Ich muss mal… – aber die Klotür ist zu eng

image

Links ist es eng, man achte auf den Greifreifen!

Wie ist es auf der anderen Seite, könnte Rangieren vielleicht helfen?

image

Rechts ist es auch eng, auch hier ist der Greifreifen leider zu viel…. 

Ich stehe schon optimal vor der Tür, aber um reinzukommen, müsste ich die Greifreifen abbauen!

MUSS ich denn da nun unbedingt rein? – Doch ich MUSS! Ich müsste nämlich mal. Diese Tür, durch die nicht durchkomme ist nämlich die Toilettentür. Genauer: Es handelt sich um die Toilettentür meines Patientenzimmers auf der Wirbelsäulenstation der Uniklinik Eppendorf (!).

Damit bin ich wieder beim Thema:  Inklusion im Gesundheitswesen.

Die Wirbelsäulenstation des UK Eppendorf behandelt nach Aussage der Website alle degenerativen, entzündlichen, traumatischen und tumorösen Veränderungen der Wirbelsäule, sowie sämtliche Deformitäten. (uke.de) Da dürfte sicher der eine oder andere rollstuhlpflichtige Patient dabei sein. Da schient man ja auch von auszugehen, sind doch diverse Haltegriffe vorhanden, die Dusche ist ebenerdig und das Waschbecken unterfahrbar. Nur bei der Türbreite hat man offenbar geschlafen. Mein Rollstuhl hat weder Überbreite noch haben meine Räder einen ausgeprägten negativen Sturz. Aber immerhin der Toilettenstuhl hier von der Klinik passt durch die Klotür. – Das ist ungefähr so, wie die Fernbedienung für den Fernseher auf dem Fernseher abzulegen….

Fairerweise muss man dazu sagen, dass dieses Gebäude schon ein wenig älter ist, noch aus einer Zeit stammen dürfte, als man über Inklusion noch nicht nachgedacht hat. Aber, wie schon erwähnt, es handelt sich um eine Wirbelsäulenstation.

Doch nur eine leere Worthülse…

„Menschen mit Schwerbehinderung werden bei gleicher Qualifikation bevorzugt eingestellt “ – Hurra! Dann finde ich bestimmt ganz schnell Arbeit. Qualifiziert bin ich ja, außerdem auch up to date in Bezug auf Fort- und Weiterbildung.

Bevorzugt – wenn da nicht einer besser qualifiziert ist als ich, habe ich die Stelle. Toll! Wie gesagt, die Qualifikation ist ganz passabel, Erfahrung bringe ich auch mit. Zudem sollte man bei mir auch nicht mehr damit rechnen, dass ich noch mal schwanger werden will. Eltern, die mal pflegebedürftig werden könnten, habe ich nicht mehr. Die sind schon vor vielen Jahren verstorben. Alles eine Menge Pluspunkte!

Also ein kurzer Anruf beim potentiellen Arbeitgeber, um noch eine letzte kleine Frage abzuklären: Ich interessiere mich für die ausgeschriebene Stelle. Wie barrierefrei ist es denn bei Ihnen? Ich bin nämlich Rollstuhlfahrerin. – Schlucken und kurzes Herumdrucksen am anderen Ende der Leitung.  Nun ja, so wirklich barrierefrei ist das bei uns nicht….

Was für Leute mit Schwerbehinderung stellen die sich denn vor, die sie bevorzugt einstellen wollen? Nicht vorhandene Barrierefreiheit macht den Satz in der Stellenausschreibung doch zu einer Phrase ohne was dahinter, zu einer leeren Worthülse!

Klauen Rollstuhlfahrer Einkaufswagen?

Einkaufswagen für Rollstuhlfahrer sind beliebte Diebesbeute. – Zu diesem Schluss muss man jedenfalls kommen, wenn man bei IKEA in Lübeck so einen Einkaufswagen benutzen möchte.

