WfBM und Inklusion

Arbeit ist ein wichtiger Teil des Lebens.  Im allgemeinen ist sie der Teil des Lebens, über den ein Mensch sich ein Stück weit indentifiziert. „Was machst Du denn jetzt?“ – ist die erste Frage die sich zwei Bekannte stellen, nachdem sie sich jahrelang nicht gesehen haben. „Was bist Du?“ und „was hast Du erreicht?“ steckt in dieser Frage. Jeder möchte auf die Antwort, die er darauf gibt, stolz sein können. „Ich habe das und das gelernt und habe jetzt diese Position; ich stehe auf eigenen Füßen und kann meine Familie versorgen…“ Darin unterscheiden sich auch Menschen mit Behinderung nicht von anderen. Als Kinder und Jugendliche haben sie auch ihre Wünsche und Träume, was sie einmal werden wollen. In einigen Bereichen schränkt ihr Handicap sie aber vielleicht ein.

Aber noch viel schlimmer ist, dass oft schon im Kindergarten und in  der Schule neue Handicaps geschaffen werden. Der gemeinsame Besuch von Kindertagestätten und Schulen durch behinderte und nicht behinderte Kinder ist nämlich immer noch nicht die Regel. Im Gegenteil – Eltern müssen oft mit Engelszungen reden oder sogar wahre Kämpfe durchstehen, damit ihr behindertes Kind zusammen mit den Spielkameraden aus der Nachbarschaft dieselbe Schule oder denselben Kindergarten besuchen darf.  So gibt es sogar Kitas, die Kinder mit einer Diabeteserkrankung nicht aufnehmen. Etliche Schulen nehmen behinderte Kinder gar nicht erst auf oder die Pädagogen versäumen es, das richtige Sozialverhalten mit den Schülern zu üben. So kann es dann dazu kommen, dass ein behindertes Kind zwar eine normale Regelschule besucht, dort aber mitten zwischen den anderen Schülern doch außen vor ist oder – noch viel schlimmer – sogar gehänselt wird. So kenne ich beispielweise eine junge Frau  mit einer Sehschädigung, die eine Hauptschule in einem großen Schulzentrum besucht hat. Trotz ihrer starken Einschränkung liebte sie es, zu lesen. Auch in den Pausen in der Schule hatte sie oft ein Buch dabei. Sie musste es sich sehr dicht vor die Augen halten, um die Buchstaben erkennen zu können. Und da kam es dann oft vor, dass  andere Schüler es besonders witzig fanden, ihr das Buch einfach ins Gesicht zu drücken. Die junge Frau hat nach der Hauptschule übrigens noch die mittlere Reife und das Abitur gemacht.

Es gibt allerdings auch positive Beispiele: das Städtische Gymnasium in Bad Segeberg beispielsweise hat Integrationsklassen. Da werden Kinder mit geistiger oder Lernbehinderung (oft auch Mehrfachbehinderungen) zusammen mit Gymnasiasten unterrichtet. Dafür stehen neben den Gymnasiallehrkräften auch Förderschullehrkräfte zu Verfügung. Hinzu  kommen Integrationshelfer, die auch außerhalb des Unterrichts für die behinderten Kinder da sind. Begonnen hat das vor etlichen Jahren mal als Projekt. Inzwischen ist es sogar Teil des Schulprogramms.

Der Besuch einer Regelschule ist aber leider auch nicht immer der Schlüssel zum Wunschberuf. Für die Arbeitsagentur ist es  oft mühselig, einen Arbeitsplatz für einen Menschen mit Behinderung zu suchen. Da ist es dann geradezu verführerisch, den Menschen in eine Behindertenwerkstatt (WfBM) zu stecken. Die haben immer Platz, die sind ständig darauf aus, zu expandieren. So hat Günter Mosen, Bundesvorsitzender der WfBM zum wiederholten Mal vorgeschlagen, die Werkstätten auch für  „gerinqualifizierte“, nicht behinderte Menschen zu öffnen. Dies würde zum Glück allerdings eine Gesetzesänderung erfordern.

Einen Menschen in eine WfBM zu schicken hat gleich mehrere Vorteile für die Arbeitsagentur und die Jobcenter:

  • die Person verschwindet dauerhaft aus der Arbeitslosenstatistik,
  • nicht mehr der Bund, sondern die Kommune ist zuständig für Zahlungen,
  • die Arbeitsagentur muss sich nie mehr mit dieser Person befassen.

Die WfBM verdienen einen Menge Geld mit den behinderten Menschen, denn dort wird nicht nur durch das Betreuungspersonal durchaus qualifizierte Arbeit geleistet. Größere Unternehmen geben beispielsweise Arbeitsaufträge an Behindertenwerkstätten ab, um auf diese Weise die Ausgleichsabgabe zu sparen.  Diese fällt an, wenn ein Unternehmen die Behindertenquote nicht erfüllt.

