Der schwierige Weg zur Inklusion

Drei Dinge beschäftigen mich heute: Zum einen, dass der Wirtschaft gerade bewusst wird, dass der Mangel an Fachkräften zunimmt. Zum zweiten, dass ich mich heute mit einer Frau unterhalten habe, die im Zweifel ist, ob es Sinn macht, mit ihrer Multiple Sklerose Erkrankung einen GdB (Grad der Behinderung) zu beantragen. Ihre Befürchtung ist, dass sich ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt dadurch verschlechtern. Als drittes habe ich von einem Mann erfahren, Mitte dreißig, der durch einen Schlaganfall eine Halbseitenlähmung und eine leichte geistige Beeinträchtigung hat.Er ist pflegebedürftig und derzeit  in einer Reha-Klinik. Vorher haben seine Eltern ihn gepflegt. Die sind jetzt aber auch krank. Die Frage ist, wo der Mann nach der Reha leben wird. Im Pflegeheim mit lauter alten Menschen zusammen? In einer betreuten Wohneinrichtung zusammen mit anderen behinderten Menschen? Warum nicht in einer eigenen Wohnung, wo er sein eigener Herr sein kann, versorgt von einem Pflegedienst bespielsweise?  Ich frage  mich, wo  die Inklusion bleibt.

Es gibt viele, sehr viele, gut ausgebildete Fachkräfte, die durch Krankheiten oder Unfälle eine Behinderung haben. Die könnten, wenn man sie denn einstellen würde, den Fachkräftemangel etwas verringern. Leider fehlt vielen Arbeitgebern immer noch das Wissen darüber, welche Möglichkeite, Hilfen und Unterstützung es bei der Beschäftigung Schwerbehinderter gibt. Auch ist ihnen nicht bekannt, welche Bereicherung für das Unternehmen behinderte Mitarbeiter sein können. Darüber hinaus kann das auch noch ein Imagegewinn sein, wenn sich die Firma auch sonst gerne als sozial präsentiert.

 Warum werden behinderte Menschen meistens an einem Ort in Gemeinschaftseinrichtungen untergebracht? Eine Behinderung nimmt einem Menschen doch nicht die Individualität! Wie bei den Menschen ohne Behinderung gibt es doch ganz unterschiedliche Bedürfnisse und Wünsche an das Leben – ob das nun darum geht abends lange aufzubleiben, laut Musik zu hören, feiern zu gehen oder mit einem Partner zusammen zu sein.

Leider ist Inklusion immer noch ein Fremdwort und das wird es auch weiterhin bleiben. Den behinderten Menschen fehlt nämlich schlicht und einfach die Lobby! Andere Themen erreichen viel schneller eine viel größere Öffentlichkeit. Ein großes Problem ist, dass die Gruppe der behinderten Menschen sehr unterschiedlich und vielfältig ist. Da sind diejenigen mit einer körperlichen Beeinträchtigung, die mit geistiger Beeinträchtigung und die mit seelischer Beeinträchtigung. Diese wiederum umfassen Menschen, deren Behinderung auf ganz unterschiedliche Ursachen zurückzuführen ist, die einen haben sie schon von Kindheit an, die anderen haben zunächst ein Leben ohne Beeinträchtigung geführt. Es gibt jede Menge Vereine und Verbände, die sich die Belange Behinderter zur Aufgabe gemacht haben, aber eben zum Teil mit recht unterschiedlicher Zielsetzung – so scheint es zumindest. Letztendlich soll aber im Ergebnis ein besseres, zufriedeneres Leben behinderter Menschen bei ihrer Arbeit heraus kommen. Gemein ist allen diesen Vereinen und Verbänden, dass vor allem Privatpersonen und ehrenamtliche Akteure die Arbeit vorantreiben und auf ihren Schultern tragen. Geld für umfangreiche Kampagnen fehlt meistens. Wirtschaftsunternehmen sind an der Unterstützung nur interssiert, wenn sie damit etwas für das eigene (soziale) Image tun können.

Ein anderes Problem ist noch das Selbstbild behinderter Menschen. Wie soll die Gesellschaft es als normal empfinden, dass auch eine Behinderung nur eine Spielart des Unterschiedlich-Seins ist, wenn auch die Behinderten selbst das nicht so empfinden. Behinderung muss in der Öffentlichkeit anders gesehen, dargestellt und benannt werden. Wer im Rollstuhl sitzt, ist nicht daran gefesselt. Er ist in der misslichen Situation, seine Beine nicht zur Fortbewegung nutzen zu können. Aber er ist in der glücklichen Situation, einen Rollstuhl als Hilfsmittel zu haben. Darin kann er selber herumfahren oder sich schieben lassen. Gerade Menschen, die von Kindesbeinen an im Rollstuhl sitzen, kennen es gar nicht anders und haben ihr Leben, wenn man sie gelassen hat, ganz gut darauf eingerichtet. Schwierig sind nur Barrieren, die von Fußgängern ohne bösen Willen und weil sie es nicht besser wissen, errichtet werden. Behinderung wäre auch eher ganz normales Unterschiedlich-Sein, wenn Behinderung in den Medien nicht immer wieder als etwas Ungewöhnliches herausgestellt würde. Ich denke da beispielweise an die RTL-Sendung „Let’s dance“. Warum musste immer wieder betont werden, wie hart die blinde Tänzerin trainieren musste. Das mussten die anderen doch auch! Aber die waren ja nicht behindert. Behinderte verkaufen sich in den Medien ähnlich gut wie kleine Kinder und Tiere. Wo bleibt denn da der Respekt? Als ob jeder Behinderte besonders schutzbedürftig wäre, sich nicht um seine Belange kümmern könnte! Behinderung ist nicht gleichbedeutend mit Unselbständigkeit.

Dann ist kürzlich noch ein Film im Fernsehen gelaufen, in dem es um den gemeinsamen Schulbesuch behinderter und nicht behinderter Kinder (ein erklärtes Ziel der Inklusion) ging. Ich selber habe ihn nicht gesehen. Aber dieser Film wurde vom Beauftragten der Bundesregierung für die Belange Behinderter Menschen heftig kritisiert, weil darin ein Beispiel nicht gelungener Inklusion dargestellt und ein Bild von behinderten Kindern gezeigt wurde, das der Sache nicht dient (dienen kann). Die behinderten Menschen, die fast nur oder nur Regelschulen besucht haben, sind wesentlich besser in die Gesellschaft integriert und meistens auch selbständiger als andere, die spezielle Schulen besucht haben. Damit Inklusion in der Schule gelingt, dürfen aber auch die Lehrkräfte nicht allein gelassen werden. Sie müssen unterstützt und entsprechend geschult werden. Wer eine Regelschule besucht hat, kann auch viel leichter eine Ausbildung machen und Arbeit auf dem ersten Arbeitsmarkt finden. Daneben profitieren auch die nicht behinderten Kinder von ihren behinderten Mitschülern. Sie können ihr Sozialverhalten schulen und lernen ganz andere Perspektiven kennen. Auch ihr Umgang mit behinderten Kollegen im späteren Berufsleben kann dadurch geprägt sein.

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