Zunächst einmal vorweg: Es ist super, dass IKEA Lübeck seinerzeit sehr schnell reagiert hatte auf die Anregung, Einkaufswagen für Rollstuhlfahrer anzubieten. Das ist sehr zu loben, zumal es für IKEA-Häuser nicht selbstverständlich ist, diesen Service im Sinne der Inklusion und zum Wohle der Kunden vorzuhalten. IKEA in Hamburg Schnelsen beispielsweise reagiert nicht einmal auf E-Mails mit dieser Anregung…

So nun zu dem eigentlichen Problem: Wer bei IKEA Lübeck einen Rolli-Einkaufswagen benutzen will, muss erstmal einen Mitarbeiter mit Schlüssel suchen oder herantelefonieren lassen, damit der Wagen losgekettet werden kann. Das ist je nach Tageszeit und Wochentag unterschiedlich aufwendig. Wenn es nicht zu voll ist, kann man sich an die Mitarbeiter an der Kinderbetreuung wenden. Unter der Woche morgens geht das aber nicht, weil die Kinderbetreung da nicht geöffnet hat. Dann muss man jemanden vom Kassenpersonal ansprechen, der dann jemanden anruft. Der kommt dann mit dem Schlüssel. Kunden ohne Behinderung haben schon ihren Bummel durchs Möbelhaus begonnen – sie nehmen sich bei Bedarf eine der großen Einkaufstaschen oder später einen von den Einkaufswagen, die in langen Schlangen am Eingang der „Markthalle“ stehen, ohne Kette und Schloss(!).

Ok, der Schließer ist also da. Bevor der Wagen losgekettet wird, ist nun aber noch ein Leihvertrag auszufüllen und zu unterschreiben. Damit aber nicht genug: IKEA Lübeck misstraut seinen Kunden so sehr, dass die Angaben im Leihvertrag auch noch mit dem Personalausweis abgeglichen werden! Die Daten in diesem Leihvertrag werden sogar noch ein halbes Jahr gespeichert!  Genau SO habe ich es gestern erlebt. Ich habe auf den Einkauf bei IKEA verzichtet. Eigentlich wollte ich ein bisschen durchbummeln – neben Kleiderbügeln, Servietten, Kerzen, Blumentöpfen und Gläsern wäre sicher doch der ein oder andere Schnickschnack noch mit im Wagen gelandet…

Aber es ist ja nicht immer so mit den Rolli-Einkaufswagen bei IKEA Lübeck : manchmal wird der Wagen nur losgekettet und man muss nichts unterschreiben oder der Mitarbeiter trägt den Namen in den Leihvertrag ein und man unterschreibt. Keine Ahnung, wonach sich das richtet. Die IKEA-Mitarbeiterin gestern hat jedenfalls gesagt, dass es so läuft, dass der Leihvertrag ausgefüllt und mit dem Personalausweis abgeglichen wird: „Das machen wir immer so, seit wir die Wagen haben!“ Begründung: „Die sind ja auch sehr, sehr teuer, diese Einkaufswagen“.

Nach dem Einkauf mit dem Rolli-Einkaufswagen muss man leider auch bei strömenden Regen den Wagen wieder reinbringen. Da man ja einen Vertrag unterschrieben hat,macht man sich jetzt wieder auf die Suche nach einem Mitarbeiter, der einem den Wagen wieder abnimmt und sich darum kümmert, dass man seine zweite Unterschrift unter den Vertrag setzen kann, mit der man die Rückgabe quittiert.Insgesamt muss man so als Rollstuhlfahrer etwa eine Viertelstunde mehr einplanen als andere Kunden, wenn man den speziellen Einkaufswagen benutzen möchte.

