Glück braucht nur Winzigkeiten

Auf Facebook macht gerade ein Video die Runde  Video „Be grateful for what you have“. Es ist ganz nett gemacht, dazu klar und einfach. Die beabsichtigte Botschaft steht schon im Titel des Videos „Be grateful for what you have“ – “ Sei dankbar für das, was du hast“. Eigentlich ja eine sehr schöne Botschaft oder Aufforderung.Viel zu selten machen wir uns Gedanken über das, was wir haben, dafür umso mehr darüber, was wir alles nicht haben, aber andere. Schade finde ich in dem Video, dass am Ende nach meinem Empfinden auf die Tränendrüse gedrückt und gleichzeitig der mahnende Zeigefinger erhoben wird: Guckt Euch den Rollstuhlfahrer an, der wäre schon froh, wenn er laufen könnte und ihr wollt immer mehr – ein Fahrrad, ein größeres Auto und am Ende sogar einen Helikopter. Tatsache ist doch aber, dass der Rollstuhlfahrer erstens sicher auch viele andere Wünsche hat als laufen zu können und zweitens eine Menge Möglichkeiten hat, angefangen damit, dass er überhaupt einen Rollstuhl besitzt! Er könnte Handbike fahren, kann Busse und Bahnen nutzen und auch Auto fahren. Das ist alles möglich. Selber Rollifahrerin, spreche ich aus Erfahrung. Soviel zu dem, was mich an dem Video stört und auch ärgert.

Nichts desto trotz, „Sei dankbar für das, was Du hast!“ Ich würde es aber etwas anders formulieren: „Mach Dir immer wieder mal bewusst, was Du alles hast und freue Dich daran!“ Wünsche, Träume, Ziele, Perspektiven,Visionen und auch Utopien gehören aber auch zum Leben dazu. Sie spornen an, geben dem Leben einen Sinn und machen zufrieden. Insofern ist es ok, wenn ich auch mal nach dem tollen großen Auto neben mir an der Ampel gucke. Auch den Helikopter finde ich ganz spannend, obwohl ich eher noch einmal Drachen fliegen möchte, als in einem Hubschrauber zu fliegen.

Ich wünsche mir im Moment sehnlich wieder Arbeit. Mir ist aber bewusst, dass es mir auch ohne ganz gut geht, weil ich wirtschaftlich abgesichert bin und meine Zeit mit vielen schönen und interessanten Dingen auszufüllen weiß und ganz nebenbei auch den Müßiggang genießen kann. Trotzdem treibt und spornt mich der Wunsch nach einem neuen Arbeitsplatz an, mich engagiert darum zu bemühen. Dazu kommt noch ein weiterer Wunsch und ein Ziel. Ich würde nämlich zum nächsten Wintersemester gerne ein berufsintegrierendes Studium aufnehmen. Dafür brauche ich aber eine Anstellung.

Ich möchte behaupten, dass ich ziemlich glücklich bin. Es gibt viel, was ich nicht habe, unter anderem kann ich keinen Marathon laufen… Aber ich habe auch sehr viel! Ganz wichtig finde ich hier auch Erinnerungen. Dabei geht es nicht um die großen, umwerfenden und weltbewegenden Dinge oder Ereignisse. Auch bin ich nicht die Nostalgikerin, die in der guten alten Zeit schwelgt. Aber ich gehöre zu den glücklichen Menschen, deren Gehirn mit vielen blumigen Assoziationen und Verbindungen zu Erlebtem arbeitet.

Im Wahrsten Sinne blumig ist, was jedes Frühjahr wieder durch meinen Kopf und als wohliges Gefühl durch meinen Körper geht, wenn ich die ersten Schneeglöckchen sehe.

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Schneeglöckchen können nämlich bimmeln. Ich habe es als kleines Mädchen selbst gehört. Ich hatte meinen Vater gefragt, ob diese niedlichen,  zarten, weißen Glöckchen auch läuten können. Abends stand ein kleines Schneeglöckchen in einem Schnapsglas mit Wasser auf dem Bücherregal im Wohnzimmerschrank. Es war nicht sehr hell im Zimmer. Ich glaube, dass nur die Stehlampe in der Ecke brannte. Wir standen vor dem Schneeglöckchen und mein Vater sagte, dass ich ganz leise sein müsse und horchen. Es war ganz still. Da waren nur mein Papa, das Schneeglöckchen und ich. Ganz sanft stupste er das kleine Glöcklein an und es zitterte sanft. Durch die Stille diese verzauberten Augenblickes hörte ich ein ganz zartes Klingeln.

