Was soll dieses Blog eigentlich?

In erster Linie geht es mir darum, das Thema Inklusion bekannter und immer mehr Menschen vertraut mit diesem Fremdwort zu machen. Mein Ziel ist es, der Utopie des selbstverständlichen, gleichberechtigten Miteinanders aller Menschen etwas näher zu kommen, ganz gleich welchen Geschlechts, Alters, welcher Herkunft, behindert oder nicht behindert…

In loser Folge möchte ich hier Texte einstellen zu allem, was mir im Zusammenhang mit Inklusion ein- oder auffällt, was mich beschäftigt und worüber ich mir Gedanken mache. Manchmal bin ich gar nicht sicher, ob meine Meinung festbetoniert ist. Darum würde ich mich auch sehr über einen Austausch mit den Besuchern meines Blogs freuen – nicht nur über Kommentare im Blog, sondern auch gerne über persönliche E-Mails.

Empfehlen möchte ich auch meine  kommentierte Linkliste, die ich auch gerne noch erweitere.

Nun wünsche ich viel Spaß beim Lesen!

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Feueralarm im Hotel in London

Gleich vorweg – es war vermutlich nur eine Übung, als morgens um zwischen drei und vier Uhr der Alarm losheulte. Aber Übungen sind ja bekanntlich dafür da, dass man aus ihnen lernt.

Kurzurlaub in London. Eine Freundin hatte mir dieses schöne Hotel empfohlen. Es ist in den Buchungsportalen zwar nicht als barrierefrei ausgewiesen, bietet mir aber alles, was ich brauche.

Schon beim Einschecken ins Hotel war mit das erste, dass ich ein Formular ausfüllen musste, wo ich angeben musste, ob ich im Falle eines Feuers Hilfe bei der Evakuierung benötige und  dass mir gezeigt wurde, zu welchem Notausgang ich im Falle eines Falles gehen sollte – die Aufzüge darf man bei Feuer nicht benutzen. Im Falle einer Feuers sollte dann jemand vom Hotelpersonal da sein, um mir zu helfen. War aber nicht! Zum Glück kann ich die Treppe runterkrabbeln und ein anderer Gast hat meinen Rollstuhl getragen. Ich frage mich nun, was jemand gemacht hätte, der die Treppe nicht alleine schafft…. Klar auch dem hätten die anderen Gäste vermutlich irgendwie geholfen. Aber trotzdem finde ich es schwach, dass da niemand vom Hotel war oder von der Feuerwehr. Die Feuerwehr war auch nur mit einer Handvoll Leute und einem Fahrzeug angerückt. – Ich hoffe, dass das im Ernstfall anders wäre!

Sehr ruhig und geordnet kamen die Leute alle raus, so wie es sein sollte, ohne ihre ganzen Sachen mitzunehmen. Ein Paar war sogar barfuß. Ein Hotelmitarbeiter stand draußen in gelber Warnweste mit Walky talky und wies uns an, dass wir uns vom Gebäude entfernen sollten. Etwa fünfzig Meter weiter haben sich alle versammelt. Da standen wir also. Niemand vom Hotel kam, um sich einen Überblick zu verschaffen, ob alle draußen sind. Auch vonseiten der Feuerwehr kam niemand, um zu kontrollieren, ob alle das Gebäude verlassen haben.  Wie gesagt, vermutlich war es nur eine Übung. Aber damit soll ja der Ernstfall geprobt werden.

So einen Ernstfall habe ich vor zwei Jahren in Frankreich erlebt, in einem Mehrfamilienhaus mit Tiefgarage. Der Ablauf dort war komplett anders, viel geordneter. Alle mussten auch da natürlich das Gebäude verlassen. Die Feuerwehr hatte das alles unter Kontrolle! Es gab eine klare Anweisung dazu, wo der Sammelpunkt ist.  Sehr schnell wurde damit begonnen, geordnet zu kontrollieren, ob auch wirklich alle draußen sind. Hierzu wurde jeder einzelne gefragt, aus welcher Wohnung er ist, wieviele Personen in der Wohnung waren und ob von denen alle draußen sind. Danach wusste die Feuerwehr genau, welche Wohnungen noch zu kontrollieren waren, ob da womöglich noch jemand Hilfloses drinnen ist. Parallel waren natürlich schon Feuerwehrleute mit der Erkundung und der Bekämpfung des Feuers im Aufzug des Hauses befasst.