Ich habe inzwischen ja einige Erfahrung mit dem Einkaufen als Rollifahrerin, ganz viel in Geschäften, die auch solche Einkaufswagen haben. Außer bei IKEA stellt man sich aber nirgends so an. Edeka, Rewe, Netto, Budni und Famila haben ihre „sehr, sehr teuren“ Rolli-Einkaufswagen frei zugänglich im Eingangsbereich stehen. Da ist nichts angekettet. Lidl hat seine draußen auf dem Parkplatz im Unterstand neben den anderen Einkaufswagen. Hier benötigt man eine Pfandmünze. Es ist noch nicht einer von den Wagen weggekommen oder beschädigt worden. Alle diese Wagen dürften genau so teuer in der Anschaffung gewesen sein, wie die von IKEA Lübeck. Sie sind alle von der Firma Wanzl. Der von Lidl ist vermutlich noch ein ganzes Stück teurer, weil er größer ist als das Standardmodell in den anderen Geschäften. Ebenso könnten auch die Wagen von Famila in Neumünster etwas mehr gekostet haben, sie sind etwas schicker in braun gehalten und nicht im üblichen Zink.

Bei allen Geschäften würde man mir auch helfen, meine Ware zum Auto zu bringen, wenn ich mal sehr viel mehr habe, als in den Wagen passt oder etwas Sperriges. Diesen Service bietet IKEA übrigens generell nicht an. Aus Versicherungsgründen dürfen die Mitarbeiter nichts mit rausbringen und mit auf den Parkplatz gehen….

Rollifahrer und psychisch krank? Dumm gelaufen….!

Kliniken, Begegnungsstätten, Pflegeeinrichtungen, Gesundheitsämter, Arztpraxen etc. sind da für kranke Menschen. Behinderung wird ja oft auch mit Krankheit gleichgesetzt. Da ist der Schluss ja naheliegend, dass hier in Sachen Barrierefreiheit und Inklusion alles schon besonders weit fortgeschritten sein müsste. Das ist aber ein gewaltiger Trugschluss! Inklusion ist im Gesundheitswesen noch ein Fremdwort! Barrierefreiheit ist nur rudimentär vorhanden, vor allem in den Köpfen der Verantwortlichen.

Rollifahrer mit behandlungsbedürftiger Depression

Nehmen wir mal einen Rollstuhlfahrer, der in eine schwere depressive Episode rutscht – das ist eine Erkrankung, die in jedem Falle behandlungsbedürftig ist. Dies ist oft verbunden mit einem stationären oder teilstationären Klinikaufenthalt. Laut der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN ) liegt die Wahrscheinlichkeit, wenigstens einmal im Leben eine schwere behandlungsbedürftige Depression zu entwickeln bei 16 bis 20 %. Für den Rollstuhlfahrer kann es nun ziemlich schwierig werden. Vor allem in älteren Krankenhäusern mit psychiatrischer Station sind die Patientenzimmer klein und sehr eng bemessen, vielmehr als die drei bis sechs Betten nebst Nachtschränken, Tisch und Stuhl passen da nicht rein. Mit Glück sind zumindest die sanitären Einrichtungen einigermaßen groß. Das bedeutet aber nicht, dass auf der Toilette ein Umsetzen aus dem Rollstuhl von beiden Seiten möglich ist (letzteres wird übrigens auch in Neubauten standhaft nicht berücksichtigt!). Platz, den Rollstuhl in erreichbarer Nähe des Bettes abzustellen ist schon gar nicht…. Das nächste Problem ist die Personalausstattung: Ein Rollifahrer, der zusätzlich zu seiner Erkrankung durch die räumlichen Gegebenheiten in der gewohnten Selbständigkeit eingeschränkt ist, macht mehr Arbeit. Ganz zu schweigen davon, welchen Einfluss das auf den weiteren Verlauf der Depression hat. Viele Kliniken stoßen bei einem Rollifahrer dann auch im therapeutischen Bereich auf Grenzen, vor allem Ergotherapieräume befinden sich oft im Keller oder Dachgeschoss, leider nicht über einen Aufzug zu erreichen……

In Tageskliniken und Begegnungsstätten für Menschen mit psychosomatischen oder psychiatrischen Krankheiten sieht es meistens nicht besser aus. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass die Leute, die die Sozialpsychiatrie in den vergangenen Jahrzehnten vorrangetrieben haben, eine Schwäche für hübsche alte Häuser haben…. Leider sind diese nicht immer praktisch, vor allem, wenn sie auch noch denkmalgeschützt sind. Wenn unser Rollifahrer nicht schon depressiv wäre, würde er es vermutlich bei dem Gedanken an die Behandlungsmöglichkeiten werden…

