Bleubleuet, das bin ich

Ich bin Hamburgerin, und das bleibt man bekanntlich ja sein Leben lang. Auch wenn man schon lange woanders wohnt. Hamburg, das ist in dir drinne, das hast du mit der Muttermilch eingesogen. Das sind der Michel und der Hafen, der Dom und die Binnenalster, die Reeperbahn und der Hauptbahnhof, der Flugplatz und die Sternschanze, das sind U- und S-Bahn und der Fischmarkt, Planten un‘ Blom’n und der Telemichel, der 1. FC St Pauli und Hagenbek. Das sind die Häuser in ihrem ganz eigenen Baustil und die Menschen mit ihrem ganz eigenen Temprament. Hamburg ist die noble alte Lady mit ihrer hanseatischen Gediegenheit und das dreckige olle Weib, vom Fischer un sin Fru. Hamburg, da bin ich geboren, ebenso wie meine Eltern und die Hälfte meiner Großeltern, sowie wiederum deren Eltern. Ich glaube, zu Hause hat man zum Teil auch in den Genen. Wenn ich nach Hamburg komme, habe ich immer ein Gefühl von zu Hause. Wenn ich weiter weg war, irgendwo südlich, sagen mir die ersten Schiffe, die ich sehe, willkommen, du bist wieder zu Hause. Ich wohne vor den Toren Hamburgs etwas ländlich, in Schleswig-Holstein.Kornblume, Bleubleuet heißt Kornblumenblau

Durch eine neurologische Erkrankung, eine Dystonie, habe ich eine Körperbehinderung. Das ist zum einen der Grund, warum mich das Thema Inklusion interessiert. Außerdem bin ich von Beruf Ergotherapeutin und arbeite mit Menschen, die seelische und geistige Behinderungen haben. Für mich haben immer schon alle Menschen dazu gehört, und gerade die, die ein bisschen anders waren als das Gros, fand ich immer besonders interessant. Überhaupt war und bin ich wahnsinnig neugierig ( das habe ich von meiner Oma, mein Vater hat immer gesagt: die kommt noch mal in ihrer Neugierde um – das könnte mir auch passieren). Neues kann ich doch nur (kennen)lernen, durch das oder diejenigen die anders oder fremd sind. Dazu muss ich natürlich offen und unvoreingenommen sein. Ja und Mut gehört wohl auch dazu. Jedenfalls habe ich gehört, das Fremdes und Unbekanntes auch Angst machen.

Ich bin Mutter zweier phantastischer Kinder, die langsam anfangen flügge zu werden und seit vielen Jahren glücklich verheiratet. Wir sind das, was es in Nordwest-Europa immer weniger gibt, eine komplette, intakte Familie. Zu uns gehören noch zwei Kater, die nicht nur uns sehr gerne haben, sondern sich auch untereinander mögen.

Nach dem Abitur habe ich vor fast 25 Jahren eine Fahrradtour von Schleswig-Holstein bis zum Mont St. Michel in der Normandie gemacht. Das war ein sehr schönes und prägendes Erlebnis. Da war natürlich zum einen die sich mit den abgeradelten Kilometern wandelnde Landschaft mit all ihren Schönheiten und Eigenheiten und zum anderen waren da die Menschen, die vielen wunderbaren Begegnungen.

Dann habe ich angefangen zu studieren Geographie, Soziologie und Politologie. Nebenher habe ich immer irgendwo gejobbt. Ich habe als Küchenhilfe und Köchin gearbeitet. Ich habe in einem Beschriftungsbetrieb die geplotteten Beschriftungen für den Kunden fertig gemacht und sogar einmal einen riesigen LKW mit beklebt. In einer Spielhalle habe ich den Leuten ihr Geld in Fünf-Mark-Stücke gewechselt, die Aschenbecher ausgeleert, Kaffee ausgeschenkt und mir Gedanken über die Spieler gemacht. Auch zwei Fabrik-Jobs habe ich gehabt, den einen in der Schokoladenfabrik und den anderen bei einem Hersteller von Kunststoff-Folien.

Einmal habe ich in den Semesterferien Urlaub in Kamerun gemacht und mir damit den Kindheitstraum erfüllt, einmal auf diesen unglaublichen Kontinent zu kommen, den ich sonst nur aus den Tierreportagen im Fernsehen mit Heinz  Sielmann und Bernhard Grzimek kannte. Kamerun war Liebe auf den ersten Blick! Nach dem Urlaub ging es weiter mit einem Semester Studium, in den Ferien arbeiten und im nächsten Semester zum Praktikum nach Kamerun. Da habe ich mich damit befasst, wie es sich ausgewirkt hat, dass nach dem Lake-Nyos-Unglück die Anwohner umgesiedelt worden sind. Ein halbes Jahr bin ich in Kamerun gewesen. Dabei habe ich leider auch erfahren müssen, wie die Menschen in einer Diktatur leben und leiden müssen. Paul Biya ist immer noch Diktator in dem wunderschönen Land, dem es mit mehr Freiheit und weniger Korruption wesentlich besser gehen würde.

Bald nach meiner Rückkehr nach Deutschland ist mir die Liebe meines Lebens begegnet. Wir wurden Eltern und ich habe mein Studium abgebrochen.  Von da an war ich Familienmanagerin und habe es genossen, für die beiden kleinen Menschlein da sein  und ihnen zuschauen zu dürfen bei ihrer Entwicklung und beim Wachsen.

