Tabu-Thema Missbrauch und Misshandlung Behinderter Menschen

Ich habe heute Abend im ersten deutschen Fernsehen, ARD, den Tatort mit dem Titel „Der letzte Patient“ gesehen. Noch immer beschäftigt mich das. Ein Junge, angeblich mit einer Lernbehinderung, eher aber wohl doch einer geistigen Behinderung, wurde von Männern, denen er als „Putzhilfe“ ins Haus geschickt worden war, sexuell missbraucht, von einem auch misshandelt. Das war zunächst gar nicht Thema des Filmes, sondern kristallisierte sich erst langsam heraus. Ich fand es schade, dass das Thema doch ein wenig in den Hintergrund gerückt ist – dahin wo es sonst auch still und uner(be)kannt vor sich hindümpelt.

Dabei passiert es täglich und viel öfter als man es sich vorstellen mag: Behinderte Menschen werden misshandelt (auch psychisch) oder (sexuell) missbraucht. 

Aber scheinbar interessiert das kaum jemanden. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal durch Nachrichten im Radio oder Fernsehen oder durch Zeitungen von einer Misshandlung oder einem Missbrauch eines Behinderten erfahren habe. Dabei sind behinderte Menschen häufig in einer ähnlichen Situation wie kleine Kinder: Sie sind von Angehörigen oder Plege- oder Hilfspersonal abhängig, sind darauf angewiesen, sie sind häufig nicht in der Lage sich zu wehren, sie verstehen nicht, was mit ihnen passiert, sie können sich nicht äußern, können nichts „verraten“. Das natürlich alles je nach Art der Behinderung. Ich habe zweimal geistig behinderte Frauen kennengelernt, die als junge Mädchen von ihren eigenen Müttern irgendwelchen Männern zugeführt wurden, die sich prostituieren mussten. Eine ist in der Folge sogar Mutter geworden. Das Kind wurde ihr wegen ihrer Behinderung weggenommen. Es wurde aber nicht nachgeforscht, wie es zu der Schwangerschaft kam.

Misshandlung ist es auch, wenn ein überforderter pflegender Angehöriger einen dementen alten Menschen nur noch anschreit oder ihn in seinem Zimmer einschließt, um endlich selber einmal Ruhe zu bekommen. Misshandlung ist es auch, wenn einem behinderten Menschen seine Würde genommen wird. Ich habe mal einen Mann gesehen, der bei einem Unfall ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten hatte. Er war halbseitig gelähmt, die geistigen Fähigkeiten eingeschränkt, konnte nicht sprechen und war inkontinent. Er lebte in einem Pflegeheim und wurde tagsüber in einer Behindertenwerkstatt beschäftigt. Dort sah ich ihn in seinem Rollstuhl sitzen in einer Hose, die ihm viel zu eng war und einem Pullover, von dem man das Frühstück ablesen konnte. Wer schon einmal länger als zwei, drei Stunden im Rollstuhl gesessen hat, weiß wie wichtig eine vernünftig sitzende und nicht zu enge Hose ist. Dort im Pflegeheim fehlte diese Erkenntnis bzw. dieses Wissen offenbar. Für mich grenzt das schon an Körperverletzung! Was den Pullover betrifft, sollte es doch selbstverständlich sein, dass der vor der Arbeit noch einmal gewechselt wird, wenn er verscmutzt ist. Wenn die Person es nicht selber tun kann, muss das Pflegepersonal eben helfen. Sauber und gepflegt zu sein, ist doch ein Grundbedürfnis und Teil der Menschenwürde!

Warum findet diese Thema sowenig Beachtung? Ist es,weil das alles meistens hinter verschlossenen Türen passiert? Ist es, weil es uns selber nicht so unmittelbar betrifft? Irrtum, es kann jeden Treffen – es reicht ein Unfall oder eine Hirnblutung! Ist es, weil die Betroffenen nicht laut genug schreien (können)? Oder ist es, weil man froh ist, wenn man neben Kindesmissbrauch und -misshandlung sich nicht auch noch mit diesem Thema im Zusammenhang mit Behinderten befassen muss?

Ich werde mich mit diesem Thema weiter beschäftigen, weil es mich beschäftigt. Ich werde auch weitere Informationen dazu hier reinschreiben.

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