Persönlichkeitsstörung und Chirurgie oder Innere Medizin

Menschen mit einer psychischen Behinderung oder Erkrankung haben es in unserem Gesundheitswesen besonders schwer. Ich denke da gerade an ein Gespräch mit der Filmemacherin Andrea Rothenburg (Psychiatriefilme, Internetseite zu den Filmen von Andrea Rothenburg) – sie meinte Anti-Stigma-Arbeit zu psychische Erkrankungen müsse man bei denen anfangen, die mit den Kranken zu tun haben (auch und gerade in der Psychiatrie). Tatsächlich gibt es unter denen, die es eigentlich von Berufs wegen besser wissen sollten, viele, die die gleichen Vorurteile haben wie jeder andere, der nichts oder wenig über psychisch Kranke weiß. Mediziner aus anderen Disziplinen verhalten sich gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen oft abweisend oder diskriminierend. Das können vor allem Patienten mit Persönlichkeitsstörungen vom Borderlinetyp oft leidvoll bestätigen. Diese Patienten fügen sich aufgrund ihrer Krankheit häufig selber Verletzungen zu, mitunter so schlimm, dass sie chirurgisch oder internistisch behandelt werden müssen. Besonders grausam fand ich die Schilderung einer Frau mit einer Verletzung, die genäht werden musste. Der Arzt meinte, dass er bei ihr ja auf die Betäubung verzichten könne, was er dann auch tat (!). Auf einer internistischen Station wurde ein Patient schlicht als „bekloppt“ abgestempelt. Denn es kann ja gar nicht anders sein, wenn man sich selber Schaden zufügt.

Menschen mit geistiger Behinderung im Krankenhaus

Erwachsene Menschen mit einer geistigen Behinderung leben in unserer bisher wenig inklusiven Gesellschaft meistens in Wohneinrichtungen speziell für sie oder werden von ihren Eltern versorgt und behütet.Gewohnte Personen und ein klar geregelter Tagesablauf geben hier halt. Etliche brauchen auch genau das. Steht nun aber ein Krankenhausaufenthalt an, bricht quasi eine Welt zusammen. Nicht immer ist es möglich, dass eine vertraute Person den Krankenhausaufenthalt begleitet. Das ist schwierig, schrecklich und anstrengend für alle Beteiligten. Der behinderte Mensch versteht die Situation oder das, was da passieren soll oft nicht und hat Angst. Pflegepersonal, Ärzten und Therapeuten fehlt die Zeit, auf den Patienten seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten entsprechend einzugehen. Es gibt kaum Informationen in Leichter Sprache und da , wo es sie gibt, wissen Mediziner häufig nichts davon. „Wichtige Gespräche“ werden mit dem Betreuer oder Eltern geführt, oft im Beisein des Patienten, aber ohne ihn einzubeziehen oder so zu reden, dass er folgen kann.

Hörgeschädigte und Sehgeschädigte Patienten sind ziemlich aufgeschmissen, ohne eigene Assistenz

Ab und zu investieren Staat und Klinkbetreiber ja in vorhandene oder neue Gebäude. Dabei scheint es aber nicht so sehr darum zu gehen, dass das was entsteht auch zum Nutzen der Patienten ist… Ich denke da beispielsweise an die farbliche Gestaltung in Kliniken. Kräftige Kontraste können hilfreich bei der Orientierung sein, ebenso wie Unterschiede in der Farbgestaltung verschiedener Stockwerke und Stationen. Ich war noch in keinem Klinikgebäude, das über Wegweiser für Blinde oder Sehgeschädigte verfügte. Aber vielleicht gibt es das ja irgendwo(?). Gebährdendolmetscher gibt es ebenfalls nicht in Kliniken, geschweige denn anderen Einrichtungen für Kranke. Dazu kommt dann noch die Unsicherheit des medizinischen Personals, verbunden mit zahlreichen Vorurteilen.

