Ausgrenzung durch Sprache der Inklusion

Ich rede und diskutiere gerne und viel. Da ich nicht in einer Akademikerfamilie aufgewachsen bin und auch nicht in gehobenen Kreisen oder in der Stadt, glaube ich, rede ich auch so,  dass mich die meisten Menschen verstehen. Das finde ich auch sehr wichtig. Warum sollte ich etwas sagen, wenn ich nicht verstanden werden will?

Auch im Gespräch mit Kollegen und erst recht mit Patienten verzichte ich weitgehend auf Fachsprache. Erstaunlicherweise ist das fast immer möglich und meistens viel einfacher, weil man sich etliche Erklärungen sparen kann. Ich habe es nicht nötig, mich von irgendjemandem abzugrenzen. Ich ruhe auch so in mir und bin mir meines Wertes bewusst. 

Gestern bin ich durch einen Kommentar auf Facebook auf ein ganz grauseliges Sprachproblem gestoßen, das mich immer noch stark beschäftigt: die Verwendung der „richtigen Begriffe“ im Zusammenhang mit Behinderten und Behindertenarbeit. (Gerade habe ich in dem Zusammenhang gleich zwei böse Fehler gemacht).

In einer wirklich sehr netten Facebookgruppe, die das Ziel hat gelungene Beispiel für Inklusion aufzuzeigen, fragte eine Schülerin nach Unterstützung, die eine Jahresarbeit zum Thema Inklusion schreiben will. Ihr fehlten aber noch die nötigen Informationen:

„Ich brauch Nähmlich infos über die Inklusion von Blinden bzw Sehbehinderten und Taubstummen.“, hatte sie in ihrer Frage geschrieben.

Auch den ersten Kommentar dazu möchte ich hier wörtlich zitieren: „Entschuldige aber wo lernst du ? Es ist einfach übel in der Heutigen Zeit noch von Taubstumm zu reden oder schreiben . Der Begriff Gehörlos ist der Allgemeine Sprachgebrauch und deine Ausdrucksweise ist Beleidigend .“

Damit bin ich jetzt auch beim Thema. Die Inklusion bringt offenbar einen Haufen böser Fettnäpfchen mit sich, in die man voll reinlatscht, wenn man nicht zum erlesenen Kreis der (zum Teil sogar hauptberuflichen) Inkludierer gehört. Das Problem ist ja nicht ganz neu – auch in feministischen und frauenbewegten Kreisen gab es ja diese Art von Aus- und Abgrenzung schon.  (Zum Glück werden die Texte mit den „/Innen“ langsam weniger; mittlerweile genügt der einmalige Hinweis, dass sowohl männliche als auch weibliche Personen gemeint sind.) Vor gar nicht so langer Zeit mussten wir uns dann vom geliebten süßen „Negerkuss“ und dem feurigen „Zigeunerschnitzel“ verabschieden. Diskriminierend und beleidigend. Nicht ganz nachvollziehbar, finde ich. Beide Begriffe sind doch positiv besetzt.

Da können die Bäcker doch froh sein, dass sich die Landwirte nicht durch ein schnödes „Bauernbrot“ diskriminiert und beleidigt fühlen (ich denke da nur an „Dumm wie Brot“ und dann noch in Zusammenhang mit Bauern…. da sind wir dann schnell bei den dicken Kartoffeln. – Aber lassen wir das lieber! Schlafende Hunde soll man ja bekanntlich nicht wecken).

Die Inklusion bringt jetzt neue Empfindlichkeiten und Fettnäpfchen mit sich. Die sind übrigens weniger von den Leuten geschaffen, deren Teilhabe durch die Inklusion verbessert werden soll, als vielmehr von denen, die sich mit viel Engagement und gutem Willen (häufig unter Ausschluss der Einzuschließenden) um die Umsetzung der Inklusion kümmern. Das Ergebnis ist, dass eine ahnungslose, unbedarfte Schülerin angefahren und belehrt wird, dass ihre Ausdrucksweise aus dem letzten Jahrhundert stamme und beleidigend sei. Ganz ehrlich: trotz aller sprachlichen Vorsicht, die ich in der Inklusionsarbeit mittlerweile walten lasse, hätte mir der Begriff „taubstumm“ auch noch entweichen können (ich bitte alle Gehörlosen deswegen um Verzeihung).

Ziel der Inklusion soll doch sein, alle mit einzubeziehen, oder habe ich das falsch verstanden?

Sicher hat jede Bewegung ihre eigene Sprache. Eine gemeinsame Sprache signalisiert ja auch Zusammengehörigkeit. Darum erfinden Kinder ja auch gerne eine „Geheimsprache“ und darum gibt es ja auch die Fachsprachen. Das ganz große Problem dabei ist leider, dass hier Sprache ganz klar dafür genutzt wird, sich abzugrenzen, nicht eingeweihte auszuschließen. In Bezug auf die Inklusion ist das doch eher kontraproduktiv!

Inklusion braucht eine Sprache, die eine Teilhabe aller ermöglicht – darum ist ja beispielsweise auch die „Leichte Sprache“ entstanden. Wenn Sprache im Zuge der Inklusion ausgrenzt, läuft da etwas ganz gewaltig schief!

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Ein Kommentar zu “Ausgrenzung durch Sprache der Inklusion

  1. Ich gebe dir völlig Recht, dass der Schülerin durchaus ein wenig mehr „Fehlertoleranz“ zugestanden werden sollte. Ich finde es auch wichtig, dass Menschen nicht Angst bekommen müssen, etwas falsches zu sagen. Man hätte sie einfach wohlwollend über eine für die „Betroffenen“ angenehmere Wortverwendung informieren sollen.
    Sich über Sprache Gedanken zu machen, halte ich dennoch für sehr wichtig. In Texten zum Beispiel auch weibliche und andere Geschlechtsidentitäten sichtbar zu machen durch „*in“ oder „_in“ sorgt dafür, dass der Prototyp Mensch in den Köpfen nicht immer nur männliche Geschlechtsorgane hat. Begriffe wie „N****“ – den du auch oben angeführt hast – sind lange Zeit sehr abwertend genutzt worden und die Menschen, die so bezeichnet werden, trifft dies verständlicherweise. Sie wollen nicht so genannt werden, also sollte man dieses Wort möglichst vermeiden.
    Dass wir nicht immer alles wissen und reflektieren können, ist klar. Deshalb sollte freundlich und nicht in ausgrenzender Weise darauf hingewiesen werden. Völlig egal ist Sprachverwendung allerdings auch nicht – denn auch durch Sprache kann Ausgrenzung geschehen.

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