Als dann Schule und Kindergarten ein Teil unseres Lebens wurden, hatte ich wieder mehr Zeit für mich selber und fing an, für unsere Lokalzeitung als freie Journalistin zu arbeiten. Das war eine schöne und interessante Zeit. Ich habe interessante Menschen kennengelernt und hier und da mal hinter die Kulissen blicken dürfen. Nie vergessen werde ich den Tag, an dem ich bei einer Operation am offenen Herzen zusehen durfte. Oft war ich auch im Theater. In unserer Kleinstadt gibt es ein kleines, aber feines Gastspieltheater.  Am liebsten erinnere ich mich da an meine Begegnung mit Evelyn Hamann, die zu einer Lesung gekommen war. Aber das war keine Lesung, das war eine Darbietung, die viel mehr, die ein Schauspiel war. Die fromme Helene von Wilhelm Busch war zum Leben erwacht. Anschließend  hatte ich noch eine sehr nette, persönliche Begegnung mit Frau Hamann, die mir versprochen hatte, dass ich im Anschluss an die Vorstellung Fotos machen durfte.

Als ich nach einem Autounfall, der vermutlich auch den Ausbruch meiner Krankheit ausgelöst hat, längere Zeit nicht arbeiten konnte, habe ich angefangen, mir grundsätzlich noch einmal Gedanken über mein Leben und die Arbeit zu machen. Das Ergebnis war die Ausbildung zur Ergotherapeutin. Leider ist in der Zwischenzeit meine Erkrankung fortgeschritten.

Durch meine Krankheit bin ich seit zwei Jahren auf den Rollstuhl angewiesen. Ich versuche, mein Leben so normal wie möglich und vor allem so selbständig wie möglich zu führen. Den Rollstuhl sehe ich dabei als Hilfsmittel, um mobil sein zu können und ich kann auch recht gut damit umgehen.

In den letzen zwei Jahren , seit ich mich mit dem Text oberhalb des Hirsches mit Flügeln hier vorgestellt habe, ist auch bei mir die Zeit natürlich nicht stehen geblieben.  Inzwischen habe ich einen anderen, besseren, alltagstauglicheren Rollstuhl (Danke an die TK, meine Krankenkasse, die ich überzeugen konnte!), habe den Arbeitsplatz gewechselt und bin zur Behindertenbeauftragten der Stadt Wahlstedt gewählt worden. Ich arbeite jetzt in einer psychiatrischen Institutsanbulanz als Ergotherapeutin und kann mit voller Überzeugung sagen, dass das ein inklusiver Arbeitsplatz ist. Darüber bin ich sehr glücklich, weil es zeigt, dass Inklusion auf dem ersten Arbeitsmarkt möglich ist. Es müssen nur alle offen dafür sein und wollen. 

Durch meine Beratungstätigkeit, fällt mir immer wieder auf, dass leben mit einer Behinderung ganz unterschiedlich leichter oder schwieriger sein kann. Das hängt weniger mit der Art der Behinderung zusammen als vielmehr damit, wie gut man sich auskennt mit seinen Rechten und Möglichkeiten. Außerdem habe ich ein bisschen die Vermutung, dass Menschen mit Migrationshintergrund – Flüchtlinge, wie Spätaussiedler  – durchaus auch mal benachteiligt werden.  Natürlich lässt es sich nicht belegen, dass es einen Zusammenhang mit dem Migrationshintergrund gibt.

In den letzten zwei Jahren hat sich in Sachen Inklusion auch einiges getan. Zumindest der Begriff ist in der Gesellschaft angekommen, wenn auch nicht die Inklusion selber. Es wird mehr und mehr darüber nachgedacht, wie die Teilhabe verbessert werden kann, meisten leider von Leuten ohne Behinderung. Dabei soll Inklusion doch gerade hier ganz besonders gemeinsam stattfinden, damit es nicht wieder so ein barmherziges „wir haben ja so viel für die Behinderten getan“ ist.

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2 Kommentare zu “Bleubleuet, das bin ich

  1. Hut ab vor dieser Lebenseinstellung. Andere flippen schon aus, bloß weil sie beim Führerschein durchfallen. Gerade durch die jetzt stattfindenden Paralympics wird man mit großartigen Menschen konfrontiert. Sie sind behindert aber nicht anders. Das Einzige, was sie uns voraushaben ist die Kraft, mit solchen Schicksalschlägen fertig zu werden.

  2. Glückwunsch zu dieser Einstellung. Ich bin zwar gesund, habe aber einen Mann der vor 24 Jahren die Diagnose MS bekam. Habe den Artikel über NMS sehr interessiert gelesen und genau die Situationen wiedererkannt die mein Mann so oft erlebt hat. Neumünster ist nicht sehr behinderten Freundlich weil viele Menschen die hier leben nicht behinderten Freundlich sind. Es wird immer noch oft als lästig empfunden Rücksicht zu nehmen. Da auf meiner Stirn nicht steht das mein Mann im Rollstuhl sitz bekomme ich die Kommentare ungeschönt und ohne Behinderten Bonus zu hören.

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