 

Der Anlass zu diesem Artikel war meine Suche nach einer neuen Arbeitsstelle als rollifahrende Ergotherapeutin während der letzten Monate. Zuletzt habe ich in der Psychiatrie gearbeitet, leider mit einer befristetene Stelle. Und Psychiatrie sollte es jetzt auch gerne wieder sein. Dabei ist mir sehr deutlich vor Augen geführt worden, wie viele Einrichtungen für psychisch kranke Menschen im südlichen Schleswig-Holstein und im Norden Hamburgs nicht für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen geeignet sind. Dabei handelte es sich um Tages- und Begegnungsstätten von unterschiedlichen Trägern, Reha-Einrichtungen, Tageskliniken, Kliniken und Wohneinrichtungen. Ich hatte im Gespräch nie den Eindruck, dass sich bei besagten Einrichtungen in absehbarer Zeit irgendetwas daran ändern wird (soll). Dabei ist Inklusion dort durchaus ein bekanntes Schlagwort, zum Teil sogar Bestandteil des Leitbildes…..

Glück braucht nur Winzigkeiten

Auf Facebook macht gerade ein Video die Runde  Video „Be grateful for what you have“. Es ist ganz nett gemacht, dazu klar und einfach. Die beabsichtigte Botschaft steht schon im Titel des Videos „Be grateful for what you have“ – “ Sei dankbar für das, was du hast“. Eigentlich ja eine sehr schöne Botschaft oder Aufforderung.Viel zu selten machen wir uns Gedanken über das, was wir haben, dafür umso mehr darüber, was wir alles nicht haben, aber andere. Schade finde ich in dem Video, dass am Ende nach meinem Empfinden auf die Tränendrüse gedrückt und gleichzeitig der mahnende Zeigefinger erhoben wird: Guckt Euch den Rollstuhlfahrer an, der wäre schon froh, wenn er laufen könnte und ihr wollt immer mehr – ein Fahrrad, ein größeres Auto und am Ende sogar einen Helikopter. Tatsache ist doch aber, dass der Rollstuhlfahrer erstens sicher auch viele andere Wünsche hat als laufen zu können und zweitens eine Menge Möglichkeiten hat, angefangen damit, dass er überhaupt einen Rollstuhl besitzt! Er könnte Handbike fahren, kann Busse und Bahnen nutzen und auch Auto fahren. Das ist alles möglich. Selber Rollifahrerin, spreche ich aus Erfahrung. Soviel zu dem, was mich an dem Video stört und auch ärgert.

Nichts desto trotz, „Sei dankbar für das, was Du hast!“ Ich würde es aber etwas anders formulieren: „Mach Dir immer wieder mal bewusst, was Du alles hast und freue Dich daran!“ Wünsche, Träume, Ziele, Perspektiven,Visionen und auch Utopien gehören aber auch zum Leben dazu. Sie spornen an, geben dem Leben einen Sinn und machen zufrieden. Insofern ist es ok, wenn ich auch mal nach dem tollen großen Auto neben mir an der Ampel gucke. Auch den Helikopter finde ich ganz spannend, obwohl ich eher noch einmal Drachen fliegen möchte, als in einem Hubschrauber zu fliegen.

Ich wünsche mir im Moment sehnlich wieder Arbeit. Mir ist aber bewusst, dass es mir auch ohne ganz gut geht, weil ich wirtschaftlich abgesichert bin und meine Zeit mit vielen schönen und interessanten Dingen auszufüllen weiß und ganz nebenbei auch den Müßiggang genießen kann. Trotzdem treibt und spornt mich der Wunsch nach einem neuen Arbeitsplatz an, mich engagiert darum zu bemühen. Dazu kommt noch ein weiterer Wunsch und ein Ziel. Ich würde nämlich zum nächsten Wintersemester gerne ein berufsintegrierendes Studium aufnehmen. Dafür brauche ich aber eine Anstellung.