Ich dachte, dass es so, wie ich es in Frankreich erlebt habe, Standard in Europa  ist. Heute habe ich erlebt, dass das nicht so ist. Ich stelle mir nun die Frage, was bei einem echten Feuer hier im Hotel gewesen wäre. Das Gebäude hat sechs Stockwerke! Es kommt in Hotels auch durchaus vor, dass mal Personen da sind, die nicht eingecheckt sind.

Warum Fülle ich beim Einschecken ein Formular aus, dass ich im Brandfall Assistenz brauche und dann ist aber keine da? Arbeitet die Feuerwehr in London anders (schlechter) als in Frankreich? Verlässt man sich einfach darauf, dass die Leute schon alle selber gucken, dass sie rauskommen? Zwischen drei und vier Uhr morgens könnte jemand, der vielleicht ein bisschen feiern war, durchaus auch noch in einem Zustand sein, dass er Hilfe benötigt und das Zimmer nicht selbständig verlässt.

Wie gesagt, ich vermute, dass es eine Übung war. Es gab keine sichtbaren Flammen und die ganze Sache war nach einer guten halben Stunde erledigt. Aber im Ernstfall hätte ich mir das anders gewünscht!

 

Resterampe

Kommen Sie! Greifen Sie zu! In Zeiten des Fachkräftemangels kriegen Sie von uns eine Fachkraft geschenkt! Greifen Sie zu! Sie können die Fachkraft sogar ausprobieren. Bei Nichtgefallen geben Sie sie einfach zurück!

Arbeitgeber aufgepasst! Kennen Sie schon die Probebeschäftigung für Behinderte Menschen? Bei Neueinstellung können Sie einen 100%igen Lohnkostenzuschuss erhalten (...)

Wer will noch mal, wer hat noch nicht? Greifen Sie zu! Es kostet nichts und es gibt auch kein Risiko! 

Ich finde es ja gut, dass die Agentur für Arbeit und das Jobcenter endlich kapiert haben, dass man bei den Arbeitgebern ansetzen muss, wenn man Menschen mit Behinderung in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse auf dem ersten Arbeitsmarkt bringen will. Aber doch bitte nicht so! Das ist keine Inklusion! Hier werden Arbeitnehmer mit Behinderung oder ihnen Gleichgestellte wie Sauerbier angepriesen. Dabei kann man der Statistik der Agentur für Arbeit entnehmen: „Schwerbehinderte Arbeitslose sind im Durchschnitt zwar älter, aber im Mittel auch etwas höher qualifiziert als nicht-schwerbehinderte Arbeitslose. Dabei war 2016 der Anteil der arbeitslosen schwerbehinderten Frauen ohne Berufsabschluss etwas höher als bei den arbeitslosen schwerbehinderten Männern – aber immer noch geringer als bei den nicht-schwerbehinderten arbeitslosen Frauen.“  (Quelle: Arbeitsmarkt kompakt 2017 Situation schwerbehinderter Menschen).

Detailierteren Statistiken kann man sogar entnehmen, das der überwiegende Teil der der Arbeitnehmer mit Behinderung (und der Gleichgestellten) über eine abgeschlossene Berufsausbildung verfügt oder sogar einen akademischen Abschluss hat.

Arbeitgeber sind verpflichtet, Menschen mit Behinderung zu beschäftigen! Es wird ihnen aber immer noch viel zu leicht gemacht, sich dieser Verpflichtung zu entziehen. Kleine Betriebe sind sowieso außen vor. Erst ab zwanzig Mitarbeitern greift die Quote von 5 % Mitarbeitern mit Behinderung. Größere Betriebe kaufen sich über eine lächerlich niedrige Ausgleichsabgabe von ihrer Pflicht zur Beschäftigung von Menschen mit Behinderung frei. Eine andere Möglichkeit ist, einfache Tätigkeiten an eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung abzugeben. Dabei schlägt man dann gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe: man hat die Menschen mit Behinderung nicht im eigenen Betrieb, man muss keine Ausgleichsabgabe zahlen, man bekommt hervorragende Arbeit für ganz kleines Geld (die Menschen in den Werkstätten haben ein Einkommen auf Sozialhilfeniveau und bekommen nicht einmal Mindestlohn!), und man kann sich ganz sozial geben, weil man ja was für die Behinderten tut…