Das bedeutet, dass Unternehmen des ersten Arbeitsmarktes sehr wohl Arbeit haben, die von einem behinderten Menschen erledigt werden kann – aber leider nicht, da wo es auch nicht behinderte Kollegen und ein richtiges Gehalt gibt.

Behindertenwerkstätten sind in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts als „Beschützende Werkstätten“ eingerichtet worden. Damals gab es nämlich so gut wie keine Möglichkeiten, vor allem für geisig behinderte Menschen, woanders als zu Hause oder im elterlichen Betrieb einer sinnvollen Tätigkeit nachzugehen. Sogar in der Kindheit fehlte oft jede Unterstützung und Förderung, wenn sie nicht durch die Eltern geschah. Da waren die „Beschützenden Wekstätten“  schon ein riesiger Schritt nach vorne. Das ist aber rund vierzig Jahre her. Unsere Gesellschaft hat sich seitdem sehr stark verändert. Eltern mit einem behinderten Kind sind viel selbstbewusster geworden – zum Wohle ihres Kindes. Menschen mit Behinderung werden von ihren Familien nicht mehr versteckt, sie gehören dazu, und sie fordern ihre Rechte ein.

Vor vier Jahren hat Deutschland die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen unterzeichnet und erklärt damit die Inklusion zu ihrem Ziel. Hubert Hüppe, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen erklärt dazu: „Die UN-Behindertenrechtskonvention hat die Chancen weltweit verbessert, Benachteiligungen von Menschen mit Behinderungen abzubauen und die Teilhabe zu verbessern. Sie hat eindeutig festgelegt, Teilhabe ist Menschenrecht und kein Akt der Gnade.“

Teilhabe bezieht sich auch auf das Arbeitsleben. Da kann es nicht angehen, dass die Arbeitsagentur und das Integrationsamt einem jungen Menschen die Arbeitsassistenz verweigern, die eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit ermöglichen würde und stattdessen eine WfBM vorschlagen.

Da kann es auch nicht angehen, dass eine WfBM schon zur richtigen kleinen Fabrik wird. Wie anders lässt sich sonst eine Interneseite wie http://www.entia.de/ erklären. Das ist ein super sortiertes Versandhaus!  Im Angebot sind schöne und praktisches Gegenstände für fast alle Lebensbereiche.

„Viele Produkte werden in Werkstätten für Menschen mit Behinderung immer noch so hergestellt, wie es vor hunderten von Jahren üblich war: Mit Feile, Raspel, Hobel und dergleichen Werkzeug mehr. Wer eine Behindertenwerkstatt besucht erlebt, wie sich die Menschen dort mit ihrem Werk verbinden. Das ist das ganze Gegenstück zu den hochindustrialisierten Prozessen, in denen an Material und Arbeitszeit gespart wird, wo es eben geht. Aber das heißt durchaus nicht, dass die Werkstätten auf alle Neuerungen verzichten. In manchen findet man auch CNC-Fräsen und andere computergesteuerte Geräte – die dann von fitteren Mitarbeitern gesteuert werden. Aber es bleibt immer der ursprüngliche Gedanke einer sozialen Arbeit damit verbunden. Sogesehen sind alle Dinge im Sortiment von entia auch fair-trade-Produkte. Sie ermöglichen den Betrieb von Behindertenwerkstätten, die einerseits einen sozialen Schutzraum darstellen, gleichzeitig aber auch in einem Bereich produktiv sind, der in Deutschland immer mehr zu verschwinden droht, nämlich der Herstellung von Alltagsgegenständen in hoher handwerklicher Qualität.“, heißt es in einer Beschreibung zur Rubrik Haus-& Wohnaccessoires bei entia.

Da stellt sich dann die Frage, warum „die fitteren Mitarbeiter“ nicht auf dem ersten Arbeitsmarkt tätig sind. Außerdem erfordert die Arbeit „wie vor hunderten von Jahren“ eine Menge handwerkliches Geschick. Offenbar gibt es auch einen Absatzmarkt für die überwiegend gar nicht so teuren Produkte – würde sich sonst entia.de lohnen?

Ich habe mir auch Gedanken gemacht über das schreckliche Unglück in der Behindertenwerkstatt in Titisee-Neustadt. Ich möchte es aber hier nicht für meine Argumentation instrumentalisieren. Es ist so traurig, was dort passiert ist und mein ganzes Mitgefühl gilt den Überlebenden und den Angehörigen der Toten.

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