Ich möchte behaupten, dass ich ziemlich glücklich bin. Es gibt viel, was ich nicht habe, unter anderem kann ich keinen Marathon laufen… Aber ich habe auch sehr viel! Ganz wichtig finde ich hier auch Erinnerungen. Dabei geht es nicht um die großen, umwerfenden und weltbewegenden Dinge oder Ereignisse. Auch bin ich nicht die Nostalgikerin, die in der guten alten Zeit schwelgt. Aber ich gehöre zu den glücklichen Menschen, deren Gehirn mit vielen blumigen Assoziationen und Verbindungen zu Erlebtem arbeitet.

Im Wahrsten Sinne blumig ist, was jedes Frühjahr wieder durch meinen Kopf und als wohliges Gefühl durch meinen Körper geht, wenn ich die ersten Schneeglöckchen sehe.

IMG_3295

Schneeglöckchen können nämlich bimmeln. Ich habe es als kleines Mädchen selbst gehört. Ich hatte meinen Vater gefragt, ob diese niedlichen,  zarten, weißen Glöckchen auch läuten können. Abends stand ein kleines Schneeglöckchen in einem Schnapsglas mit Wasser auf dem Bücherregal im Wohnzimmerschrank. Es war nicht sehr hell im Zimmer. Ich glaube, dass nur die Stehlampe in der Ecke brannte. Wir standen vor dem Schneeglöckchen und mein Vater sagte, dass ich ganz leise sein müsse und horchen. Es war ganz still. Da waren nur mein Papa, das Schneeglöckchen und ich. Ganz sanft stupste er das kleine Glöcklein an und es zitterte sanft. Durch die Stille diese verzauberten Augenblickes hörte ich ein ganz zartes Klingeln.

Ganz häufig kommt es vor, und manchmal finde ich es auch ein bisschen nervig, dass mein Gehirn mich mit der Assoziation zu einem Lied beehrt. Meistens ist das ganz nett oder witzig. Ich liebe Musik und auch die Vielfalt unterschiedlicher Stile. Ich habe diesbezüglich unheimlich viel in meinem Oberstübchen archiviert. Gnadenlos kommt „Butterfly“ (Butterfly my Butterfly) aus den Hirnwindungen angeflattert, wenn ich beim Stadtbummel einen Schmetterling auf einem T-Shirt sehe und gehe ich an einem Reisebüro vorbei, dass für Reisen mit Condor wirbt, höre ich schon die die Panflöte von „El Condor pasa“ (El Condor pasa) in meinem Kopf spielen, wenn ich hinter dem Weißwurstäquator gewesen bin und in Hamburg die ersten Schiffe sehe, ist unweigerlich „Rolling home“ (Rolling Home Status Quo oder das andere Rolling Home) in meinem Kopf und wenn auf dem Titelblatt der Tageszeitung ein Foto von einem Wolf ist, komme ich nicht an „Of Wolf and Men“ (Of Wolf and Man) von Metallica vorbei. Täglich aufs neue habe ich einen Ohrwurm, wenn ich in die Küche komme. Da hängt nämlich das scherzhafte Piratendiplom meines Sohnes am Kühlschrank: „Wir sind Piraten, Piraten, Piraten mit ’nem Schiff, Piraten mit ’ner Hakenhand und Narben im Gesicht…“ (Piraten 257ers). Mit vielen Liedern verbinde ich natürlich auch noch anderes und es kommt vor, dass eine Assoziationskette einsetzt oder einfach nur nette Erinnerungen da sind. Butterfly war eins meiner allerersten Lieblingslieder und ich sehe mich selber im roten Häkelkleidchen mit Zöpfen durch den Garten hüpfen und das Lied singen. Schööööön! Bei El Condor Pasa muss ich immer etwas grinsen, weil sofort der Gedanke an die Panflöte spielenden Indios kommt, die eine Zeitlang erst modern und beliebt und schließlich zu einer aufdringlichen Belästigung in den Fußgängerzonen der Großstädte geworden waren. So tickt mein Gehirn eben. Die 257er werden vermutlich Haue kriegen, wenn sie mir mal begegnen. Ihre Piraten haben schon Stunden lang als Ohrwurm in meinem Kopf gefeiert und Rum getrunken.