Arbeitgeber, die aber doch selber Mitarbeiter mit Behinderung einstellen, können davon profitieren: da ist zunächst einmal der Lohnkostenzuschuss, eigentlich gedacht als Minderleistungsausgleich. Minderleistung? Die meisten Arbeitnehmer mit Behinderung, die wirklich arbeiten wollen, leisten eher mehr als 100 %, aus Angst, ihren Job wieder zu verlieren. Das heißt, dass der Arbeitgeber einen qualifizierten,  überdurchschnittlich engagierten Mitarbeiter bekommt, für den er oft nur die Hälfte oder weniger des regulären Gehaltes zahlen muss. Dazu werden oft auch Kosten für die behinderungsbedingte Anpassung oder Ausstattung des Arbeitsplatzes bezahlt.

Ich finde es sehr schade, dass man versucht Arbeitgeber in marktschreierischer Weise zu ködern mit einem Angebot, dass schnell zur Enttäuschung werden kann. Gerade viele Menschen, die einen GdB unter 50 haben, haben meistens keine Einschränkungen, die so stark sind, dass sie einen (hohen) Lohnkostenzuschuss rechtfertigen würden. Gewöhnlich wird der Zuschuss auch nur zeitlich begrenzt gewährt (blöd für den Arbeitnehmer, wenn dass mit dem Ende des befristeten Arbeitsvertrages zusammenfällt…)

Es wäre sinnvoller Arbeitgeber an ihre Verpflichtung zur Beschäftigung von Menschen mit Behinderung zu erinnern. Das könnte man ihnen schmackhaft machen, indem man ihnen klar macht, dass sie andernfalls auf gut qualifizierte Mitarbeiter verzichten, die zudem gewöhnlich hoch motiviert sind. Dann sollte man die Ausgleichsabgabe mindestens verdreifachen und die jährlichen Meldungen über die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung auch überprüfen. Das Freikaufen über die Vergabe von Aufträgen an WfbM sollte gar nicht mehr möglich sein.

 

„Je öller, je döller“ – die beiden alten Männer in Wacken

Zugegeben, ich fand es auch drollig und habe es in Kombination mit unserem plattdeutschen Spruch „je öller, je döller“ auch auf Facebook geteilt: zwei alte Herren aus einem Altenheim in Dithmarschen waren in Wacken. Sie wurden von der Polizei aufgegriffen und in ihr Altenheim zurück gebracht. Sie wurden in ein Taxi gesetzt und von der Polizei mit einem Streifenwagen eskortiert, damit sie ja nicht wieder ausbrechen?

Wacken ist ein Rockfestival. Die Leute, die den Rock zuerst gelebt und gefeiert haben, sind heute alt. Sie mögen – welch Wunder – immer noch die Musik ihrer Jugend und die sie durch ihr Leben begleitet hat. Warum sollen sie nicht auch Lust auf Wacken haben?

Zum Problem wird die Lust auf tolle Veranstaltungen immer dann, wenn Menschen irgendwo vollstationär leben, ob nun der alte Mensch im Altenheim oder ein Mensch mit Behinderung in einer Wohneinrichtung. Die Selbstbestimmung der Bewohner unterliegt hier den Heimregeln sowie dem Dienstplan und der Lust und Laune der Mitarbeiter. Wer in einem Heim lebt, kann nicht alleine für sich entscheiden, dass er auf ein Konzert -oder eben nach Wacken – fährt. Das muss geplant und organisiert werden. Außerdem wird auch von anderen entschieden, ob er das überhaupt kann oder schafft. Noch schwieriger wird es, wenn eine Begleitung erforderlich ist. Veranstaltungen finden oft erst abends (Nachtdienstzeit) oder am Wochenende statt. Das bedeutet Mehrarbeit und Überstunden fürs Personal. Das Ergebnis ist meistens, dass der Bewohner auf die Veranstaltung verzichten muss.

