Präimplantationsdiagnostik (PID) – meine Gedanken dazu

Ich erinnere mich noch gut an die Berichte in den Zeitungen und im Fernsehen über die erste gelungene künstliche Befruchtung, die  sogenannte In-Vitro-Fertilisation (weitere Informationen, was das ist und wie es gemacht wird finden sich beispielsweise unter diesem Link:  http://www.wunschkinder.net/theorie/behandlungen-methoden/ivf/ ). Das war Ende der 70er-Jahre. 1978 wurde das erste auf diesem Wege gezeugte Baby geboren. Seitdem ist vielen Elternpaaren, die sonst kinderlos geblieben wären, der Wunsch nach eigenem Nachwuchs mit dieser Methode erfüllt worden. Für sie ist es also ein Segen. Aber die künstliche Befruchtung zusammen mit dem Fortschritt der Genforschung  eröffnet noch ganz andere Möglichkeiten….

Was ist denn nun Präimplantationsdiagnostik (PID)?

Da die  künstliche Befruchtung ja außerhalb des Körpers der Mutter stattfindet, Samen- und Eizelle sich also nicht in den Körpern der Eltern befinden, ist es möglich sie zu untersuchen. Auch bestimmte Erbmerkmale können dabei festgestellt werden, auch solche, die zu einer schlimmen, schweren Erbkrankheit führen können. Diese Untersuchung der Ei- und Samenzellen ist das, was als Präimplantationsdiagnostik bezeichnet wird.

Warum sollte man PID kritisch betrachten?

Die PID ermöglicht es, Ei- und Samenzellen auszusortieren, die „schlechte“ Erbmerkmale in sich tragen. Aber wer entscheidet das, was „schlecht“ ist? Eine schlimme Krankheit, das Geschlecht, die Haarfarbe oder die Farbe der Augen? Das lässt sich alles in den Zellen feststellen noch bevor Samen und Ei zusammengebracht werden. Es wäre also möglich, schon vor der Befruchtung zu bestimmen, was für ein Baby da zur Welt kommen soll.

Wie ist die PID in Deutschland gesetzlich geregelt?

Die Präimplantationsdiagnostik ist in Deutschland eingeschränkt erlaubt, nämlich dann, wenn eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass das Kind unter einer schweren Erbkrankheit leidet. So hat es der Deutsche Bundestag am 7. Juli 2011 in namentlicher Abstimmung (das Ergebnis  der namentlichen Abstimmung steht unter diesem Link: http://www.bundestag.de/bundestag/plenum/abstimmung/07072011_pid.pdf ) und später am 23.9.2011 auch der Bundesrat beschlossen. Eine Verordnung, die vom Bundestag erlassen wird und der Zustimmung durch den Bundesrat bedarf, soll das Gesetz nun mit Leben füllen, die nötigen Einzelheiten festlegen, beispielweise, wer zur Ethikkommission gehören soll oder welche Vorraussetzungen ein Zentrum erfüllen muss, um PID durchführen zu dürfen. Für diese Verordnung gibt es nun einen Entwurf (http://www.bmg.bund.de/fileadmin/dateien/Downloads/Gesetze_und_Verordnungen/Laufende_Verfahren/P/PID/Referentenentwurf_PID_Verordnung_120711.pdf ). In seiner letzten Pressemitteilung ( https://inklusionjetzt.wordpress.com/2012/07/31/ich-bin-entsetzt-und-mir-fehlen-die-worte/ ) hat Hubert Hüppe, der Beauftragte der deutschen Bundesregierung für die Belange Behinderter  diesen Entwurf heftig kritisiert.

Und nun endlich zu meinen eigenen Gedanken!

Hubert Hüppe ist mit seiner Kritik am Verordnungsentwurf nicht einmal in den ethischen Bereich der PID eingedrungen (grundsätzliche ethische Kritik an der PID hat er schon zu einem früheren Zeitpunkt geäußert) – es geht vorwiegend um formale Dinge. Diese werden aber weitgehend darüber entscheiden, wie häufig es dazu kommen könnte, dass eine Ei- oder Samenzelle aussortiert wird und unter welchen Vorrausetzungen das passieren dürfte.

Welchen Wert hat denn ein Leben, welchen Wert hat ein Leben mit Behinderung oder Krankheit? Welchen Wert hat es für den Betroffenen, welchen für seine Mitmenschen? Wann ist ein Leben lebenswert? Ja, und wer entscheidet das überhaupt?  Darf das überhaupt irgendwer entscheiden? Wer bestimmt, wer entscheidet? Wenn jemand entscheiden darf, dass ein Leben mit einer schweren Erbkrankheit gar nicht erst beginnen soll, darf der dann auch entscheiden, dass das Leben derer, die schon mit dieser Erkrankung leben, nicht lebenswert ist?Was ist mit den vielen Menschen, die erst im Laufe ihres Lebens schwer krank werden, auch durch Umwelteinflüsse, Unfälle oder Anderes?