Ein schlichtes altes Fahrrad mit einem Drahtkorb auf dem Gepäckträger hat mich heute an Nachmittage im Schrebergarten denken lassen. Der Drahtkorb dient zum Transport von Kanickelfutter, Löwenzahn und andere Kräuter, auf dem Weg zum Garten am Knick gepflückt. Dazu ein blauer Himmel mit Schäfchenwolken. Schön finde ich das. Es ist ein bisschen wie Lesen, wenn man solche Gedanken geschenkt bekommt, Gedanken, die ja auch jede Menge schöner Gefühle entstehen lassen und dadurch glücklich machen.

Ein wichtiges Stück zu Hause und viele Gedanken und Gefühle, die damit verbunden sind, ist für mich beispielsweise:

Die Küchenschublade

Ich finde so eine Schublade gehört in jede Küche. Eben so eine Schublade, in die man so ziemlich alles reinlegen kann und in der man auch so ziemlich alles findet. Bei uns war es damals die Schublade vom Küchentisch. Küchenschubladen sind die reinsten Wunderdinger, zum einen, weil man sich immer wieder wundert, was sich da so anfindet. Außerdem ist es auch ein Wunder, wie viel in so eine Küchenschublade hineinpasst. Offenbar gibt es da eine Raumkrümmung. In Küchenschubladen findet man immer Tempotücher. Es gibt also keine Ausrede, wenn man als Kind mal wieder mit einer Rotznase rumläuft oder den Pulloverärmel zum Nase putzen nimmt. Schnürsenkel, aber immer nur einzelne, Luftballons, Tesafilm, eine Schere, das Taschenmesser zum Pilze sammeln, ein Bleistift, wichtige Zettel, ein sandiges Spielzeugauto, so ein Deckel, mit dem man Flaschen wieder verschließen kann, aber nur wenn man es kann, Flaschenöffner, ein Korken und ein Korken mit einer Rasierklinge drin, das Ding, um die beiden Hälften von den Doppelfenstern aufzumachen, ein paar Pfennige, Tischtennisbälle, das Verschlussteil vom Latzhosenträger, Batterien, viele kleine Dinge, die man bestimmt noch mal irgendwann braucht und eben Mamas Portemonnaie. Das alles liegt auf einer Lage geblümtem Schrankpapier und verschwindet unter der Tischplatte mit dem feinen grauen Karo auf weißem Grund. Ganz zentral und für jeden in der Familie zugänglich, die Küchenschublade. „Guck mal in der Küchenschublade!“ oder „Tu das man in Küchenschublade“ Das ist so herrlich vertraut. Ich hoffe Du hast auch eine Küchenschublade. Eine Küchenschublade ist ein bedeutendes Stück Zuhause, Vertrautheit und Familie. In die Küchenschublade kommt auch das Geld, das man für den Schulausflug braucht, wenn Mama morgens nicht da ist, um es einem zu geben. Später bei älteren Kindern kommt da auch das Geld rein, wenn die Kinder mal zwei, drei Tage alleine bleiben. Eine Küchenschublade ist unentbehrlich. (Das ist übrigens die Küchenschublade aus meiner Kinderzeit; die Beschreibung ist Teil eines anderen längeren Textes).

Solche Dinge sind wie Rituale. Sie geben Halt, lassen nachdenken, sich erinnern und auch vergessen – Schublade auf und rein mit dir, Schublade zu und weg bist du. Das kann zum Beispiel einer der „wichtigen“ Zettel sein.  Für mich ist die Schublade nicht nur der Chaoshaufen, den man mal besser und mal schwieriger wieder zuschieben kann. Sie ist für mich auch ganz viel Erinnerung, Denken an heute, planen für Morgen und Verbindung mit der Familie und den Menschen, die ich liebe, denen die mich umgeben und denen die nicht (nie mehr) da sind.

Wahrnehmung, Gefühle, Bewusstsein, Gedanken, Assoziationen für mich sind das Mosaiksteine im Glücklich-Sein.