Wir dürfen nicht vergessen, dass jemand, der in einer Einrichtung lebt, nicht entmündigt, dort kein Gefangener ist. Dieser Eindruck entsteht aber, wenn man an die Geschichte der alten Männer in Wacken denkt. Wie Ausbrecher aus dem Gefängnis werden sie von der Polizei zurück gebracht. Das sind erwachsene Menschen, die vermutlich in den 70, 80 Jahren ihres Lebens einiges auf die Beine gestellt haben. Man belächelt sie und macht sie zur Kuriosität. „Von wegen Volksmusik und Tanztee (…)“, heißt es in einem Zeitungsbericht.

Ein Treppenlift und fast ein Genickbruch

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Ich war gestern mal wieder in Hamburg, in der Innenstadt, mal nicht an der Mönkebergstraße  oder in der Spitalerstraße, auch nicht an der Binnenalster. Ich war mal dort, wo sich die Schönen und die Reichen so herumtreiben – am Neuen Wall und Große Bleichen. Da ist alles chic und teuer. Im Schaufenster bei Gucci gab es Bekleidung zu sehen, die ich nicht mal zum Karneval tragen würde.  In einem Lampengeschäft dort gibt es Designerstücke, die kosten mehr als ein Monatsgehalt beispielweise einer Krankenschwester oder eines Physiotherapeuten. Aber jedem das seine! Mir fehlt nichts, wenn ich das nicht habe. An den Großen Bleichen gibt es zwei Absätze im Weg entlang dem Fleet, mit Treppen. Aber man hat da tatsächlich auch an die Rollstuhlfahrer gedacht. Leider aber nur gut gedacht….

Es gibt dort nämlich Treppenlifte, die auch sehr hübsch sind und sich vom Design her gut in die Umgebung einpassen. Nun kommt das große ABER: Benutzen kann ein Rollstuhlfahrer diese Treppenlifte nicht selbständig. Er muss eine auf einem leider schon recht ausgeblichenen Schild stehende Telefonnummer eines Bekleidungsgeschäftes anrufen. Dann kommt eine sehr nette Mitarbeiterin des Geschäftes mit dem Schlüssel für den Lift. Der wird in eine Bediensäule gesteckt und es wird ein kleiner Drehschalter betätigt. Nun sollte sich eigentlich etwas bewegen. Tat es aber nicht. Es war gerade ein Hausmeister in der Nähe, der sich des Problems annahm An der Bediensäule gibt es einen Notaus-Knopf. Den hatte vermutlich irgendjemand gedrückt. Der Hausmeister verschwnad im Keller, wo er den Notaus vermutlich zurücksetzen kann. Als er wieder kam, wollte der Lift zunächst noch nicht funktionieren. Der Notaus-Knopf musste erst mal wieder rausgezogen werden. Dann setzte sich das Wunderwerk der Technik in Bewegung. Toll!

Der Hausmeister begleitete mich dann zum zweiten Treppenabsatz, wo er wiederum in einem Laden zunächst den Schlüssel holen musste. Auch hier zickte der Lift erstmal rum. Der Hausmeister war noch sehr auf die Bediensäule konzentriert, als der Lift sich in Bewegung setzte. Darum bemerkte er auch nicht, dass hinter ihm ein Stehtisch zur Hälfte mit dem Fuß auf der Liftplattform stand. Zum Glück sah ich aber, wie der Tisch anfing zu kippen und die darauf stehende Glasvase anfing zu rutschen. Ich rief ihm zu „Vorsicht“! Und er konnte noch ausweichen. Andernfalls wäre ihm den Tisch mit der Kante ins Genick gestürzt und die Vase wäre ihm auf dem Kopf zerschellt.

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Die Liftplattform ist hochgefahren. Im Vordergrund steht ein Aschenbecher, der vom Tisch gefallen ist. Hinten liegen noch Scherben von der zerbrochenen Vase. Neben der Liftplattform steht der Stehtisch, der dem Hausmeister das Genick hätte brechen können.