Ganz häufig kommt es vor, und manchmal finde ich es auch ein bisschen nervig, dass mein Gehirn mich mit der Assoziation zu einem Lied beehrt. Meistens ist das ganz nett oder witzig. Ich liebe Musik und auch die Vielfalt unterschiedlicher Stile. Ich habe diesbezüglich unheimlich viel in meinem Oberstübchen archiviert. Gnadenlos kommt „Butterfly“ (Butterfly my Butterfly) aus den Hirnwindungen angeflattert, wenn ich beim Stadtbummel einen Schmetterling auf einem T-Shirt sehe und gehe ich an einem Reisebüro vorbei, dass für Reisen mit Condor wirbt, höre ich schon die die Panflöte von „El Condor pasa“ (El Condor pasa) in meinem Kopf spielen, wenn ich hinter dem Weißwurstäquator gewesen bin und in Hamburg die ersten Schiffe sehe, ist unweigerlich „Rolling home“ (Rolling Home Status Quo oder das andere Rolling Home) in meinem Kopf und wenn auf dem Titelblatt der Tageszeitung ein Foto von einem Wolf ist, komme ich nicht an „Of Wolf and Men“ (Of Wolf and Man) von Metallica vorbei. Täglich aufs neue habe ich einen Ohrwurm, wenn ich in die Küche komme. Da hängt nämlich das scherzhafte Piratendiplom meines Sohnes am Kühlschrank: „Wir sind Piraten, Piraten, Piraten mit ’nem Schiff, Piraten mit ’ner Hakenhand und Narben im Gesicht…“ (Piraten 257ers). Mit vielen Liedern verbinde ich natürlich auch noch anderes und es kommt vor, dass eine Assoziationskette einsetzt oder einfach nur nette Erinnerungen da sind. Butterfly war eins meiner allerersten Lieblingslieder und ich sehe mich selber im roten Häkelkleidchen mit Zöpfen durch den Garten hüpfen und das Lied singen. Schööööön! Bei El Condor Pasa muss ich immer etwas grinsen, weil sofort der Gedanke an die Panflöte spielenden Indios kommt, die eine Zeitlang erst modern und beliebt und schließlich zu einer aufdringlichen Belästigung in den Fußgängerzonen der Großstädte geworden waren. So tickt mein Gehirn eben. Die 257er werden vermutlich Haue kriegen, wenn sie mir mal begegnen. Ihre Piraten haben schon Stunden lang als Ohrwurm in meinem Kopf gefeiert und Rum getrunken.

Ein schlichtes altes Fahrrad mit einem Drahtkorb auf dem Gepäckträger hat mich heute an Nachmittage im Schrebergarten denken lassen. Der Drahtkorb dient zum Transport von Kanickelfutter, Löwenzahn und andere Kräuter, auf dem Weg zum Garten am Knick gepflückt. Dazu ein blauer Himmel mit Schäfchenwolken. Schön finde ich das. Es ist ein bisschen wie Lesen, wenn man solche Gedanken geschenkt bekommt, Gedanken, die ja auch jede Menge schöner Gefühle entstehen lassen und dadurch glücklich machen.

Ein wichtiges Stück zu Hause und viele Gedanken und Gefühle, die damit verbunden sind, ist für mich beispielsweise:

Die Küchenschublade

Ich finde so eine Schublade gehört in jede Küche. Eben so eine Schublade, in die man so ziemlich alles reinlegen kann und in der man auch so ziemlich alles findet. Bei uns war es damals die Schublade vom Küchentisch. Küchenschubladen sind die reinsten Wunderdinger, zum einen, weil man sich immer wieder wundert, was sich da so anfindet. Außerdem ist es auch ein Wunder, wie viel in so eine Küchenschublade hineinpasst. Offenbar gibt es da eine Raumkrümmung. In Küchenschubladen findet man immer Tempotücher. Es gibt also keine Ausrede, wenn man als Kind mal wieder mit einer Rotznase rumläuft oder den Pulloverärmel zum Nase putzen nimmt. Schnürsenkel, aber immer nur einzelne, Luftballons, Tesafilm, eine Schere, das Taschenmesser zum Pilze sammeln, ein Bleistift, wichtige Zettel, ein sandiges Spielzeugauto, so ein Deckel, mit dem man Flaschen wieder verschließen kann, aber nur wenn man es kann, Flaschenöffner, ein Korken und ein Korken mit einer Rasierklinge drin, das Ding, um die beiden Hälften von den Doppelfenstern aufzumachen, ein paar Pfennige, Tischtennisbälle, das Verschlussteil vom Latzhosenträger, Batterien, viele kleine Dinge, die man bestimmt noch mal irgendwann braucht und eben Mamas Portemonnaie. Das alles liegt auf einer Lage geblümtem Schrankpapier und verschwindet unter der Tischplatte mit dem feinen grauen Karo auf weißem Grund. Ganz zentral und für jeden in der Familie zugänglich, die Küchenschublade. „Guck mal in der Küchenschublade!“ oder „Tu das man in Küchenschublade“ Das ist so herrlich vertraut. Ich hoffe Du hast auch eine Küchenschublade. Eine Küchenschublade ist ein bedeutendes Stück Zuhause, Vertrautheit und Familie. In die Küchenschublade kommt auch das Geld, das man für den Schulausflug braucht, wenn Mama morgens nicht da ist, um es einem zu geben. Später bei älteren Kindern kommt da auch das Geld rein, wenn die Kinder mal zwei, drei Tage alleine bleiben. Eine Küchenschublade ist unentbehrlich. (Das ist übrigens die Küchenschublade aus meiner Kinderzeit; die Beschreibung ist Teil eines anderen längeren Textes).

Solche Dinge sind wie Rituale. Sie geben Halt, lassen nachdenken, sich erinnern und auch vergessen – Schublade auf und rein mit dir, Schublade zu und weg bist du. Das kann zum Beispiel einer der „wichtigen“ Zettel sein.  Für mich ist die Schublade nicht nur der Chaoshaufen, den man mal besser und mal schwieriger wieder zuschieben kann. Sie ist für mich auch ganz viel Erinnerung, Denken an heute, planen für Morgen und Verbindung mit der Familie und den Menschen, die ich liebe, denen die mich umgeben und denen die nicht (nie mehr) da sind.

Wahrnehmung, Gefühle, Bewusstsein, Gedanken, Assoziationen für mich sind das Mosaiksteine im Glücklich-Sein.

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