Gauner und Schlitzohren, die ich hier bisher getroffen habe: Grundsätzlich muss man immer drauf achten, dass das Taxameter auch wirklich auf NULL gestellt wird. Trotzdem wird dann noch versucht zu tricksen bzw. es wird auch getrickst! Ein Taxifahrer wollte mir schon beim Einsteigen weiß machen, dass ich für einen bestimmten Weg 20 Yuan bezahlen muss. Darauf hin habe ich meinen Stadtplan gezückt und ihm gezeigt, dass ich sehr wohl weiß, wo ich mich befinde und wo mein Ziel ist – zwischen 10 und 15 Yuan sollte das Maximum liegen. In einem anderen Taxi habe ich auf dem Beifahrersitz sitzend, sehr genau das Taxameter beobachtet – bereits bei  4,7 und später bei 5,4 Kilometern sprang die Preisangabe um. Den Vogel abgeschossen haben dann die Taxifahrer am Water Park, einer wunderschönen Grünanlage und Naherholungsgebiet. Auf dem Hinweg haben wir für das Taxi 15 Yuan bezahlt. Als wir zurück fahren wollten, sollten wir 50 (!) Yuan bezahlen. Dazu waren wir aber nicht bereit. Leider hatten sich die Taxifahrer dort mehr oder weniger untereinander verständigt. Aber meine Erfahrung aus Afrika vor 25 Jahren hat mich gelehrt, dass man nur ein paar Ecken weiter zu gehen braucht, weg von der bei Touristen beliebten Stelle. Da findet man dann auch wieder vernünftige Taxifahrer, die nicht denken, dass Touristen nur zum beschei… und ausnehmen da sind. Bei dem Taxi, in das wir dann eingestiegen sind hatte ich sofort ein gutes Gefühl. Das lag auch an dem kleinen Buddha, der da am Rückspiegel hing. Dem Fahrer war es am Schluss sichtlich peinlich, dass er wegen des Weges nicht 100 % sicher war. Er schien mir sehr erleichtert, dass wir schon kurz vor dem Ziel aussteigen wollten und er sich nicht durch die Einbahnstraßen suchen musste.

Um es klar zu stellen, es geht mir hier nicht um 20 Cent oder einen Euro. Aus Afrika weiß ich aber, dass sich an dem Verhalten der Taxifahrer nichts ändern wird, wenn es ihnen immer wieder gelingt, die Leute über den Tisch zu ziehen. Wenn alles korrekt gelaufen ist, bin ich gerne großzügig mit Trinkgeld.

Heute ist Schietwetter, ich schreibe noch ein bisschen…

Tianjin ist eine riesige Stadt, ein bisschen wie ein Ameisenhaufen, zumindest wenn man den Straßenverkehr betrachtet. Es gibt eine Menge riesiger Wolkenkratzer und dazwischen wieder niedrigere Gebäude. Gleich unterhalb unseres Hotels befindet sich ein kleines Wohnviertel, mit winzigen Restaurants und kleinen Verkaufsständen, an denen es beispielweise frittierte Fleischspieße gibt. Die Gässchen sind eng und die Häuser klein. Alles wirkt ein bisschen düster. Aber hier wohnen die Chinesen.IMG_2247

Dann wieder gibt es eine riesige Fußgängerzone mit so ziemlich allen Bekleidungsladenketten und andern Läden, wie wir sie auch aus Europa kennen. Alles ist ziemlich groß und bunt, vor allem Werbetafeln. Von denen gibt es auch so gigantische, die leuchten und blinken und ihre Anzeige wechseln. Mir ist noch nicht so ganz klar, ob und wie sich die Chinesen es leisten können, in den Läden in der Fußgängerzone einzukaufen. Es gibt nämlich in den Vierteln abseits der großen Geschäftsstraßen auch unzählige kleine Läden, die ein bisschen an die türkischen Gemischtwarenläden bei uns in Deutschland denken lassen. Aber bisher konnte ich noch keinen Markt ausfindig machen, wo es Obst und Gemüse gibt.