 

Ich mag mir gar nicht vostellen, was die Konsequenzen gewesen wären. Der Mann hätte tot sein können! Das nur, weil ein Gastronom meinte, dass er den Liftbereich als zusätzliche Stellfläche benutzen kann. Ich weiß nicht, ob es der Gastwirt selber oder einer seiner Mitarbeiter war, der nach draußen geeilt kam, weil er vermutlich das Scheppern der zerbrechenden Vase gehört hatte. Er war sich vermutlich gar nicht im Klaren darüber, in welche Gefahr er den Hausmeister gebracht hatte. Im Gegenteil, er war erstens sauer, dass seine Vase kaputt gegangen war und meinte zweitens noch, dass man den Tisch doch wegnehmen müsse, bevor man den Lift betätigt. Als ob es das normalste von der Welt wäre, eine Liftplattform mit einem Tisch zu blockieren….

Ich finde es klasse, dass man hier an Rollstuhlfahrer und Leute mit Rollator oder Kinderwagen gedacht hat! Es ist aber sehr schade, dass die Umsetzung so schlecht ist, zumal hier vermutlich sehr viel Geld in die Hand genommen worden ist. Sinnvoll ist so ein Lift nur, wenn man ihn ohne großen Aufwand auch außerhalb der Öffnungszeiten der Geschäfte nutzen kann und wenn er zuverlässig funktioniert. Die ständige Verfügbarkeit  – zumindest für Rollstuhlfahrer könnte man mit Hilfe des Euroschlüssels gewährleisten. Es bleibt  aber das Problem mit dem Notaus-Knopf und dass der so angebracht ist, dass auch ein kleines Kind mal eben im Vorbeigehen da drauf drücken kann. Was natürlich überhaupt nicht geht, dass ein Gastronom seine Tische auf den Lift stellt. Außerdem hätte ich mit einem größeren Rollstuhl den zweiten den Lift nicht nutzen können, weil oben eine Sonnenliege und unten ein Blumenkübel im Weg waren.treppenlift hamburg 3

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Wie süß! – Der Schwer in Ordnung Ausweis

Oh guckt mal, wie herzig! Das sympathische Mädchen mit Trisomie 21 hatte eine süße Idee! Wie lieb! Dann verändern wir jetzt zwar nicht wirklich etwas, sondern verschenken eine liebevolle Verpackung, für etwas, das die Schwerbehinderten zu 95 % für niemanden sichtbar im Portemonnaie tragen und das von manchem aber großkotzig rausgeholt wird, um damit (vermeintlich) die unberechtigte Nutzung eines Behindertenparkplatzes zu rechtfertigen. Gerne wird das Teil ohne jede Scham gezückt, wenn man sich damit irgendwelche Vergünstigungen erhofft und von manchem Zeitgenossen auch mal heftig Unmut geäußert, wenn es mal keinen Behindertenrabatt gibt. 


Was nützt es dem Mädchen, wenn ihr Ausweis jetzt in einer Hülle steckt, mit der Aufschrift Schwer in Ordnung? Vielleicht gehört sie schon zu den Glücklichen, die inklusiv beschult werden, obwohl das in den Augen vieler ja nur Geld kostet und zu Lasten der nicht behinderten Kinder geht… Wird sie später, vermutlich mit einem Förderschulabschluss, eine Chance bekommen, einen weiteren Schulabschluss zu machen? Wird man ihr die Möglichkeit geben, eine Ausbildung außerhalb einer Einrichtung für Behinderte zu machen? Wird sie eine Arbeit auf dem ersten Arbeitsmarkt finden und davon unabhängig leben können und dürfen? Wird man ihr zugestehen, selbstbestimmt zu leben, in einer eigenen Wohnung, ohne von anderen vorgegebenen Tagesablauf, einen Partner und Sex zu haben, Kinder zu bekommen, die sie auch selber großziehen darf? Das sind die entscheidenden Fragen! Diese niedliche Verpackung für den Behindertenausweis ist doch nur wie Heile, heile Segen-Singen, wenn ein Kind sich gestoßen hat.