Welche Gedanken machen sich Eltern, die sich zur PID entscheiden, welche Ängste haben sie? Trotz PID kann niemandem ein gesundes Kind garantiert werden. Gewöhnlich wird ja nur nach der Möglichkeit EINER Erbkrankheit gesucht?
Was passiert mit Zufallsfunden, wenn beispielsweise festgestellt wird, dass die eine Erbkrankheit ausgeschlossen ist, es aber Anhaltspunkte für einen anderen Gendefekt gibt?

Was passiert mit Paaren, in deren Familien schwere Erbkrankheiten schon vorgekommen sind, die keine PID wollen? Könnten die nicht unter gesellschaftlichen Druck geraten?

Kann es überhaupt eine zuverlässige Kontrolle der PID-Zentren, der Ethik-Kommissionen und der beteiligten Mediziner geben? (Gerade geht der Skandal um die Organtransplantationen durch die Medien – http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/universitaetsklinik-goettingen-chirurg-faelscht-liste-fuer-organtransplantation-11826324.html)

Wie kann Inklusion funktionen, also wie soll es funktionieren, dass es normal ist unterschiedlich zu sein, wenn es Menschen gibt, die entscheiden, ob ein Mensch mit einer bestimmten Erkrankung gar nicht erst auf die Welt kommen soll?

Geht es bei der PID vielleicht auch darum, für die Zukunft ein Instrument zu haben, weil durch Umweltschäden genetische Veränderungen (die zum Teil im Tierreich schon zu beobachten sind) beim Menschen zunehmen werden?

Ich habe jetzt eine Menge Fragen gestellt, aber keine beantwortet. Es ist so schwierig!

Ich habe selber eine Behinderung, die auf eine neurologische Erkrankung zurückzuführen ist (die möglicherweise auch erblich ist). Ich bin Mutter zweier bisher gesunder, intelligenter und insgesamt ganz gut geratener Kinder und verheiratet mit einem Mann, der eine erblich bedingte Stoffwechselstörung hat (er hat wenig Probleme dadurch, andere mit derselben Stoffwechselstörung sind schwerkrank und schwerstbehindert). Ich arbeite mit seelisch und geistig behinderten Menschen und habe auch schon im Altenpflegeheim gearbeitet und dort Menschen gesehen, die so schwer dement waren, dass sie selbst dann nicht einmal mehr gegessen haben, wenn man sie gefüttert hat, die  künstlich ernährt wurden,  nur noch im Bett lagen und alle zwei Stunden vom Pflegepersonal anders hingelegt wurden. Und ich habe meiner an Magen- und Darmkrebs erkrankten Oma bis zum Schluss das Gesicht gestreichelt, bis der Tumor sie endgültig ausgehungert hatte, sie wäre lieber schon früher und mit mehr Würde  gestorben und hatte sich Sterbehilfe gewünscht.

Ich habe eine unendlich große Achtung vor dem Leben und der Würde jedes Lebewesens. Ich bin aber auch kein Feind von Wissenschaft und Fortschritt. Im Gegenteil – ich bin überzeugt davon, dass es zum „ganz großen Plan“ gehört, dass sich unsere Welt und der Planet ständig verändern, dass immer wieder Neues entsteht oder gefunden wird. Motto und Sinn meines Lebens ist: Ich bin damit Neues entsteht, darum muss ich vergehen.

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4 Kommentare zu “Präimplantationsdiagnostik (PID) – meine Gedanken dazu

  1. Pingback: Aussortiert? Aktion T4 der Nazis, Präimplantationsdiagnostik und Trisomie21-Bluttest heute | Inklusion oder das ganz normale Unterschiedlich-Sein

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    • Natürlich hat mein Blog auch eine Kontaktseite, zu finden im Seitenmenü unter „Kontakt“. Hier befindet sich auch das Impressum. Da ich Pacifistin bin, bitte ich aber darum, von allem, was irgendwie mit Waffen zu tun hat abzusehen. Nicht ohne Grund befindet sich auch der Artikel zum Red-Hand-Day in meinem Blog.

      WAFFEN BRAUCHT NUR; WER ANGST HAT! ALLE ANDEREN KOMMEN MIT LIEBE AUS!

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