Hilfsmittel sollen doch eigentlich helfen, oder?

Als Ergotherapeutin betrachte ich immer wieder die Hilfsmittel, die Menschen mit Einschränkungen ihren Alltag erleichtern sollen. Dabei fällt mir häufig auf, dass es nicht zu einer Erleichterung kommt durch oder mit dem Hilfsmittel, sondern im Gegenteil: vieles wird anstrengend und mühsam. Der gerne in den Medien verwendete Begriff „an den Rollstuhl gefesselt“ bekommt oft fast eine zutreffende Bedeutung. Nämlich immer dann, wenn ein Mensch, der sich mit dem Teil selbständig und unabhängig fortbewegen will, von der Krankenkasse bzw. seinem Sanitätshaus nur einen Standardrollstuhl, einen sogenannten „Leichtrollstuhl“ zur Verfügung gestellt bekommt. Irgendwie hat es sich zu den Verordnern und den Sanitätshäusern noch nicht herum gesprochen, dass sich die Dinger wirklich nur dazu eigenen, einen Menschen von A nach B zu schieben. Trotzdem ist es die Art von Rollstühlen, die am meisten im Verkehr sind. Wo bleibt denn da die unabhängige Teilhabe? Selbst im Altenpflegeheim möchte ich nicht immer sitzen und warten bis jemand Zeit hat, mich hin und her zu karren. Auch da möchte ich selber entscheiden können, dass ich mich mit Lischen Müller vor dem Speisesaal noch auf einen kleinen Schnack treffe, bevor es Abendessen gibt. Oder ich möchte mich auf den Weg zum Café machen, um ein Eis zu essen. Dabei möchte ich nicht von Angehörigen oder ehrenamtlichen Helfern abhängig sein. Also auch da muss den Bewohnern ein angepasster, leichtgängiger Rollstuhl zur Verfügung stehen. Als Behindertenbeauftragte und als Therapeutin erlebe und erfahre ich aber leider immer wieder, dass selbst junge Menschen einfach mit einem Leichtrollstuhl versorgt werden. Ganz böse wird es, wenn die dann von unwissenden anderen Medizinern auch noch aufgefordert werden, sich doch mehr zu bewegen oder mehr raus zu gehen. Das ist dann schon zynisch.

Viele depressive Erkrankungen und Krankheitsverarbeitungsstörungen könnten mit vernünftigen Hilfsmitteln verhindert oder zumindest gelindert werden.

Traurig finde ich es immer, wenn ich eine zierliche, kleine Omi mit ihrem Rollator am Bordstein oder beim Einsteigen in den Bus kämpfen sehe. Das von den Kassen finanzierte Modell ohne Zuzahlung ist nämlich aus Stahlrohr und sperrig und schwer. Dabei gibt es leichtere Modelle mit größeren Rädern, die auch auf Kopfsteinpflaster oder unbefestigten Wegen noch gut zu benutzen sind. Die sind aber leider viel teurer. Leisten können sich die nur diejenigen, die zuzahlen oder die jemanden haben, (Angehörige oder Sanitätshaus und Arzt), die für eine Einzelfallentscheidung bei der Krankenkasse sorgen. Dabei kann ein Discounter wie Lidl einen Rollator, der fast baugleich ist mit einem Markenrollator aus dem Sanitätshaus ist, sein Produkt für nur 89 Euro anbieten. Der aus dem Sanitätshaus kostet um die 250 Euro. Der Discounter-Rollator ist bei Stiftung Warentest auch genauso gut getestet worden. Einziger Unterschied: er hat keine Hilfsmittelnummer. Damit kann er auch nicht über die Krankenkasse bezogen werden. Natürlich gibt es beim Discounter  keinen Service, wie beispielsweise das Einstellen auf die richtige Höhe und es gibt auch in der Breite nicht die Auswahl an Maßen, die das Sanitätshaus bestellen kann. Aber bezüglich der Höheneinstellung habe ich so manches Mal meine Zweifel an der Fachkenntnis der Sanitätshaus-Service-Kräfte, wenn ich Leute mit ihrem Rollator durch die Stadt schieben sehe….

Ich habe auch schon von Patienten gehört, die Orthesen „von der Stange“ aus dem Lager ihrer Krankenkasse bekommen haben. Dabei wäre eine Orthese nach Maß besser für die Heilung gewesen. Das habe ich allerdings nur aus zweiter Hand. Darum will ich das hier nicht festzementieren.

Vor einiger Zeit ging die Geschichte eines Jungen durch die Medien, der nur mit Hilfe eines Computers kommunizieren kann. Zu Hause hat er einen PC dafür. Die Krankenkasse hatte sich quergestellt, als es darum ging, dass er auch ein mobiles Gerät benötigt. Als ob es ausreichen würde, dass sich das Kind zu Hause an einem festen Platz verständlich machen kann. Andere Kinder können auch in der Schule kommunizieren oder sich mit dem Busfahrer oder dem Kaufmann unterhalten.

Geradezu fies finde ich es auch einem Menschen mit einer Halbseitenlähmung einen Rollstuhl zu geben, den man nur lenken kann, wenn man beide Hände dazu einsetzt. Schließlich gibt es doch die geniale Erfindung der Doppelgreifreifen.

So lässt sich hier noch etliches aufzählen, wo es bei der Hilfsmittelversorgung am Bedarf vorbei geht. Das hängt zum einen mit vermeintlichen Kosteneinsparungen zusammen, wobei das Augenwischerei ist. Folgeerkrankungen durch falsche oder schlechte Hilfsmittel verursachen nämlich ebenfalls Kosten. Aber das kommt dann vermutlich aus einem anderen Topf der Krankenkassen….

Das hängt häufig aber auch mit der Unkenntnis von Verordnern und Hilfsmittelversorgern zusammen. Der durchschnittliche Allgemeinmediziner verordnet vielleicht ein oder zwei Mal im Jahr einen Rollstuhl. Ihm kann man es nicht anlasten, dass er keinen Überblick über den riesigen Markt an Hilfsmitteln hat. Er hat schon genug damit zu tun, den Patienten zeitmäßig gerecht zu werden. Aber die Hilfsmittelversorger sollten Bescheid wissen und sich für ihre Klienten ins Zeug legen. Sie müssen nachfragen, was der Klient braucht, wie er sein Leben weiter gestalten will und, und, und…  Dafür wäre natürlich Interesse und Engagement erforderlich. Aber es geht ja auch ohne. Viele Patienten wissen sowie so nicht was möglich und was nötig ist. Die meckern dann auch nicht über das was sie bekommen. Aber sie sind trotzdem traurig wegen der damit verbundenen Einschränkungen ihrer Lebensqualität.

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