Die U-Bahn, wenn ich den Plan richtig deute, sind es nur vier Linien, habe ich bisher noch nicht benutzt. An der Station gleich gegenüber von unserem Hotel funktioniert nämlich der Aufzug nicht. Außerdem weiß ich auch nicht, ob an einem möglichen Zielbahnhof überhaupt ein Aufzug wäre. Da nehme ich lieber ein Taxi. Taxi fahren ist für uns Europäer ziemlich billig. Eine Strecke bis zu drei Kilometer kostet gerade einmal acht Yuan, das ist umgerechnet rund 1, 20 Euro. Jeder Kilometer mehr kostet 1,70 Yuan. Das sind etwa 20 Cent.

Einen Tag sind mein Mann und ich am Fluss,IMG_2280 dem Hayhe, entlang in die Stadt gegangen. An einer Brücke wäre der Weg eigentlich über eine Treppe weitergegangen. Mit etwas runterbeugen, konnte ich im Rolli aber auch unter der Brücke durchfahren. Mein Mann musste sich da schon ein bisschen mehr ducken. In der Mitte war es dann etwas höher. Von unten war die Brücke komplett verkleidet. Aber an einigen Stellen fehlten ein paar von den Verkleidungsplatten und man konnte in das Innere gucken. Mein Mann meinte: „Ich guIMG_2279cke mir ja gerne mal so eine Brückenkonstruktion an“. Also inspizierte er ausgiebig die Verkleidungslücken. An dem einen Loch wollte ich gerade eher scherzhaft fragen: „Guckst du immer in anderer Leute Schlafzimmer?“ Ich hatte dort nämlich eine Decke liegen sehen. In dem Moment blickte unter der Decke ein verschlafenes Gesicht hervor. Ich war ziemlich überrascht. Immerhin ist China doch ein kommunistischer Staat. Da dürfte es doch eigentlich nicht solche Armut geben, dass jemand unter der Brücke leben muss – oder?

Aber so ganz verstehe ich das System sowieso nicht. Gerade hier im Hotel habe ich das Gefühl, dass es ganz krasse Hierarchien gibt. Volksrepublik stelle ich mir irgendwie anders vor.  Auch mit weniger Unterschieden zwischen arm und reich.  Wie passen da dieses Hochglanz-China auf der einen Seite und die niedrigen dunklen Gässchen mit kleinen Häusern auf der andern Seite dazu? Wie ich im vorigen Blog-Beitrag schon geschrieben habe, sind die Autos, die hier herumfahren alle ziemlich neu und modern. Andererseits gibt es aber auch unzählige Taxis,  die auch ständig unterwegs und meistens besetzt sind.  Ebenso werden die U-Bahn und die Busse reichlich genutzt, naja und dann eben die vielen, vielen E-Räder und –Roller. Es gibt diese Fahrzeuge auch als Dreiräder mit einer kleinen Ladefläche, die oft auch bis an die Grenzen aller Naturgesetze ausgenutzt wird. Wer sind die Leute mit den neuen modernen Autos? Und wer muss eben doch Bus, U-Bahn, Taxi oder E-Bike fahren?IMG_2345

Wer bestimmt, wer oben ist und wer unten? Was passiert da alles irgendwo hinter den Kulissen. Für uns sieht es so aus, als würden die Leute alle ein ganz normales Leben führen, als gäbe es keine Einschränkungen. Und dann schalte ich den Computer an und kann weder Google, noch Facebook oder Twitter nutzen. Auch andere Web-Sites sind einfach gesperrt und öffnen sich nicht.

Vor ein paar Tagen stand ich abends am Fenster unseres Hotels und dachte an die Menschen, die wegen unterschiedlicher Delikte, auch politischer, eingesperrt oder hingerichtet werden. Ich habe mich gefragt, ob es auch hier in Tianjin eine Hinrichtungsstätte gibt. Ist mir hier auf der Straße vielleicht schon jemand begegnet, der einen Erschießungsbefehl ausgeführt hat?  Ich weiß es nicht. Wie gerne würde ich mal wieder die Welt retten! Aber ich bin hier nur zu Gast in diesem Land. Ich könnte doch nichts ändern. Das müssten unsere Politiker tun und die Weltkonzerne, die hier inzwischen kräftig Geld verdienen, möglicherweise auch aufgrund von Zwangsarbeit. In der DDR hat es das gegeben, dass Strafgefangene Zwangsarbeit machen mussten auch für Westunternehmen. Ich denke, dass es hier nicht anders ist…