Inklusion, aber „Die“ sind wieder nicht dabei

Inklusion – was für ein schönes, rundes Wort. Es ist schon richtig vertraut, weil es derzeit in aller Munde und dadurch so richtig schön durchgelutscht ist. Da möchte man so langsam schon sagen „bäh, igittigitt!“ Auch weil das ewige Herumgelutsche nichts voranbringt.

Es sind zum Teil die selben Leute, die sich vor vielen Jahren mit der Integration Behinderter befasst haben, die sich heute um die Inklusion „kümmern“. Sie sind ja diejenigen, die die Ahnung und die Erfahrung haben – meinen sie. Sie sind auch diejenigen denen wir Bandwurmbegriffe wie „Menschen mit Behinderung“ oder Werkstatt für Menschen mit Behinderung“ zu verdanken haben, die aber, wenn sie von Behinderten und den eigenen inklusiven Plänen und Vorhaben reden,  immer von „Die “ sprechen, in etwa so: „Die brauchen…“ oder „Die können aber nicht…..“. Inklusiv wäre von „Wir“ zu sprechen. Das scheint mir außer in Behindertenverbänden und Behinderteninitiativen aber leider immer noch die Ausnahme zu sein. Ich bin ja ehrenamtliche Behindertenbeauftragte und als solche auch, ohne mich selber loben zu wollen, überdurchschnittlich aktiv. Unsere Stadt ist Kooperationspartner des Netzwerks Inklusion Segeberg, wo ich mich auch mit einbringe. Dadurch bin ich lokal in den einschlägigen Kreisen einigermaßen bekannt. Man lädt mich ein, wenn es irgendwas rund ums Thema Behinderung und Inklusion gibt. Außerdem schaue ich mich natürlich auch selber um, wo Inklusion verwirklicht werden soll.  Ich bekomme also einen recht guten Ein- und Überblick, was so läuft. Dabei fallen mir immer wieder zwei Aspekte besonders auf und ärgern mich:

Erstens werden Behinderte und Senioren gerne in einen Topf geworfen. Das wird weder der einen noch der anderen Gruppe wirklich gerecht. Zum einen, weil es  viele Behinderte gibt, die noch lange keine Senioren sind. Für sie sind beispielsweise Themen wie Frühförderung, Kindergarten, Schule, Ausbildung, Familiengründung und Sexualität, Wohnraum, der der Behinderung angepasst ist und auch für den Rest der Familie ausreicht, Arbeit, Urlaub, Freizeitgestaltung von Bedeutung. Senioren hingegen haben früher oder später häufig auch Behinderungen. Dies trifft aber längst nicht auf alle zu. Im Gegenteil – viele laufen noch Marathon oder leisten sich endlich ein tolles Fahrrad oder Motorrad oder gehen monatelang im Wohnmobil auf Tour. Zum Teil sind sie schon fast ein bisschen beängstigend, die „JungenAlten“. Die Bedürfnisse derer, an denen, um es mal salopp auszudrücken, der Zahn der Zeit genagt hat, die eben doch, meist altersbedingt,  körperliche und geistige Einschränkungen oder Behinderungen haben, sind überwiegend andere als die eines behinderten Kindes und seiner Familie, eines behinderten Jugendlichen und eines behinderten Erwachsenen vor der Seniorenzeit. Für Senioren geht es meist um Pflege, Schutz vor Vereinsamung, angepassten (kleineren) Wohnraum, Tagesstrukturierung und Freizeitgestaltung, um das mal ein bisschen verkürzt darzustellen.

Zweitens frage ich mich bei all dem Aktionismus, wo sind die Behinderten? Wann sollen sie denn endlich beteiligt werden? Manchmal fühle ich mich richtig als „Quotenbehinderte“! Bei all den vielen Veranstaltungen, Treffen, Brainstormings, Planungs- und Steuerungsgruppen bin ich meistens die einzige Behinderte. Auf meine Frage, wo denn das wichtigste im Rahmen der Inklusion geforderte bleibt, nämlich die Beteiligung derer, die es betrifft, habe ich schon zur Antwort bekommen „Die“ würden ja bestimmt nicht hier her kommen. „Die“ (als ob das eine homogene Gruppe wäre) wurden aber weder gefragt noch eingeladen. Wie sollen die Behinderten( „Die“) sich denn beteiligen, wenn sie nicht einmal wissen, dass etwas stattfindet. Aber immerhin handelt es sich um ein großes Projekt, an dem zum Großteil Beamte beteiligt sind, die sich in ihrem Berufsalltag schon mit der Anerkennung und Ablehnung von Wünschen, Ansprüchen und Rechten Behinderter befassen. Die gehen ja täglich mit behinderten Menschen um. Darum sind sie „Experten“. Meiner Meinung nach sind das ähnliche Experten, wie die, die von diversen Privatsendern rekrutiert werden, um einer eher schwammigen Aussage mehr Wahrheitsgehalt zu verpassen. Als Behindertenbeauftragte werde ich quasi als Deligierte der Behinderten betrachtet. Dabei bin ich nicht von einer Gruppe Behinderter gewählt worden, sondern von den Stadtvertretern meiner Heimatstadt.

Ich mag die Hoffnung ja noch nicht aufgeben. Aber so ganz wohl ist mir nicht dabei, wenn wir Inklusion verwirklichen wollen und bei der Planung und den Fragen nach dem was nötig ist, weiterhin diejenigen, die es betrifft ausschließen, also exkludieren.

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