Doch kein Märchen

Heute war verkaufsoffener Sonntag in Neumünster. Am Großflecken waren wieder einmal alle  Behindertenparkplätze belegt – von Falschparkern. Vier Behindertenparkplätze! Aber die netten Männer vom Ordnungsamt waren schon da und fleißig am Aufschreiben, Fotografieren und Dokumentieren. Ich erfuhr, dass auch die Abschlepper auch schon bestellt seien. Darauf warten konnte ich da natürlich nicht. Ich fand aber zweimal um die Ecke noch einen anderen Behindertenparkplatz. Da waren aber weitere andere Behindertenparkplätze auch von Falschparkern besetzt…. Weiterlesen

Die Augen sind der Spiegel der Seele

Fotoausstellung „Mit anderen Augen“

Es sind die Augen. Augen sind der Spiegel der Seele, sagt der Volksmund. „Mit anderen Augen“ ist der Titel eines Fotoprojekts in der Psychosomatischen Klinik in Bad Bramstedt (Schön Klinik). Fotos fangen Augenblicke ein. Und es ist genau der Blick der Augen, die den Betrachter der Fotos packen. Es sind immer zwei Augenblicke derselben Person, die da neben einander gestellt sind. Und es ist beeindruckend, welche Veränderung zu sehen und möglich ist.

Ich habe kürzlich Chefarzt Dr. Bernhard Osen in der Schön Klinik in Bad Bramstedt getroffen und mich von ihm durch die Fotoausstellung im Foyer der Klinik führen lassen. Er hat das Projekt in Leben gerufen. Menschen mit psychischen Störungen – Essstörungen, Angst- und Zwangsstörungen oft zusammen mit Depressionen – kommen zu ihm in die Klinik. Es sind Menschen, die leiden unter ihrer Erkrankung – und häufig auch zusätzlich, weil die Umgebung sie entweder stigmatisiert oder, weil es schlicht nicht zur Kenntnis genommen wird, dass man krank sein kann, auch wenn von außen (vermeintlich) alles heil aussieht. Zu Beginn der Behandlung fotografiert Dr. Osen die Patienten, wenn sie damit einverstanden sind. Er hat dafür die Möglichkeit geschaffen, sein Büro mit wenigen Handgriffen zu einem Fotostudio zu machen. Er lässt die Patienten das fertige Bild betrachten und fragt sie, was sie auf dem Bild sehen. Neben den Fotos in der Ausstellung sind die Antworten auf diese Frage dokumentiert. Die Eigenwahrnehmung der Männer und Frauen ist dabei sehr stimmig zu dem, was die Bilder zeigen.

Tatsächlich sind es die Augen, ist es der Blick der Menschen, die die Angst, die Unsicherheit, den Zweifel, ein gewisses Gehetzt-Sein, Wut und Misstrauen aussprechen, das, was vergraben und verdrängt liegt und nagt und beißt. Deutlich wird das, wenn man dann das Foto daneben betrachtet, den Augen-Blick am Ende der Behandlung. Eine Zeit harter Arbeit, meist auf mühsamen und steinigen Wegen liegt hinter den Patienten. Sie haben viel über sich selbst gelernt und erfahren, haben daran gearbeitet, wie sie sich selbst und alles um sie herum wahrnehmen und einordnen, haben auch gelernt, besser auf sich zu achten und haben erste Schritte auf neuen Wegen gewagt. Trotzdem zeigt sich auf den zweiten Bildern keine Erschöpfung. Im Gegenteil, der Blick ist kraftvoller, zuversichtlicher, offener, selbstbewusster, zielgerichteter. Und aus den Augen strahlt Leben! Auch zum zweiten Foto gibt es jeweils einen kleinen Text von den Abgebildeten, der deutlich die Veränderung, die Entwicklung, dokumentiert.

Ich bin selber Ergotherapeutin von Beruf und habe auch schon häufig Patienten mit psychischen Erkrankungen behandelt. Im täglichen Umgang mit den Menschen sieht man die Veränderungen nicht oder nur selten so deutlich, weder als Therapeut noch als Betroffener. Darum war ich von dieser tollen Ausstellung zutiefst beeindruckt. Hinzu kommt, dass Dr. Osen über ein hervorragendes fotografisches Können verfügt. Die Bilder sind sehr schön, alle!

Für die Menschen, die da abgebildet sind, dokumentieren sie eine Entwicklung, eine Veränderung, und sind oft noch viel mehr, wie beispielsweise für Anne, die das erste Bild als Mahnung an sich selber benutzt, weil sie so nie wieder aussehen wolle, hat mir Dr. Osen erzählt. Sie sieht sich jetzt „Mit anderen Augen“.